Zürich
An der Goldküste fehlt das Geld für guten Fussball
Im Sommer 2007 gelang dem FC Küsnacht ein Exploit, wie er am rechten Seeufer zur Rarität geworden ist: Nach 19?Saisons in den Niederungen des Zürcher Amateurfussballs stieg der Verein pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum in die 1. Liga auf. Allerdings zeigte er sich in der höheren Spielklasse zumeist überfordert, und schon am Ende des Jahres stand der direkte Wiederabstieg fest.
Seither hat sich der FCK zweimal im Tabellenmittelfeld der 2. Liga interregional klassiert. Ein erneuter Aufstieg in die 1. Liga scheint momentan in weiter Ferne. So haben sich die Zeiten geändert: In den Sechzigerjahren war der FCK noch fast permanent in der obersten Amateurliga vertreten gewesen, ebenso in den Achtzigern.
Sturz in die Bedeutungslosigkeit
Noch deutlich düsterer sieht es beim FC Stäfa aus. Die erste Mannschaft verabschiedete sich 1996 nach fünf Spielzeiten aus der 1. Liga. In den vergangenen 2 Jahren hat der 115-jährige Traditionsverein dann eine erschreckende Talfahrt erlebt. Bisheriger Tiefpunkt war der Abstieg in die 3. Liga vor 10 Tagen, seither bewegt sich der FC Stäfa in der gleichen sportlichen Bedeutungslosigkeit, aus der andere Dorfklubs wie Meilen oder Männedorf schon seit Jahren nicht mehr herauskommen.
«Ich glaube nicht, dass sich ein Goldküstenverein heutzutage noch nachhaltig in der 1. Liga etablieren kann», sagt Roger Küng, Präsident des FC Stäfa. Die hiesigen Vereine seien den regionalen Platzhirschen geografisch zu nahe. Klubs wie der FC Rapperswil-Jona, der FC Freienbach oder der FC Tuggen, die mit viel grösseren Budgets operieren und dementsprechend hohe Löhne bezahlen können, locken die talentierten Fussballer an. All diese Vereine würden von Grosssponsoren unterstützt, die teilweise mehrere 100 000 Franken pro Saison einschössen, sagt Küng. Um in der 1.?Liga mithalten zu können, benötige man alleine für die erste Mannschaft mindestens eine halbe Million Franken. «Solche Beträge sind für Dorfklubs wie den FC Stäfa nicht zu stemmen.» Früher sei Fussball in den meisten Gemeinden die klare Nummer eins gewesen, erinnert sich Küng. Konkurrent im Kampf um die Gunst der Sponsoren und des Gewerbes sei höchstens der lokale Turnverein gewesen. «Heute verteilt sich der Geldkuchen auf Dutzende Vereine, die alle partizipieren wollen.»
Optimistischer ist Heinz Gross. Der Präsident des FC Küsnacht will seinen Verein mittelfristig zurück in die 1. Liga führen. Allerdings will auch er nicht mit der grossen Kelle anrichten. Die Küsnachter verfolgen eine andere Strategie: Seit Anfang Jahr kooperieren sie mit den Grasshoppers. Auf dem Trainingsstützpunkt Fallacher in Küsnacht werden talentierte Junioren aus der Region ausgebildet. Jene mit dem grössten Potenzial wechseln mit 14 oder 15 Jahren zu GC auf den Campus in Niederhasli, die restlichen sollen beim FCK bleiben. So, hofft Gross, werde der Küsnachter Nachwuchs gestärkt – und damit mittelfristig auch das Fanionteam.
Eigentlich hätte sich der seit 11 Jahren amtierende Präsident eine intensive Zusammenarbeit mit Nachbarvereinen gewünscht. Mit seiner Forderung nach einem «FC Goldküste» hatte er in der Vergangenheit aber stets das Gegenteil bewirkt. Die Rivalitäten zwischen den verschiedenen Dorfklubs sind seit Jahrzehnten gewachsen – die wenigsten Regionalfussballer können sich vorstellen, plötzlich im selben Trikot aufzulaufen wie die langjährigen Konkurrenten.
Keine Lust auf Kooperation
So zumindest sieht es Roger Küng: «Der Derbycharakter zwischen den Gemeinden ist so ausgeprägt, dass Spieler und Fans eine Kooperation nie akzeptieren würden.» Und auch für Lars Haussmann, den Präsidenten des FC Herrliberg, ist klar: «Ein FC Goldküste ist für uns überhaupt kein Thema.»
Gross, der Berner ETH-Wissenschafter, hält solche alten Ressentiments für überholt. «Heutzutage sind die Spiele zwischen den Seegemeinden doch gar keine richtigen Derbys mehr», sagt er. An ein 3.-Liga-Spiel zwischen Küsnacht und Herrliberg kämen gerade mal 30 Zuschauer. «So kann gar keine Derbystimmung aufkommen.»
Heikel ist die Frage, welche Liga ein Dorfklub überhaupt anstreben müsste. Diese ist nämlich mit einem Dilemma verbunden: Spielt der Verein zu weit oben, können kaum eigene Nachwuchsspieler eingebaut werden; spielt man auf zu bescheidenem Niveau, ist man für die talentierten Junioren zu wenig attraktiv, und diese verlassen den Stammverein.
Mindestens in der 2. Liga regional sollte die erste Mannschaft vertreten sein, sind sich Gross, Küng und Haussmann einig. Den Aufstieg in ebendiese Liga hat der FC Herrliberg vor gut drei Wochen geschafft. Während in der vergangenen Saison vor allem Punkteprämien in die Mannschaftskasse flossen, sollen in der kommenden Spielzeit leistungsabhängige Spesenentschädigungen an alle Kadermitglieder ausbezahlt werden. Diese Gelder werden laut Haussmann von einer breit abgestützten Sponsorengruppe zur Verfügung gestellt.
Geld regiert selbst die 3.?Liga
Der Stäfner Küng regt sich über diese Entwicklung auf. Zu viel Geld verseuche den Breitensport, ist er überzeugt. In solch tiefen Spielklassen hält er einzig Punkteprämien für akzeptabel. «Dass bereits in der 3. Liga um Spieler geworben wird und diese mit Geld geködert werden, ist erschreckend.» Wenn das so weitergehe, müsse man bald auch in der 5. Liga in die Schatulle greifen, damit sich die Amateurfussballer die Schuhe schnürten.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.07.2010, 21:06 Uhr
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