Zürich

Das Untier von Feldmeilen frisst Schienen

Von Lorenzo Petrò . Aktualisiert am 18.11.2008

Zwischen Meilen und Herrliberg wird das Bahngleis ersetzt. Noch den ganzen Monat lang sprühen die Funken während der Nacht.

(Bild: Michael Trost)

 Hightech und Handarbeit: In und um die Gleiswechselmaschine, die im Moment in Meilen unterwegs ist, sind 25 Personen beschäftigt. Sie legen Klammern auf oder fräsen die Schweissnähte glatt.

Hightech und Handarbeit: In und um die Gleiswechselmaschine, die im Moment in Meilen unterwegs ist, sind 25 Personen beschäftigt. Sie legen Klammern auf oder fräsen die Schweissnähte glatt. (Bild: Michael Trost)

Gleis war nicht "schlecht gelegt"

Die Gleisverwindung, die mitverantwortlich sein soll am Unglück im Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen vom 30. September, ist nicht auf ein «schlecht gelegtes» Gleis zurückzuführen, wie im Oktober vermeldet. Vielmehr könnten solche Verwindungen, bei denen eine der beiden Schienen im Schotter mehr nachgibt als die andere, immer wieder vorkommen. Das stellt der zuständige Untersuchungsbeamte Jean Gross von der «Unfalluntersuchungsstelle Bahnen und Schiffe» klar. Ursache könnten auch Umwelteinflüsse sein. Zudem habe die Verwindung nur zusammen mit zu eng gekoppelten Wagen und einem einseitig mit Schotter beladenen Güterwaggon zum Entgleisen des Zuges führen können. Der entgleiste Waggon – der letzte von 11 Stück in der Bauzugkomposition – hatte, von Meilen her kommend, bei seiner Einfahrt in den Bahnhof einen Sachschaden von rund 300'000 Franken verursacht. Sämtliche Geleise werden laut SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi alle 14 Tage abgeschritten und zudem zweimal pro Jahr mit einem Diagnosegerät genau analysiert. (lop)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Jeden Abend ab 21.30 Uhr müssen die S-Bahn-Passagiere auf der Strecke zwischen Herrliberg und Meilen auf Busse umsteigen. Die einen wissen nichts von den vorverlegten Abfahrtszeiten, andere suchen vergeblich den Bahnersatzbus. Bis Ende November dauert der Ausnahmezustand. Der Grund: Ein Ungetüm geht in diesen kalten Nächten in Feldmeilen auf den Gleisen um.

Es ist eine Riesenschlange, so hoch und so lang wie zwei S-Bahn-Waggons. Zurzeit trifft man das Tier auf der Höhe der Schwabachstrasse an. Es ist eine Boa, das verkündet zumindest das Logo zwischen seinen bernsteinfarbenen in die Dunkelheit leuchtenden Augen. Darunter öffnen sich weit die Kiefer des Ungetüms. Sie schlucken den alten, müden Schienenstrang, der im Bauch der Boa durch einen starken neuen ersetzt wird. Denn die Boa ist kein böses Tier, auch wenn sie manchmal laut wird und an

Kopf und Schwanz die Funken sprühen. Die Boa ist ein gutes Tier, eine Boa Constructor sozusagen. Sie hört auf ihren Herrn, den Waadtländer Ami Thomey. Auf ihn hören auch die zehn Maschinisten im Bauch der Boa. Sie kontrollieren ständig den Verlauf der Arbeiten, die Stoffwechselvorgänge im Verdauungstrakt der Gleiswechselmaschine. Denn nichts darf schieflaufen. 800 Meter Schiene legen Thomey und sein Team aus 25 Arbeitern pro Nacht, der Zeitplan ist eng und die Arbeit schwer.

Wie Sklaven auf der Galeere

Wie unendlich lange Spaghetti liegen die zwei neuen Schienen zwischen den alten bereit. Ein Schweisstrupp hat sie aus über 100 Meter langen Teilstücken zusammengesetzt. Ist alles einmal im Bauch der Schienenwechselmaschine verschwunden, lösen Schraubenzieher so gross wie Presslufthämmer die Klemmen vom alten Gleis und den Schwellen ab. Dann, im Inneren der tonnenschweren Maschine, Handarbeit: Wenige Zentimeter über dem Schotter, wie Sklaven auf der Galeere, gleiten Hilfsarbeiter auf Plastiksitzen langsam über das Schienenbett und legen die Klemmen mit blossen Händen neben das Gleis.

Fast aus dem Bett gefallen vor Schreck Um den alten Schienenstrang kümmert sich die Maschine: Sie biegt ihn mühelos zur Seite und legt den neuen von der Mitte her an seinen Platz. Am Schwanz des Ungetüms kommt wieder Menschenkraft zum Einsatz: Zu viert setzen die Männer Spangen und Schrauben wieder auf die Schwellen. Das Anziehen übernimmt die Maschine. Jetzt müssen nur noch die Schweissnähte glatt gefräst und der alte Strang in 108 Meter lange Stücke zertrennt werden, bereit zum Abtransport.

Die Nachbarn mit Schlafzimmer gegen das Gleis hinaus zeigen sind vom Treiben unbeeindruckt. «Mit geschlossenem Fenster können wir gut schlafen», sagt etwa Felix Ochsner. Er hat schon lange Schallschutzfenster, so nah am Bahngleis wohnt er. Auch Anwohnerin Isabella Recker hat sich an die Arbeiten gewöhnt. Sie ist eben erst an die Schwabachstrasse gezogen. «In der ersten Nacht rumorte es, ich dachte, ich falle aus dem Bett. Wo bin ich nur hingekommen, schoss es mir durch den Kopf.» Seither sei es aber nie mehr so laut geworden. Damals wurde das Schotterbett ersetzt, weiss Baustellenleiter Thomey: «Das macht Lärm.» Seitdem spüren die Anwohner ein starkes Vibrieren, wenn ein Zug vorbeifährt. Es stammt vom alten Gleisstrang, der dafür aufgetrennt und nur provisorisch wieder verschraubt wurde. Mit dem neuen Gleis ist das passé. Und das Ungetüm raubt den Feldemeilemern höchstens noch in ihren Träumen den Schlaf.

Zurzeit verkehrt ab 21.30 Uhr die S 7 Richtung Zürich zwischen Rapperswil und Meilen 5 Minuten früher. Die Ersatzbusse für S 7 und S 16 verlassen Meilen 5 Minuten früher. Die Züge Richtung Rapperswil haben ab Meilen 5 Minuten Verspätung.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom rechten Seeufer gibt es täglich in der Regionalausgabe des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an staefa@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2008, 08:22 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Zürich

Lokalverzeichnis

Werbung

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.