Zürich

Jugendgang versetzt Stäfner Quartier in Angst

Von Lorenzo Petrò. Aktualisiert am 08.12.2009

Sprayereien und Fäkalien im Stäfner Spittel verunsichern dessen Bewohner. Sie reden vom Racheakt einer Gang, die sich dort rumtreibt.

Insignien der Stäfa City Crew im Quartier Spittel: Die Postleitzahl 8712 und der zweiköpfige Adler Albaniens.

Daniel Kellenberger

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Stäfner Strassengang eifert Gangster-Rappern nach

Das Kürzel SCC und der doppelköpfige (Kosovo-)Adler stehen für die Stäfa City Crew, eine Stäfner Strassengang, in deren Kreis sich mehrere Dutzend junger Männer zwischen 14 und 25 Jahren bewegen. Obwohl sie nicht in der Grossstadt leben, deuten sie die Gemeinde Stäfa zum Asphaltdschungel – «eusi Strasse, euses Revier», heisst es etwa im Rap-Text eines Mitgliedes, «für das, won i würd sterbe».

Die SCC ist keine klar definierte Gruppe. Zwar gebe es einen harten Kern, ist von Insidern zu hören, zu dem hauptsächlich junge Kosovaren gehören. Die Gang wirke aber darüber hinaus als Kitt, der Teile der Dorfjugend vereine. Hauptsächlich gehe es darum, Ansehen und Ruhm zu erlangen bei Jugendlichen aus anderen Gemeinden.

Gangster-Rapper spielen als Vorbilder solcher Jugendgangs eine Rolle – vor allem für solche, die sich selbst als «Underdogs» in einer feindlichen Gesellschaft sehen. Diese identifizieren sich mit den harten Geschichten der Raper, denn viele kennen das Vorstadtmilieu und das Aussenseiterdasein selber. Sie geben sich als maskuline Alphatiere, die sich nicht um gesellschaftliche Normen und Gesetze scheren. Stattdessen schaffen sie sich eine archaische Welt, in der man mit Gewalt, Sex und Drogen zu Ansehen kommt und die Loyalität nur der Gang sowie der eigenen Familie gilt. (lop/hub)

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Mehrere Doppelkopfadler, die Zahl 8712 und das Kürzel SCC (für Stäfa City Crew) schmücken seit vergangenem Donnerstag das Stäfner Quartier im Spittel. Es sind die Insignien einer Stäfner Jugendgang, hingeschmiert mit schwarzer Farbe aus Spraydosen. «Die Schmierereien sind nur der neueste Streich», sagt ein Anwohner. Er hat langsam genug von der Jugendgang, von Sachbeschädigungen, Einbrüchen und Diebstählen im alten Stäfner Quartier mit seinen engen Gässchen und versteckten Plätzchen.

Angst vor Repressalien

Der Anwohner ist nicht allein. «Es muss endlich etwas passieren», pflichtet ihm eine Nachbarin bei. Sie will ebenso wie dieser aus Angst vor Repressalien nicht mit Namen genannt werden. Sie traut sich kaum mehr nach Hause in der Nacht, weil Jugendliche auf ihrem Privatgrund «herumlungern» und regelmässig Pizzaschachteln und Getränkedosen im Garten hinterlassen.

Sie sage immer nett «Grüezi», den Schlüsselbund fest in der Hand, und schaue nicht genau hin, wenn sie an den Jugendlichen vorbeimüsse, so die Frau. «Nicht dass sie sich noch provoziert fühlen.» Sie verschwindet dann jeweils so schnell wie möglich im Hauseingang. Sie hat aus Angst auch schon Nachbarn gebeten, sie nach Hause zu begleiten. Die Jugendlichen wegzuweisen, obwohl sie sich auf Privatgrund befinden, würde sie niemals wagen. «So geht es nicht nur Personen, die im Spittel wohnen», sagt der Anwohner, «auch solche, die hier arbeiten, getrauen sich nicht mehr auf den Bahnhof zu später Stunde.» Er selbst hat aus Angst schon lange kein S-Bahn-Abo mehr. «So kann es nicht weitergehen», sagt er. Von der Gemeinde höre man immer, sie hätten die Situation unter Kontrolle «Dem ist aber nicht so. Es wird immer schlimmer.» Die Jugendlichen lungerten beim Kebab-Stand an der Seestrasse herum und pöbelten dann lautstark die ganze Nacht hindurch.

«Gehabe wie im Gangsterfilm»

Die jüngste Sprayattacke deutet der Anwohner als Reaktion der Gang auf Zurechtweisung. «Wie soll ich das anders interpretieren?», fragt er. Wenige Tage zuvor seien die Jugendlichen von einem anderen Anwohner von dessen privatem Grundstück weggewiesen worden. Gleiches denkt er über den Haufen Fäkalien, der seit vergangenem Wochenende mitten im Spittel thront, vom Regen inzwischen verwaschen. «Das ist doch Imponiergehabe, das die aus Gangsterfilmen kennen.» Die Frage sei nur, wie weit die noch gingen. Er wisse, dass Einzelne von ihnen sogar Waffen besässen.

Irene Steiner, ebenfalls von den Sprayereien betroffen, glaubt nicht an einen Racheakt. «Dazu sind die Symbole viel zu allgemein gehalten, das ist ja das Gleiche, das man auch in der Bahnhofunterführung sieht. Wenn die es auf jemanden abgesehen hätten, wäre die Botschaft persönlicher», mutmasst sie. Mühsam seien diese Sprayereien aber trotzdem. Den doppelköpfigen albanischen Adler an ihrer Hauswand wird sie in nächster Zeit vom Maler überstreichen lassen. Das Littering und die Sachbeschädigungen, die sie im Spittel seit zwei Jahren ausmacht, und auch die jüngsten Schmierereien will sie nicht länger hinnehmen. «Es ist Zeit dass die Polizei etwas unternimmt», sagt sie. Das sei schwierig. «Besonders, einzelne Täter zu fassen, wenn man sie nicht in flagranti erwischt», sagt Ruedi Haug, Leiter Sicherheit bei der Gemeinde. Man habe jedoch wegen der Klagen von Anwohnern bereits mit verstärkten Patrouillen der Gemeindepolizei im Spittel reagiert. Den Nachbarn ist das aber zu wenig. «Die Polizei, die sehen wir hier nie», sagt einer. Er bezweifelt, dass es der Gemeinde ernst ist mit ihrem Einsatz. «Das ist schlecht. Die Jugendlichen haben inzwischen das Gefühl, dass selbst die Polizei Angst hat vor ihnen.»

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Erstellt: 08.12.2009, 04:00 Uhr

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