Fast fortgeworfen, jetzt ein Filmstar
Links
Der Vorplatz des Pächterhauses ist noch eine Baustelle. Die Haustür steht offen. Drinnen riechts nach Holzfeuer. Zwischen den Balken sind die unverputzten Wände zu sehen. Links führt ein Durchgang in die ehemalige Küche des Männedörfler Hauses aus dem 18. Jahrhundert. Der Boden und das Ofenbänkli sind neu, der Ofen wurde originalgetreu restauriert.
In der Stube sieht man sofort, warum der Dokumentarfilm «Grüeni Chachle» heisst: Der Ofen ist auf dieser Seite grün gekachelt. Filmautor Jürg Fraefel erinnert sich an das erste Gespräch, das er mit Bauherr, Bewohner und Ofenbauer Rolf Heusser geführt hat. «Rolf arbeitete am Ofen und schwärmte», sagt Fraefel. «Das sind doch eifach grüeni Chachle», habe er provozierend gesagt, worauf Heusser sich ins Feuer redete. Das sei einer der ersten Neeracher-Öfen. Ofenbauer Neeracher habe in Stäfa gewohnt und seine Öfen noch mit Lehm aus dem Lattenberg gebaut, und er werde diesen hier nun originalgetreu restaurieren.
Ein Low-Budget-Film
Das war der Moment, in dem sich Fraefel entschied, über die Restauration einen Film zu drehen. Gefilmt hat der Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich schon viel. «Aber kürzere Sachen», sagt er. Clips über Unterrichtsformen und für Multimediaprodukte wie interaktive Lernsoftware auf CD. «Neu war für mich der Aspekt der Dramaturgie», sagt Fraefel. «Wie bleibt der Zuschauer 55 Minuten aufmerksam?» Er habe es genossen, das Thema Bildung für einmal fast zu vergessen. «Es ging darum, eine Geschichte zu erzählen, nicht Dinge zu erklären.»
Finanziert habe er den Film praktisch selbst: «Es ist ein Low-Budget-Film.» Einzig die Gemeinde Männedorf hat ihn mit 2000 Franken unterstützt. Am teuersten waren die Tonmischung und die Miete des Tonstudios. Freizeit hat er viel investiert: rund 400 Stunden. Über zwei Jahre verteilt sei das aber erträglich. Halbtageweise war er auf der Baustelle, filmte, redete mit den Handwerkern. In den Ferien bearbeitete er die 20 Stunden Filmmaterial und produzierte zehn Versionen. Befreundete Filmgestalter gaben ihm Rückmeldungen dazu.
«Restaurierte» Musik
«Am Anfang wurde zu viel erklärt im Film, doch ich wollte keinen Lehrfilm produzieren», sagt Fraefel. Das habe er alles herausgeschnitten. Es gehe ihm darum zu zeigen, was Leute antreibe, ein solches Projekt anzupacken und auf diese Weise zu arbeiten. Heusser und seine Leute restaurierten teilweise mit traditionellen Handwerksmethoden und ursprünglichen Materialien wie Sumpfkalk statt Mörtel. Sie stellten auch kein Metall-, sondern ein Holzgerüst am ehemaligen Weinbauernhaus auf und deckten die Fassade mit Jutetüchern ab, um sie vor Sonnenlicht zu schützen. «Man kann diese Passion kaum in Worte fassen. Mit den langen Einstellungen eines Dokumentarfilms hingegen kommt sie gut rüber.» Die Darsteller hätten sich mit der Zeit an seine sporadische Anwesenheit gewöhnt. «Rolf wollte erst nicht vor der Kamera stehen und seinen ehemaligen Lehrling vorschieben», erzählt Fraefel und lacht. «Ich sagte ihm, dass das natürlich nicht gehe, und irgendwann hat er sich an die Kamera gewöhnt.»
Für die musikalische Untermalung des Films fand Fraefel vor einem Jahr die Lösung. Er und Heusser waren an einem Konzert des Stäfners Max Lässer. «Er hatte historisches Schweizer Liedergut sozusagen restauriert, damit man es heute hören kann», erzählt Fraefel, der sogleich die Parallele zu Heussers Arbeit zog. Lässer willigte ein, dass Fraefel seine Lieder benutzen konnte. «Beschauliche Szenen kommen dadurch besser zur Geltung», sagt Fraefel.
Ofen wurde fast entsorgt
Fraefel und Heusser sind beide in Stäfa aufgewachsen. «Wir hatten seltenen Kontakt. Einmal im Jahr trafen wir uns zum Mittagessen», sagt Fraefel. Vor drei Jahren erzählte ihm Heusser, dass er von der Gemeinde angefragt worden sei, ob er das Pächterhaus für 60 Jahre im Baurecht übernehmen und es restaurieren wolle. Der Kanton hatte die Gemeinde damit beauftragt. Heusser, der bereits zwei alte Häuser originalgetreu restauriert hatte, sagte zu. Die Gemeinde stellte ausserdem die Bedingung, dass er die unter dem gleichen Dach befindliche Kulturschüür ebenfalls restaurierte und der Gemeinde vermietete.
Im Mai 2008 begann die Restauration des Pächterhauses. Der Neeracher-Ofen stand zu dieser Zeit noch gar nicht in der Stube. Im Pächterhaus wohnten damals Gemeindearbeiter. Weil man Platz gebraucht hatte, wurde der Ofen Jahre zuvor rausgeworfen. «Nur der Initiative des damaligen Bausekretärs ist es zu verdanken, dass es den Ofen noch gibt», erzählt Fraefel. «Dieser fand es schade und liess den Ofen einlagern.» Fraefel und Heusser freuts.
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Erstellt: 25.08.2010, 19:52 Uhr


