Ein Verein will von Krebs betroffenen Familien helfen
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Wenn Claudia Külling mit Betroffenen spricht, weiss sie, wovon sie reden. Sie kennt das Gefühl, die Kontrolle über das Leben zu verlieren, die Isolation, den Schmerz, die Hilflosigkeit und die Ängste: Ihr jüngster Sohn Benji erkrankte im Alter von drei Jahren an einem Tumor. Bis er zehn Jahre alt wurde, kämpfte die ganze Familie mit ihm gegen die Krankheit und musste den Jungen schliesslich doch gehen lassen.
«Um den Verlust meines jüngsten Sohnes zu verarbeiten, habe ich mich sehr detailliert in die Thematik eingelesen», sagt die 47-jährige Juristin, die offensichtlich ihre Lebenslust wieder gefunden hat. Ihre grünbraunen Augen leuchten. Wilde, braune Locken umrahmen ihr lebendiges, leicht geschminktes Gesicht. In Wien hat sie sogar eine Ausbildung zum Thema pädiatrische Palliativ Care absolviert. Dort hat sie ihren theoretischen Hintergrund für den Umgang mit todkranken Kindern erlernt. «Als Trauerbewältigung. Ich kenne also nicht nur die Gedanken, Probleme und Schwierigkeiten mit einem lebensbedrohlich erkrankten Kind, sondern habe auch gelernt, wie man lernt, mit dieser Situation am besten zu leben», sagt sie. Ihre schlimme Erfahrung und die Ausbildung helfen ihr heute, sich abzugrenzen, denn sie ist nach wie vor mit der Krankheit konfrontiert. Fast täglich steht sie im Kontakt mit Krebskranken und ihren Familien.
Ein Ansprechpartner
Im vergangenen Jahr hat sie gemeinsam mit ihrem Mann Daniel Külling den Verein Onko Family Care gegründet. Claudia Külling agiert als Koordinatorin und ist in der Geschäftsleitung tätig. Das Ziel des Vereins ist es, Familien beizustehen, in denen bei einem Mitglied Krebs diagnostiziert wurde. «Wir wollen mithelfen, dass sich Eltern und Kinder mit ihren Ängsten und Sorgen nicht alleingelassen fühlen», sagt Külling. Gemeinsam mit Freiwilligen bietet sie betroffenen Familien und ihren Verwandten niederschwellige Hilfe im Alltag an. «Psychosoziale Entlastung», nennt Külling das Angebot ihres Vereins. «Wir legen den Fokus auf den ‹gesunden Anteil› des Kranken.»
Entlastung sieht für jede Familie anders aus: Das kann eine Fahrt zur Bestrahlung sein, Hüten der gesunden Kinder oder Kochen eines Mittagessens. Viele sind froh um Gesprächspartner, Spitalbesuche oder die richtige Information der Schulkameraden und Lehrer. «Aus Erfahrung weiss ich, dass es in schwierigen Phasen wenig braucht, damit man sich etwas besser fühlt.»
Nicht alle eignen sich
Viele Spitäler und Ärzte im Kanton Zürich kennen den jungen Verein bereits und machen betroffene Familien darauf aufmerksam. Auch die Krebsliga Zürich, eine gemeinnützige Organisation, die gegen Krebs kämpft, weist dem Verein regelmässig Familien zu. Nach einem abklärenden Gespräch mit interessierten Familien versucht Külling einen Freiwilligen zu finden, der die gewünschten Bedürfnisse abdecken kann. Eine Person kümmert sich jeweils um eine Familie. Pflegen und Putzen zählen nicht zu ihren Aufgaben. Dafür sei die Spitex zuständig. Wenn möglich, sollte das Vereinsmitglied sich einen halben Tag pro Woche Zeit für die Freiwilligenarbeit nehmen können.
Sieben Vermittlungen sind der Küsnachterin im vergangenen Monat gelungen. «Ein Erfolgserlebnis», freut sie sich. Dank ihrem Engagement begleitet nun eine 19-jährige Maturandin eine 17-Jährige, die an einem Hirntumor erkrankt ist, jeweils zum Lädelen. Ein aus Italien stammender Freiwilliger kümmert sich um eine italienische Familie, die von Krebs betroffen ist. Und eine ehemalige Sozialarbeiterin hilft einer jungen ausländischen Familie mit Kleinkindern, sich durch den schweizerischen Ämterdschungel zu kämpfen. Eigentlich wollten sich im März sogar fünf Personen für den Verein engagieren, doch Külling musste zweien davon absagen: «Unsere Freiwilligen müssen empathische, starke und zuverlässige Persönlichkeiten sein, die eine gewisse Leichtigkeit und Humor besitzen», sagt die Küsnachterin. Weiter sollten sie wertfrei in die Familie gehen können. Und sollte eine Freiwillige trotzdem mal Mühe bekommen, sich abzugrenzen, ist professionelle Hilfe vor Ort: Alle drei Monate nimmt gemäss Külling eine Psychologin an der Vereinssitzung teil.
Freiwilligenpool soll wachsen
Die Freiwilligen – heute sind es 24 Frauen und 2 Männer – treffen sich einmal monatlich und tauschen sich aus. Meist wird eine Psychologin eingeschaltet, wenn jemand gestorben ist. Doch selbst dann ist die Begleitung der Familie nicht zu Ende: «Die Sterbebegleitung ist essenziell, weil nach dem Tod viele wichtige Kontakte wie zu Ärzten und Pflegern abrupt wegfallen. Freunde ziehen sich zurück, weil sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen», weiss Külling aus Erfahrung. Dabei sei es sehr wichtig, dass die Familienangehörigen mit jemandem reden könnten, der den Verstorbenen auch gekannt habe. Meist besuchten die Freiwilligen die betroffene Familie noch zwei bis sechs Monate weiter.
Küllings Verein erhält viele positive Rückmeldungen, sei es seitens der zuweisenden Institutionen oder der Betroffenen selbst, sagt sie. Inzwischen arbeitet die Juristin und Mutter bis zu 80 Prozent für den Verein. Die Küsnachterin unterstützt selbst eine betroffene Familie. Doch: «Ohne die Unterstützung meiner Familie würde ich diese Vereinsarbeit nicht machen», sagt sie. Ihr Mann und ihre 17- und 18-jährigen Söhne gäben ihr die nötige Kraft und Unterstützung. Auch auf Reisen gemeinsam mit ihrer Familie tanke sie Energie. Energie, die sie gebrauchen kann: «Unser Freiwilligenpool soll wachsen», sagt Külling. Sie sucht daher noch weitere Interessierte, die sich ehrenamtlich engagieren möchten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.04.2011, 20:20 Uhr
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