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Er trommelt, sie fühlt, dann gibts Babys

Von Adrian Müller . Aktualisiert am 24.04.2010

Neues gefällig? Dafür muss man nicht nach Dubai fliegen. Das Allernächste birgt Verblüffendes. Zum Beispiel im Ortsmuseum Küsnacht.

Nanu?! Natur! In den 3-D-Guckis im Ortsmuseum gibts was zu sehen.

Nanu?! Natur! In den 3-D-Guckis im Ortsmuseum gibts was zu sehen.
Bild: Michael Trost

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Rahmenprogramm

Am 16. Mai spricht Gewässerbiologin Verena Lubini über die faszinierende Welt der kleinen Wasserbewohner. Am 30. Mai öffnen das Ortsmuseum und die Musikschule ihre Türen am Tobelweg 1: Zu erleben sind die «Paradiesvögel» der Musikschule. Zwischen April und Oktober organisieren das Ortsmuseum und der Natur- und Vogelschutzverein Küsnacht NVVK Führungen, Vorträge und Exkursionen ins Tobel. Am

4. September sind Familien zur Detektivtour an den Dorfbach eingeladen. Am 10. Oktober klingt die Ausstellung zu den Vogelklängen von Helene Schulthess (Querflöte) aus. Spezielle Führungen für Schulklassen.

Ortsmuseum Küsnacht, Tobelweg 1. Mittwoch, Samstag und Sonntag 14-17 Uhr.

Da hängen sie von der Decke, die Lieben. Früher hiessen sie «Viewmaster», jetzt nicht mehr, aber das Prinzip ist immer noch dasselbe. Man guckt in die «Guckis», wie Kuratorin Elisabeth Abgottspon sie nennt, drückt den Hebel und erblickt Wunderbares in 3-D. Die eigens für die Ausstellung «Nanu?! Natur!» gefertigten «Feldstecher» zeigen nicht «Bonanza» oder ferne Städte, sondern Moorbläuling, Eintagsfliege, Frauenschuh, Wasseramsel und andere Bewohner des Tobels. Da gibts allerhand zu lernen und zu staunen.

Die Wasseramsel – einzige Tauchkünstlerin unter den Singvögeln – ist nicht nur in 3-D, sondern auch ausgestopft präsent. Zu Lebzeiten pflegte sie bis zu 10 Sekunden unter Wasser auszuharren – in der Hoffnung auf leckere Köcherfliegenlarven.

Stinkende Blüte

Die zentrale Installation der Ausstellung, die sich in enger Zusammenarbeit mit dem Natur- und Vogelschutzverein Küsnacht entwickelt hat, ist eine Hommage an die stupenden Baumeister-künste ebendieser Larven: Seidenfäden verspinnen sie zu kunstvollen, mit Steinchen und Pflanzenresten verstärkten, schützenden Röhren.

Die beiden Designerinnen Elianne Rüedi und Conny Schwark sind für die ideenreiche Gestaltung verantwortlich. Rüedi konnte an der Vernissage nicht teilnehmen, Schwark war da. Neben dem obligaten Danke-Blümchen erhielt sie von Abgottspon auch noch eine Spezialblüte: Aronstab, duftet nach Aas. In der Natur gibts einfach alles.

Spontaner Sympathie darf der Strudelwurm gewiss sein. Wir lesen auf dem Infoblatt: «Der Strudelwurm gleicht unter dem Mikroskop mit seinen Augen und der «schwabbligen» Gestalt einem Gespenstchen. Er ist sehr lichtscheu; die Augen nehmen bloss die Richtung des Lichteinfalls wahr. (...) Aus abgetrennten Stücken können sich vollständige Tiere entwickeln.» Das soll, liebe Kinder, nun aber nicht heissen, dass ihr mit einem Messer Jagd auf Strudelwürmer machen und Kreationisten-Herrgott spielen sollt!

Reiner Wohlklang

Seltsame Geräusche dringen aus der Köcherlarven-Hommage, einer drei Meter hohen Holzscheit-Behausung. Es ist keine Larve, sondern Vokalkünstlerin Agnes Hunger. Zusammen mit Jimmy Gmür (Piano, Akkordeon) begleitet sie den Anlass akustisch-musikalisch aufs Erfreulichste: reiner Wohlklang, ein höchst wandlungsfähiges Organ. Unglaublich, was man mit einer Stimme alles machen kann, wenn man es kann! Das Duo Hunger-Gmür, das passt perfekt zur grössten aller Verwandlungskünstlerinnen: der Natur.

Natürlich gibt es auch einführende Worte. Abgottspon erläutert das Ziel der Ausstellung: «Verborgenes aufzeigen», sensibilisieren für die uns umgebende Natur, ganz im Zeichen des Jahrs der Biodiversität. Neun «Hauptdarsteller» und einige «Nebendarsteller» verdeutlichen das täglich im Küsnachter Tobel sich abspielende Naturtheater. Künstler sind sie alle – die einen auf dem Gebiet der Architektur, die andern auf jenem der Bewegung, die Dritten auf jenem der Täuschung.

Der bereits erwähnte Frauenschuh – gelehrter: Cypripedium calcleolus – hat keinen Balsam, er tut aber so. Bienen fallen darauf herein, den somit bestäubten Frauenschuh freuts. Der Frauenschuh wächst in Küsnacht gerade mal an zehn Orten: so selten, dass die Standorte geheimgehalten werden. Bitte nicht danach suchen – die Liebste freut sich auch über Orchideen aus der Migros!

Neuer Blick auf Mutter Natur

Wer passt zu mir? Partnersuche: ein mühsames Geschäft. Steinfliegen machen es besser: Der Herr trommelt mit dem Hinterleib auf Blätter und Ästchen, die Dame bemerkts, die Herzen glühen, und schon sind Babys unterwegs.

Die Ausstellung lüftet den «grünen Vorhang» vor einem vielfältigen tierisch-pflanzlichen Lebensraum in nächster Nähe. Sie ist lehrreich, kurios und unterhaltsam, also: dringend empfohlen. Beim nächsten Spaziergang wird man Mutter Natur mit frischeren Augen mustern. Küsnacht hat nicht weniger zu bieten als Dubai.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom rechten Seeufer gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an staefa@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2010, 20:14 Uhr

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