Zürich

Junge Russin entpuppt sich als Albtraum der netten Linken

Anastasiya Ryjova ist Mitglied der SVP und will sich in Küsnacht in die Schulpflege wählen lassen.

Anastasiya Ryjova: 20-jährig und mit klarer Meinung.

Anastasiya Ryjova: 20-jährig und mit klarer Meinung. (Bild: Silvia Luckner )

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Sie ist blond, hübsch, grossgewachsen und blutjung. Sie entstammt einer zugewanderten russischen Familie, spricht neben fünf Sprachen ein perfektes Schweizerdeutsch und arbeitet in der Zürcher Party-Szene. Nichts Ungewöhnliches, sollte man denken – wäre da nicht die schiere Tatsache, dass die 20-jährige Anastasiya Ryjova im Vorstand der SVP sitzt und im Frühling für die Küsnachter Schulpflege kandidiert.

Eine Russin an der Goldküste? Da glaubt man Bescheid zu wissen. Nur: Die Studentin passt nicht in ein vorgefertigtes Klischee. Ihre Eltern – der Vater Informatiker, die Mutter Klavierlehrerin – leben seit zehn Jahren in Küsnacht in einer Mietwohnung. Ihre erste Erinnerung hat Anastasiya an eine 27 Quadratmeter grosse Wohnung in Moskau, wo sie mit Eltern, Grossmutter und Schwester zusammen hauste, bevor sich die ganze Familie nach einem Umweg über Tokio in der Schweiz niederliess.

«Bereuen macht keinen Sinn»

Nach der Primarschule in Itschnach ging Anastasiya ans Gymnasium. Zuerst in Zürich, später an die Kanti Küsnacht. Zwischenzeitlich wurde sie eingebürgert. Kurz vor der Matura sprang sie ab und jobbte im Service. Heute, drei Jahre später, besucht sie die Schule für angewandte Linguistik (SAL) und arbeitet im Zürcher In-Klub Kaufleuten als Promoterin, um sich ihr Studentenleben zu finanzieren. Dass sie keine Matura hat, bereut die schweizerisch-russische Doppelbürgerin nicht. «Bereuen macht keinen Sinn», sagt sie. Den aktuellen Job hätte sie wohl nicht; und für die Schulpflege würde sie wahrscheinlich auch nicht kandidieren, hätte sie die Kanti abgeschlossen.

Warum die SVP? Politisiert wurde Anastasiya Ryjova an einer Podiumsdiskussion in Erlenbach. «Eine Freundin, die FDP-Mitglied ist, hat mich mitgeschleppt.» Da habe sie gemerkt: «Die Lokalpolitik ist mein Ding.» Anastasiya ist überzeugt davon, dass sie auch in Moskau früher oder später in die Politik gegangen wäre. Warum denn nicht die FDP? Die Liberalen seien einfach zu profillos, «wie ein Fähnchen im Wind». Die klare, kompromisslose Linie der SVP hingegen habe es ihr angetan, antwortet sie. Und: Die konservativen Werte der Volkspartei würden am ehesten zu dem passen, was sie in ihrem Elternhaus mitgekriegt hat und woran sie selber glaubt.

Beispiel Beziehungen: «Die moderne Rollenverteilung zwischen Mann und Frau behagt mir nicht», gibt sie unumwunden zu. Die Frau sei das schöne, der Mann das starke Geschlecht. Die Frau sei für das physische und psychische Wohl des Mannes verantwortlich, «sie muss schauen, dass seine Krawatte gut sitzt». Ähnliche Werte vertrete auch die SVP. Das ermögliche es ihr, sich als Ausländerin mit der ehemaligen Bauernpartei zu identifizieren, sagt Anastasiya Ryjova. Zudem sei sie von drei Generationen Russinnen – Urgrossmutter, Grossmutter und Mutter – dazu erzogen worden, eine Frau nach deren Vorbild zu werden. An diesem traditionellen Familienbild hätten auch 60 Jahre Kommunismus nichts ändern können.

Mut und Selbstvertrauen

Es gehört viel Mut und Selbstvertrauen dazu, als junge Frau mit ausländischen Wurzeln ganz allein, ohne jemanden persönlich gekannt zu haben, an einer Versammlung der Küsnachter SVP teilzunehmen. Das tat Anastasiya und fand schnell Anschluss und Zuspruch bei den anderen Mitgliedern. «Die meisten sind Gentlemen alter Schule: Sie öffnen mir sogar die Autotür beim Aussteigen», sagt sie.

Sie vertrete zwar nicht blind die Meinung ihrer Partei, könne sich aber mit einer Vielzahl der Programmpunkte gut identifizieren. Vor allem die Ausländerpolitik habe es ihr angetan. «Ich finde es schlicht absurd, dass man nach wie vor behauptet, die Schweiz habe ein Integrationsproblem», sagt sie mit Überzeugung. Sie selber sei das lebende Beispiel dafür, dass es eben nicht so ist, und untermauert das mit der Bemerkung, dass sie viele gleichgesinnte Eingebürgerte kenne: angepasst, integriert, deutschsprachig und politisch eher rechts stehend – kurz: der Albtraum eines jeden netten Linken.

Missen-Test knapp bestanden

Werner Furrer, Präsident der SVP Küsnacht, ist vorsichtig optimistisch. Es könne sicher nicht schaden, einmal eine jüngere Person in der Schulpflege zu haben. Eigentlich hält er viel vom weiblichen Küken in der Partei: «Sie ist gut ausgebildet, sprachbegabt und hochintelligent.» Zudem lebe sie in der jugendlichen Welt von Twitter und Facebook, «was ein grosser Vorteil sein kann», gibt er sich strategisch.

Den Missen-Test hat Anastasiya Ryjova knapp bestanden: Es gelang ihr, alle Bundesräte beim Namen zu nennen. Nur den Namen des Neuen, – «ach ja, der ist doch sehr sympathisch» – wollte ihr partout nicht einfallen. Auch die eigenen Gemeinderäte kamen ihr zuerst nicht in den Sinn – was man ihrer grossen Nervosität beim ersten Zeitungsinterview zuschreiben könnte.

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Erstellt: 20.02.2010, 04:00 Uhr

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