Trotz Notenrekord: «Ich fühle mich nicht als Genie»
Von Noemi Weber. Aktualisiert am 08.09.2010 41 Kommentare
Artikel zum Thema
«Ein bisschen wäre ich enttäuscht gewesen, wenn ich die Matura nicht mit neun Sechsern abgeschlossen hätte», gibt die junge Maturandin Kim Borsky zu. Die 18-Jährige hat letzte Woche an den Maturaprüfungen an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) in Wetzikon einen Notenrekord aufgestellt. Ihre Freunde und Schulkollegen waren sicher, dass sie es schaffen würde, doch sie selbst zweifelte daran. «Für die schriftlichen Prüfungen musste ich nicht mehr viel lernen, doch die Vorbereitungen für die mündlichen waren katastrophal», sagt die Rütnerin. 14 Bücher musste sie während zweier Wochen lesen, weil sie zuvor in den Ferien am Strand unmotiviert gewesen war.
Kim Borsky ging schon immer sehr gerne zur Schule, die vierte Klasse übersprang sie. Nach der Primarschule wechselte sie ans Langzeitgymnasium an der KZO und belegte das altsprachliche Profil mit Latein. Wie ist es möglich, in allen Fächern mit der Bestnote abzuschneiden? «Früher machte ich es falsch: Ich lernte immer alles», erklärt Borsky. Doch im Laufe der Schuljahre habe sie ihr Lernverhalten umgestellt. «Ich fing erst am Tag vor der Prüfung mit dem Lernen an, denn unter Druck arbeite ich besser», sagt die junge und ehrgeizige Frau. «Ich begann, Zusammenhänge zu sehen und konnte mir so den Schulstoff besser merken.» Ausserdem überlegte sie sich immer, nach welchem Schema die Lehrer die Prüfungsfragen stellten.
Wörtli lernen ist unerlässlich
Manchmal war auch eine Nachtschicht nötig. Dann lernte Borsky jeweils bis morgens um zwei oder drei Uhr. Mit zwei Schulkollegen kommunizierte sie mitten in der Nacht per Internet oder Telefon, um Probleme zu lösen. «So lernten wir uns besser kennen, denn während Lernpausen sprachen wir auch über andere Dinge.» War diese Lerntaktik erfolgreich? «Habe ich einmal etwas gelernt und verstanden, bleibt es lange in meinem Gedächtnis haften», sagt Borsky.
Ein Genie sei sie aber nicht, denn sie habe jeweils viel Zeit ins Lernen investiert. Ging es darum, Wörter für eine Fremdsprache auswendig zu lernen, war sie nicht besonders motiviert. «Möchte man aber eine Sprache beherrschen, ist dies unumgänglich», sagt Borsky, die viel und gleichzeitig überlegt spricht. Lieber lernte sie Biologie oder Geografie, wo es um alltägliches Wissen ging.
Lateinisches Buch übersetzt
Die Maturandin ist auch neben der Schule vielseitig interessiert. Musik und Sport macht sie, um abzuschalten. Im Alter von sechs Jahren begann sie mit Fechten, und seit knapp zehn Jahren spielt sie Klavier. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsfach überlegt Borsky lange. «Ich interessiere mich für alle Fächer, egal ob Sprachen, Chemie oder Geografie.» Mathematik fasziniere sie aber am meisten. Neben Englisch, Französisch und Latein lernte sie Spanisch.
Auch das Freifach Chinesisch hätte sie interessiert, doch wegen ihres vollen Stundenplans hörte sie wieder damit auf. Weil ihre Mutter Dänin und ihr Vater Tscheche ist, hat sie Kenntnisse in diesen Sprachen. Auch ihre Maturitätsarbeit hatte mit Sprachen zu tun: Gemeinsam mit einer Schulkollegin machte sie eine Erstübersetzung eines lateinischen Buches und schrieb dazu einen Kommentar zur Entstehungsgeschichte des Buches.
«Ich wurde nie gemobbt»
Einzig Zeichnen mag die Maturandin nicht. «Zudem kann ich nur langsam lesen, deshalb bevorzuge ich kurze Bücher», sagt sie. Sie sei keine Leseratte, möge aber Hesse und aktuelle Schriftsteller wie Urs Widmer. Nach so viel Matura-Pflichtlektüre brauche sie nun aber eine Lesepause. Eine weitere Schwäche sei ihre Unordentlichkeit. «Ausserdem bin ich manchmal etwas zerstreut. Ich möchte immer alles zur selben Zeit machen», sagt Borsky.
Wie nahmen es ihre Mitschüler auf, dass Borsky immer so gute Noten schrieb? «Neidisch waren sie nie, sie gönnten mir die guten Leistungen», erzählt die Maturandin. Ein Image als Streber habe man automatisch in einer solchen Situation. «Meine Schulkollegen mobbten mich aber nie, denn sie wussten, dass ich neben der Schule andere Hobbys hatte. Ich bekam lediglich lockere, lustige Sprüche zu hören», sagt sie. Zudem sei sie froh, dass ihre Lehrer nicht gute Schüler bevorzugten, sondern alle gleich behandelten. Auch von ihren Eltern sei sie nicht zu guten Leistungen gedrängt worden. «Sie mussten mich manchmal eher etwas zurückhalten und nahmen mir auch den Druck, mit Sechsern abschliessen zu müssen», sagt Borsky.
