Der Tüftler und sein Mittel gegen den Tod auf dem Zebrastreifen

Mit Reflektoren vor Fussgängerstreifen will Hermann Burger Leben retten – und kämpft seit 14 Jahren erfolglos gegen die staatliche Bürokratie.

Nacht, Nässe und Gegenverkehr in Hausen a.A.: Die Reflektoren verbessern die Sichtbarkeit des Zebrastreifens markant.

Nacht, Nässe und Gegenverkehr in Hausen a.A.: Die Reflektoren verbessern die Sichtbarkeit des Zebrastreifens markant. Bild: PD

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Er ist ein Besessener, hat bald sein ganzes Vermögen verbraten und ist kurz vor dem Aufgeben: Hermann Burger aus Herrliberg (73), Werber und Erfinder. Der grosse, starke Mann mit der Energie eines Pferdes vergisst seine gute Kinderstube, wenn er auf die fünf schweren Unfälle auf Zebrastreifen vor Weihnachten angesprochen wird. «Saucheibe» und «Schleimscheisser» seien sie, das ganze Pack. Er spricht von Beamten, Verbänden und Politikern. Burger ist überzeugt, dass er das Produkt hat, um die Unfallrate auf Zebrastreifen zu senken. Doch gegen die «ganze Mafia» komme er allein nicht an.

Das Produkt: In Platten aus hochfestem Kunststoff lässt Burger reflektierende Swarovski-Glasperlen einschweissen. Diese Platten werden vor Zebrastreifen auf den Asphalt geklebt, um bei Nacht und Nebel die Sichtbarkeit der Übergänge zu verbessern. Burger hat seine HMB-Reflektoren schon bei klirrender Kälte in La Brévine mit Spezialleim auf die Strasse geklebt und bei brütender Hitze auf die Panzerpiste des Waffenplatzes Thun – zu Testzwecken. Die Empa in Dübendorf hat die Platten in einem Rundlauf mit simulierten 28-Tönnern zwei Millionen Mal überfahren. Bilanz: Das mechanische Langzeitverhalten der Reflektoren sei «sehr gut», der Asphalt ist vor dem Kunststoff kaputt.

Sechs Millionen investiert

Burger musste eine Hypothek auf sein Haus aufnehmen, um die sechs Millionen Franken aufzubringen, die er bisher in die Entwicklung und Promotion seiner Erfindung investiert hat. Seit 1996 tüftelt, klebt und weibelt Burger. Er hat seine Reflektoren um Mitternacht als Mittelstreifenmarkierung auf dem San Bernardino montiert und in aller Herrgottsfrühe vor dem Haus von Alt-Bundesrat Couchepin in Martigny einen Fussgängerstreifen ausgerüstet. Der TCS hat das Experiment in fünf Zürcher Gemeinden mit 54'000 Franken unterstützt. TCS-Chef Reto Cavegn spricht von einem Erfolg. Und eine ETH-Studie von Professor Hans Peter Lindenmann kommt zum Schluss, dass die Lenker nachts vor einem mit Reflektoren markierten Zebrastreifen «eine deutlich grössere Anhaltebereitschaft» zeigten.

Als der Durchbruch weiter auf sich warten liess, begann Burger einen letzten grossen Effort. Er analysierte sämtliche Polizeirapporte mit Unfällen auf Fussgängerstreifen im Kanton Zürich von 2006 bis 2008 und kombinierte diese mit den Wetterdaten der SMA. Das allein sind 600 Seiten. Ergebnis: Bei nassen Strassen ereignen sich nachts dreimal mehr Personenunfälle als auf trockenen. Berücksichtigt man die Regenwahrscheinlichkeit von weniger als einem Drittel, beträgt das Unfallrisiko für Fussgänger nachts mehr als das Zehnfache.

Eine weitere Erkenntnis aus Burgers Statistik lautet, dass sich jeder zweite Unfall auf einem Fussgängerstreifen mit Mittelinsel ereignet. Pikant: Eine Mittelinsel kostet rund 150 000 Franken, Reflektoren 8000 Franken. Burger erklärt sich die höheren Unfallzahlen damit, dass die Aufmerksamkeit der Fussgänger auf der zweiten Strassenhälfte mit dem Gegenverkehr nachlasse.

Käser in Bali als Alternative

Was Burger trotz – oder vielleicht auch wegen – seiner 73 Jahre fehlt, sind Geduld und Distanz. Von Haus aus Grafiker und Werber, hatte er in den Pionierzeiten des Schweizer Fernsehens als Dekorateur gelernt, «aus dem Nichts null Komma plötzlich alles zu basteln». Die Mühlen der Verwaltung mahlen ihm zu langsam. Und so war er im Oktober – zum ersten Mal – nahe daran aufzugeben. Er ist einen Monat nach Bali und Thailand gereist, hat den Schweizern dort gelehrt, nach Schweizer Art zu käsen, war glücklich und hatte zum ersten Mal seit 14 Jahren etwas Distanz zu seinen Reflektoren. «Ich bin nahe dran auszuwandern», sagt er.

Den heimatmüden Tüftler könnte nur noch Baudirektor Markus Kägi (SVP) vor einer Karriere als Käser in Asien abhalten. Kägi selber hatte ihm nämlich zu etwas Distanz geraten und einen Versuch zusammen mit ETH-Professor Hans Peter Lindenmann vom Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme und der Kantonspolizei vorgeschlagen. Während dreier Jahre sollen 50 kritische Fussgängerstreifen mit Reflektoren ausgerüstet werden. Der Versuch ist in Vorbereitung. «Wenns losgeht, bin ich in zwei Tagen aus Bali zurück», sagt Burger.

Bei dem Test wird es auch darum gehen, die Bedenken zum Beispiel des kantonalen Tiefbauamts abzuklären. Dort herrscht nämlich eine andere Philosophie: Man will nicht die Fussgängerstreifen besser kenntlich machen, sondern die Fussgänger – mit Strassenlampen. «Falsch», argumentiert Burger. «Hell beleuchtete Strassen animieren bloss, schneller zu fahren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2010, 23:17 Uhr

Erfinder Hermann Burger aus Herrliberg war nahe dran aufzugeben. (Bild: Beat Marti)

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