Der Zürichsee soll kein Fischzuchtbecken sein

Von Lorenzo Petró . Aktualisiert am 03.09.2010 8 Kommentare

Naturschützer kritisieren, dass die kantonale Fischzuchtanlage 60 Millionen junge Felchen jährlich im See aussetzt. Das Gleichgewicht werde zerstört.

Junge Felchen: 60 Millionen von ihnen werden jährlich im Zürichsee ausgesetzt.

Junge Felchen: 60 Millionen von ihnen werden jährlich im Zürichsee ausgesetzt.

Wer Chnuschperli aus Egli vom lokalen Fischer bäckt oder im Coop die Felchenfilets aus dem Zürichsee einem chilenischen Zuchtlachs vorzieht, nimmt einen höheren Preis gern in Kauf. Dafür stimmt die Ökobilanz, denkt man: Der Transportweg für einheimischen Fisch ist kurz, das Tier ist ohne Antibiotika im natürlichen Lebensraum aufgewachsen.

Doch das stimmt nur zum Teil: Ohne die massenhafte Zucht von Jungfischen gäbe es kaum Felchen in Zürcher Gewässern. Die Laichplätze am Ufer und im Tiefenwasser sind als Folge der langjährigen Überdüngung und Aufschüttung der Seeufer fast verschwunden. Dass in den Netzen der 12 Berufsfischer und an den Angeln der Hobbyfischer trotzdem viele Felchen zappeln, dafür sorgt die kantonale Fischzuchtanlage in Stäfa.

Mit Steuergeldern finanziert

Unglaubliche 60?Millionen junge Fische verlassen jährlich die künstliche Brutstätte. «Das ist eine enorme Zahl», sagt Rolf Schatz, selber Fischer und Sprecher der «IG Dä neu Fischer». Schatz setzt sich für eine nachhaltige Zuchtpolitik ein, die künstliche Besatzmassnahmen möglichst zurückfährt. «Es ist nämlich keineswegs belegt, dass sich diese in erhöhten Fangerträgen niederschlägt.»

Speziell störend findet Schatz, dass ein paar Berufsfischern zuliebe 95Prozent der ausgesetzten Fische Felchen sind. «Das ist ein massiver Eingriff ins natürliche Gleichgewicht des Sees. Wir sollten aufhören, diesen wie eine landwirtschaftliche Nutzzone zu behandeln», sagte er kürzlich in der «Zürichsee-Zeitung». Schatz wünscht sich eine Diskussion über das «Zuchtbecken Zürichsee». Immerhin werde es vom Kanton mit Steuergeldern finanziert.

Firschereiadjunkt gibt Entwarnung

Den Vorwurf, dass mit Steuergeldern im Zürichsee eine intensive Fischzucht für die Berufsfischer betrieben wird, lässt der kantonale Fischereiadjunkt Andreas Hertig nicht gelten. Zwar sei nicht von der Hand zu weisen, dass der grösste Teil der ausgesetzten Fische die kommerziell interessanten Felchen seien. Doch darunter würden andere einheimische Arten nicht leiden, weil Felchen vor allem sonst wenig genutztes Plankton im Freiwasser fressen.

«Wir erbrüten neben den Felchen See-, Bachforellen und Hechte und leisten einen Beitrag zum Erhalt der lokalen Fischpopulationen, indem wir das heikle Eistadium überbrücken.» Auch geschehe dies nicht nach dem Giesskannenprinzip. Für den Greifensee und Pfäffikersee etwa habe man seit letztem Jahr einen Besatzstopp beim Hecht verhängt, weil die natürliche Verlaichung vermutlich wieder funktioniere. Es spiele finanziell gesehen aber kaum eine Rolle, ob man in der Stäfner Anlage 100'000 oder ein paar Millionen Felcheneier ausbrüte.

Hoher wirtschaftlicher Wert

Der Betrieb der Stäfner Anlage verursacht gemäss Hertig jährliche Kosten von 463?000Franken. Da die Anlage auch die Zürichseezuflüsse, den Greifensee, das Sihltal und das Säuliamt betreut, gehen nur die Hälfte der Betriebskosten zulasten des Zürichsees. «Und weil Stäfa auch den st.-gallischen und schwyzerischen Teil des Zürichsees betreut, fallen für den zürcherischen Seeteil nur rund 110'000 Franken Kosten an», sagt Hertig. Dem stehen Einnahmen aus den Patenten für Sport- und Berufsfischer von 1,3Millionen gegenüber.