Auslandaufenthalt vor Studienbeginn
Nun wird die Maturandin ein Zwischenjahr einlegen. Sie geht für ein halbes Jahr als Aupair nach London und verbringt zwei Monate in den USA. Danach möchte sie mit einem Studium beginnen, vermutlich Sprachen oder Medizin. Dies liegt in der Familie: Ihr Vater ist Chirurg, die Mutter Krankenschwester. Was sie wirklich studieren wird, weiss Borsky noch nicht: «Ich kann mich noch nicht entscheiden. Weil ich mich für so viele Gebiete interessiere, ist es schwierig, mich im Studium zu spezialisieren.»
Mehr Nachrichten und Hintergründe vom Oberland gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an oberland@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.09.2010, 21:14 Uhr
WRITE A COMMENT
41 Kommentare
Ganz ehrlich, Diese Schülerin wäre an so manch anderer Kanti wohl bei einem 5,3 Schnitt gelandet. An unserer Kanti war der Bestschnitt bei etwa 5,2. Muttersprachler von Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch bekamen KEINE 6er! Ich will nicht daran zweifeln, dass sie gut sei, jedoch glaub ich dass sich hier wohl die KZO mit ihren guten Schülern rühmen will. Eigentlich traurig ... Antworten
Vor 10 Jahren an einem Gymnasium im Thurgau wäre es absolut unmöglich gewesen, eine 6er (eidg.) Matura zu absolvieren. Der beste Schnitt war 5.3 oder 5.4. Für vier Sprachen mussten nicht 14 Bücher, sondern 26 gelesen werden. 12-14 Std. auf eine Maturprüfung zu lernen hätte im Leben niemals gereicht, nicht einmal für eine 4. Ich wage zu behaupten, das Matura-Niveau hat heute massivst abgenommen. Antworten
schade, dass es an den heutigen kantonsschulen möglich ist, mit kurzzeitbüffeln zu reüssieren. 14 bücher in zwei wochen? da hat wohl kaum eine seriöse und gründliche beschäftigung mit der lektüre stattgefunden, so wie man sie für eine höchstnote eigentlich erwarten sollte. haben sich da vielleicht die lehrer von einer gewitzten "systemkennerin" übertölpeln lassen? Antworten
Das Studium einer Naturwissenschaftlichen Disziplin bzw einer Ingeneurdisziplin kann ich Ihnen nur ans Herz legen! Zusammenhänge und Systematiken zu erkennen und diese gezielt einzusetzen um eine Problemstellung zu lösen scheint Ihre Stärke zu sein. Genau das ist in diesen Disziplinen gefragt. Die Schweiz braucht junge talente wie Sie! Am Do 9.9.2010 sind an der ETH Maturanden Tage! Cu there! Antworten
Bei unserem Schulsystem stehen Bestnoten im Vordergrund. Ob man dann auch wirklich etwas fürs Leben gelernt hat, was hängen bleibt und einem mehr Reife, Wissen und Erfahrungen beschert, ist unwichtig. Gutes Kurzzeitgedächtnis ist gefragt, das verschafft gute Noten, und einen gewissen Durchblick, was an der nächsten Prüfung gefragt wird. Nicht fürs Leben lernt man, sondern für das nächste Examen. Antworten
In Wetzikon haben eine stattliche Anzahl Schüler eine 5.3 und mehr als Maturanote erhalten. Das erstaunt doch sehr. Als bester Maturand an einem grossen Gymnasium bekam ich eine 5.2 (war dann auch im Studium bei den Besten). Leider ist die Notengebung je nach Lehrer und Schule sehr verschieden und nicht vergleichbar. Oftmals ergibt das für dieselbe Leistung bis zu einer ganzen Note Differenz! Antworten
@Alejandro Dal Din und @Hans Müller: Die Noten werden oft nach dem Klassenschnitt kalibriert. Trotzdem wird die Dame besser als die oberen 2% sein, was 140 entsprechen würde. Ich tippe eher auf 150-160, da sie strategisch lernen kann. Aber da sind wir schon bei "Zahlengeilheit". Wenn sie später die falsche Ausbildung macht, kann sie mausearm enden.Dann lieber kein Mensa-Mitglied und schweinereich. Antworten
Aussergewöhnliche Leistung! Dazu braucht es IQ, Fleiss, Motivation und Strategie. Ich kenne auch einen 6.0-Fall der Kantonsschule Reussbühl (LU). An der Kanti war ich oft demotiviert, was sich beim Auswendiglernen (besonders) Wörter störte. Fleiss lernte ich an der ETH (Informatik). Strategie ... erst nach dem Studium. IQ: gesteigert! Ich weiss, dass es 3-10x schlauere Leute gibt.Kann damit leben. Antworten
