Big Brother is watching you – auch hinter Plakaten

Die Küsnachter IP Multimedia, ein Unternehmen der Goldbach Media, ist für den Big Brother Award 2008 nominiert. Weil sie ihre Plakate mit Kameras versehen will.

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Die Verantwortlichen der IP Multimedia mit Sitz in Küsnacht fallen aus allen Wolken, als sie vom TA von ihrer Nominierung für den Big Brother Award 2008 erfahren. Davon hätten sie noch nie etwas gehört. Mehr wollten sie dazu trotz mehrfacher Anfrage nicht sagen.

Grund für die Nominierung ist die Tatsache, dass IP Multimedia noch dieses Jahr Adscreens – digitale Werbeplakate – mit Kameras ausstatten will. An ausgewählten Orten wird das Pilotprojekt gestartet, bei dem die Kameras erfassen, wer eine Werbung wie lange anschaut. So sollen genaue Messzahlen geliefert werden können, was bis anhin schwierig war. In der Selbstbeschreibung preist IP Multimedia, «die führende private Vermarkterin in der Schweiz in den Bereichen TV, Radio, Adscreen und Special Products», diese Neuerung als Qualität der Marktforschung. Verläuft die Testphase positiv, könnte das Messsystem bereits Anfang 2009 flächendeckend in der Schweiz eingeführt werden.

Kein Verstoss gegen das Gesetz

Aus Datenschutzgründen ist das nicht unproblematisch. Deshalb wurden die Adscreens der IP Multimedia nun auch für die Big Brother Awards 2008 nominiert. Laut dem stellvertretenden Datenschutzbeauftragten des Kantons Zürich, Beda Harb, verstossen die Adscreens nicht gegen das schweizerische Datenschutzgesetz: «Ein Verstoss erfolgt erst, wenn die Daten gespeichert werden oder die Bilddaten Rückschlüsse über die Identität der gefilmten Personen erlauben.» Beides treffe nicht auf die Adscreens zu. Auch könnten die Daten noch nicht mit weiteren persönlichen Daten verknüpft werden, sagt Harb.

Weitere Schritte in falsche Richtung

«Das ist richtig», bestätigt Sozialwissenschaftler Christoph Müller, Mitorganisator der Big Brother Awards. «Trotzdem ist die Tendenz, dass immer mehr öffentliche Räume überwacht werden, problematisch. Es ist ein weiterer Schritt in die falsche Richtung», sagt Müller. Mit der Verleihung der Big Brother Awards solle die Bevölkerung für die gefährliche Entwicklung des Datenschutzes sensibilisiert werden.

Müller hofft, dass die Leute in Zukunft nicht mehr so naiv mit ihren Daten umgehen. «Durch die Adscreens können zwar noch keine Rückschlüsse auf die Personen geschlossen werden, doch liegt das Problem woanders: Stehen überall Kameras, beginnen sich die Menschen aus Angst aufzufallen, zu normiert zu verhalten.» Als Folge würden sie sich vielleicht nicht mehr getrauen, zu lachen oder einen Luftballon mitzunehmen. Daraus, sagt Müller, würde eine gefährliche Verhaltensänderung unserer Gesellschaft resultieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.10.2008, 21:10 Uhr

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