Zudem sei das Geld gut investiert, so die Argumentation. Die Fischerei- und Jagdverwaltung schätzt den Marktwert der Fische aus Zürichsee, Greifen- und Pfäffikersee sowie der Flüsse auf 1,7 Miollionen Franken, die tatsächliche Wertschöpfung daraus auf 3 bis 5 Millionen. Fischereiartikelverkäufe, Bootsbetriebe und weitere Wirtschaftszweige miteinbezogen, will man einen volkswirtschaftlichen Nutzen von 28 Millionen Franken errechnet haben.

Uferaufwertung statt Fischzuchtanlagen?

Kritiker Schatz will diesen Nutzen nicht abstreiten, weist aber darauf hin, dass der See für Hobbyfischer auch mit einem geringeren natürlichen Fischbestand interessant wäre. Tatsächlich machen die Hobbyfischer das Gros der Patenteinkünfte aus. Die 12 Berufsfischer bezahlen jährlich je nur gerade 2000 bis 3000 Franken für die Pacht. «Mit diesen Einnahmen würde man besser die Ufer des Sees aufwerten, sodass sich die Tiere wieder auf natürlichem Weg fortpflanzen können.» Die Fischzuchtanlage würde irgendwann überflüssig werden.

Solche Renaturierungsmassnahmen an Zuflüssen und Ufern des Zürichsees begrüsst auch Hertig. «Eines meiner Ziele bis zur Pensionierung ist es, dass die Seeforelle im Zürcher Hornbach wieder oben beim Botanischen Garten in Zürich laicht», sagt er. Die Aufwertung des Hornbachs, bis dahin ein Betonrinnsal, hat vor mehreren Jahren auf einem kleinen Abschnitt begonnen, «heute laichen dort bereits die ersten Fische.»

Ufer in privater Hand

Renaturierungen sind aber teuer: Das Aufwerten der Bachsohle am Hornbach hat die Stadt mehrere 100'000 Franken gekostet. «Es fehlt nicht am Willen», sagt Hertig, «sondern oft am Geld». Er hofft auf mehr Revitalisierungsgeld, wenn die neue Gewässerschutzverordnung nächstes Jahr in Kraft tritt. Beim Ökofonds des Kraftwerks Wettingen konnte er bereits das nötige Geld für Machbarkeitsstudien zur Aufwertung dreier Zürichseezuflüsse beanspruchen.

Dazu kommt, dass es am Zürichsee, dessen Ufer zum grössten Teil in privater Hand ist, kaum Möglichkeiten zur Renaturierung gibt. «Wo aber Veränderungen anstehen, haben das Amt für Landschaft und Natur und das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft mitzureden», sagt Hertig. Deshalb sind im Budget von 6,7?Millionen Franken für den Uferweg in Wädenswil 1,2Millionen für das Aufschütten ökologisch wertvoller Flachwasserzonen vorgesehen.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom rechten Seeufer gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an staefa@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2010, 22:02 Uhr

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8 Kommentare

Heinz Oswald

02.09.2010, 08:55 Uhr
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"Speziell störend findet Schatz, dass ein paar Berufsfischern zuliebe..." Herr Schatz unterschlägt, dass hinter den Berufsfischern ein nicht geringer Bevölkerungsanteil steht, der den kulinarischen Fischgenuss begrüsst. "Ohne die massenhafte Zucht von Jungfischen gäbe es kaum Felchen in Zürcher Gewässern." (???) Der schlicht und ergreifliche Grund: "1000 Kormorane fressen 500Kg Fisch pro Tag!!! Antworten


stefan grau

02.09.2010, 16:13 Uhr
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der kormoran ist schuld (fischer), der wolf ist schuld (jäger), der luchs ist schuld (jäger), die wildsauen sind schuld (bauer) - mann sind wir menschen perfekt! Antworten



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