Den Wald mit den Toten teilen

Am Rumensee wurde der 70. Friedwald der Schweiz eröffnet. Ohne den Segen des Küsnachter Gemeinderats.

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Gestern Morgen um 10 Uhr am Rumensee in Küsnacht: Der Wind, der durch die Kronen der Bäume streicht, untermalt das vielstimmige Konzert der Vögel. Zwei Männer streifen durchs Unterholz, vertieft in ein angeregtes Gespräch. Sie haben einander noch nie zuvor gesehen. Aber sie haben ein gemeinsames Interesse – es gilt den Bäumen auf beiden Seiten des Weges.

«Was haben diese Zeichen zu bedeuten?», will Andrea Bianca wissen. Dem evangelisch-reformierten Küsnachter Pfarrer sind an den Baumstämmen seltsame Buchstabenkombinationen auf kleinen grünen Tafeln aufgefallen. «Damit», erklärt Ueli Sauter, «markieren und identifizieren wir die Bäume. Wir hätten natürlich auch Zahlen verwenden können – aber die Menschen wollen nicht auch noch im Tod Nummern sein.»Eine Stunde später unterzeichnen Sauter, der Geschäftsführer der Firma Friedwald, und zwei Vertreter der Küsnachter Waldkorporation einen Vertrag, der den Mischwald zum 70. Schweizer Friedwald erklärt. Ab sofort können 72 markierte Bäume als letzte Ruhestätte für Verstorbene erworben werden, gegen einen Unkostenbeitrag von 4900 Franken und befristet auf 99 Jahre.

«Zu nah am Siedlungsgebiet»

Der amtliche Vorgang auf dem Küsnachter Grundbuchamt ist der letzte Akt eines umstrittenen Verfahrens; die Vorgeschichte des jüngsten Friedwalds verlief alles andere als friedlich. Als der Küsnachter Gemeinderat Ende November über das Projekt orientiert und zu einer Stellungnahme eingeladen wurde, «waren wir klar dagegen», wie sich Gemeindepräsident Max Baumgartner erinnert. «Wir sind der Meinung, dass der Wald zu nahe am Siedlungsgebiet liegt», ergänzt Gemeindeschreiber Peter Wettstein. «Ausserdem handelt es sich um einen Erholungsraum.»

Die Kommunalpolitik durfte zwar protestieren, die Entscheidungskompetenz lag jedoch beim kantonalen Forstamt – und das schlug die Küsnachter Bedenken in den Wind. «Die Zufahrtswege sind vorhanden, und es ist weder ein Natur- noch ein Wildschutzgebiet beeinträchtigt», begründet Res Guggisberg, der zuständige Kreisförster, den Entscheid. Damit seien die gesetzlichen Auflagen erfüllt. «Wir konnten gar nicht anders als positiv entscheiden.» Zudem habe die Erfahrung mit anderen Friedwäldern gezeigt, dass die meisten Menschen, die dort joggen und spazieren, gar nicht wissen, was es mit diesen Wäldern auf sich hat.

Tote stören die Lebenden nicht

Bei allem Verständnis für die behördlichen Bedenken sieht auch Pfarrer Bianca kein Argument, das gegen den Friedwald spricht: «Die Lebenden, die am Rumensee grillieren wollen, und die Verstorbenen, die im Wald auf der anderen Strassenseite ruhen, kommen einander nicht in die Quere – im Gegenteil: Es gibt zwar eine Nähe, aber auch eine deutliche Abtrennung.»

Klerikalen Kritikern wie dem deutschen Bischof Gebhard Fürst, der in Friedwäldern «neuheidnische Naturvergötzung» argwöhnt, hält der Küsnachter Pfarrer entgegen, dass die Natur am Anfang und am Ende des Lebens stehe. «So steht es in der Schöpfungsgeschichte», sagt er, «und wenn die Menschen vermehrt das Bedürfnis haben, ihre letzte Ruhe draussen in der Natur zu suchen, dann sind sie ganz nah bei der Bibel.» Diesem Trend müssten die Theologen Rechnung tragen. «Wir dürfen dieses wichtige Feld nicht irgendwelchen privaten Ritualanbietern überlassen.»Bianca und Sauter haben bei ihrer Waldbegehung jene Stelle erreicht, wo ein mächtiger Stein neben den Überresten uralter Mauern steht, die den Weg kreuzen. «Das müssten die Fundamente einer spätmittelalterlichen Kapelle sein», mutmasst der Pfarrer – und lächelt: «So bleibt die Kirche im Wald.»Im Wald wollen auch dessen Besitzer bleiben. Zum Beispiel Jakob Weber, der 89-jährige Präsident der Waldkorporation. «Er möchte wie viele der Waldbesitzer dereinst in den Wurzeln der Bäume bestattet werden – und dort weiterleben», sagt Vorstandskollege Peter Fietz. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.05.2011, 23:42 Uhr)

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