@hans müller: Das mag wohl sein. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Schwierigkeiten zu wenig hoch sind, wenn jemand überall die Höchstnote erreichen kann. Die Höchstnote sollte vergeben werden, wenn auch die Maximalpunktzahl erreicht wurde. Heute wird der Notenschnitt oft der durchschnittlichen Leistung der Schüler angepasst. Würde mich mal interessieren, welchen IQ die Dame hat. Antworten
Naja, an der Kanti habe ich auch immer am Vortag gelernt. Das ging auch immer mit guten Leistungen. An der Uni habe ich aber schnell gemerkt, dass Fleiss plötzlich unerlässlich ist und reines Verständnis allein nichst bringt. Das war ein brutales Erwachen, habs letztendlich aber geschafft. Ich kenne aber viele Kantikollegen, die glaubten, wie an der Kanti gehe es an der Uni weiter. Schlechte Idee Antworten
Als Absolvent der Kantonsschule Zürcher Oberland bin ich jetzt natürlich versucht zu sagen: "Natürlich, was kann man von einer derart guten Schule anders erwarten?" Nein, im Ernst und in aller Bescheidenheit: Ich gratuliere der jungen Frau zu diesem sensationellen Resultat. Es tut gut, mal wieder etwas derart Positives, Motivierendes zu lesen. Es leben die Wissenschaften! Und solcher Nachwuchs! Antworten
Alle die Versuchen diese Leistung zu schmälern sind nur neidisch oder haben keine Ahnung wie es heutzutage am Gymi zu und her geht. @Alejandro: vielleicht ist Kim einfach einiges intelligenter als der beste Schüler euer Schule? @Irma: wenn man am Mittag/Nachmittag mit lernen anfängt und bis 2 oder 3 Uhr nachts durchmacht dann ziemlich viel Zeit (locker 12-14 Stunden) investiert!! Antworten
Schlägt hier das "Burtscher"-Syndrom zu? Jemand wird hoch gejubelt und ein Artikel erscheint mit lauter widersprüchen. "14 Bücher musste sie während zweier Wochen lesen" versus "Zudem kann ich nur langsam lesen". Oder: "Ich fing erst am Tag vor der Prüfung mit dem Lernen an" versus "denn sie habe jeweils viel Zeit ins Lernen investiert". Die Frau mag Talent haben, der Artikel jedoch ist unseriös. Antworten
Wenn es möglich ist, in allen Fächern eine 6 zu erzielen, waren die Prüfungen zu einfach - keine Frage. Allen Respekt vor der Intelligenz und Lerntechnik von Kim Borsky, aber bei uns an einer anderen Kantonsschule im Kanton Zürich war der höchste Notenschnitt des Jahrgangs eine 5.25. Antworten
Gratulation zu der Leistung. Aber was sie sagt, ist nicht nur positiv: Sie hat eigentlich nicht aus Interesse am Stoff oder zur Wissensvermehrung gelernt, sondern nur für die Noten. Nachtschichten vor der Prüfung dienen nicht dazu, sich den Stoff nachhaltig einzuprägen, das ist lernpsychologisch gesichert. Und offenbar hat sie jeweils "effizient" nur das gelernt, was sie in Prüfungen erwartete. Antworten
Das ist eine erstaunliche Leistung, wir sollten über 2 Aussagen nachdenken: 1. Lernt sie kurzfristig, das kann bedeuten, dass das gelernte nach der Prüfung wieder weg ist, oder dass in den Prüfungen nicht "nachhaltig" abgefragt wird. (schlecht) 2. Offensichtlich überlegt Sie sich wie der Lehrer die Prüfungen macht, das ist ein guter Trick um besser zu lernen (selber Aufgaben erfinden), (gut) Antworten
Ich mag dieser jungen Frau ihre schulischen Bestleistungen gönnen, umso mehr sie "geerdet" und bescheiden geblieben scheint. In der Berufspraxis kommen später noch ganz andere Anforderungen (weiche Faktoren) auf sie zu. Erst dann zeigt sich, was ihre Noten wirklich wert sind. Mich würde interessieren: verfügt sie über ein photographisches Gedächtnis? Antworten
"Wörtli lernen ist unerlässlich". Dieser Satz erscheint mir besonders interessant. Aeltere Personen waren noch gewohnt einzelne Wörtli zu erlernen. Dieses System wurde in Schulen und Kursen umgestellt. Das führte dazu, dass viele ältere Personen gar nicht mehr in der Lage sind, mit dem heutigen System eine neue Fremdsprache zu erlernen. Wer machte die gleiche Erfahrungen? Was meinen Lehrer dazu? Antworten



Bernard Weber
Ich wuenschte dass wir hier auf Hawaii solche Studenten und solche Berichterstatter haetten. Gratulation an beide. Bernard Weber Antworten