Zürich

«Lieber Hausbesetzer als Asylanten»

Von Michel Wenzler und Patrick Berger. Aktualisiert am 31.07.2010

In der Nachbarschaft der besetzten Küsnachter Klinik St. Raphael hält sich die Aufregung über die friedlichen Neuzuzüger in Grenzen. Die Polizei war vor Ort und hält sich vorderhand zurück.

Trotz Hausbesetzer: Die Nachbarn der Klinik St. Raphael bleiben gelassen.

Trotz Hausbesetzer: Die Nachbarn der Klinik St. Raphael bleiben gelassen.

Gestern Nachmittag im Hof der besetzten Klinik St. Raphael in Küsnacht. Die Sonne scheint angenehm warm, es ist ruhig. Von den zehn Besetzern, die sich in der Klinik einquartiert haben, ist nichts zu sehen. Nur ein Transparent deutet darauf hin, dass die leer stehende Luxusklinik seit Mittwoch von einem unbekannten Künstlerkollektiv bewohnt ist.

Plötzlich knirscht der Kies in der Einfahrt. Ein schwarzer Range Rover mit dunklen Scheiben fährt im Schritttempo vor. Eine blonde Frau um die fünfzig lässt die Scheibe runter und schaut sich um. Ein Fenster öffnet sich im ersten Stock, ein junger Mann lugt nervös heraus. Die Autofahrerin gibt sich als Nachbarin zu erkennen. «Was ist denn hier los?», fragt sie den Sprecher der Künstlergruppe, der einen weissen Arztkittel mit dem Kliniklogo trägt.

Übers Wochenende toleriert

Der Hausbesetzer rückt nur spärlich mit Informationen heraus. Die Klinik sei vom Collective Saint Raphael besetzt worden, man wolle hier Wohn- und Arbeitsräume einrichten. Viel mehr ist dem jungen Mann nicht zu entlocken. Er will nicht einmal sagen, ob die Hausbesetzer Strom haben. «Wir leben einigermassen komfortabel», sagt er lediglich.

Auch die Identität der Eindringlinge ist unklar. Gemäss Küsnachts Sicherheitsvorstand Arnold Reithaar (SVP) blieb der Polizei gestern der Zutritt zur Klinik weiterhin verwehrt. «Die Lage ist aber entspannt, die Besetzer sind friedlich», sagt der Gemeinderat. «Links-autonome Chaoten sind das nicht.»

«Hauptsache ruhig»

Die Gemeindepolizei beschränkt sich deshalb vorerst darauf, die Situation über das 1.-August-Wochenende zu beobachten. «Das Knowhow, um das Haus zu räumen, hätten wir als fünfköpfige Truppe ohnehin nicht», sagt Reithaar. Eine Hausräumung geschehe nur in Absprache mit der Kantonspolizei. Und solange sich die Anwohner nicht gestört fühlten, greife die Polizei nicht ein.

Gestört fühle sie sich überhaupt nicht, sagt die Frau im Range Rover. Im Gegenteil, eigentlich sei es gut, dass es wieder Leben im Gebäude gebe. «Und Künstler sind mir lieber als Roma oder Asylsuchende», sagt die Nachbarin. Wichtig sei ihr aber, dass es ruhig bleibe. Bis jetzt war es das: Von der Hausbesetzung selber hat die Frau nämlich nichts mitbekommen. Auch ihr Gärtner, der mehrere Privatgärten im noblen Wohnviertel pflegt, hat nichts bemerkt. Und die Hausbesetzer versprechen, dass es weiterhin ruhig bleiben wird. Er habe keine Angst, dass die mediale Aufmerksamkeit eine Schar Festfreudiger aus der Zürcher Hausbesetzerszene anlocke, sagt der Sprecher der Künstlergruppe.

Besitzer verhandeln nicht

Das Collective Saint Raphael hofft, mit den Besitzern der Klinik einen Zwischennutzungsvertrag auszuhandeln. Das Gebäude gehört zu einem Teil der Zürcher Klinik Pyramide, zu einem anderen Teil einer Gruppe von Belegärzten. Nach eigenen Angaben stehen die Künstler mit den Eigentümern in Kontakt.

Dies dementiert Beat Huber, der Direktor der Klinik Pyramide. «Weder der Verwaltungsrat noch die Geschäftsleitung wurden kontaktiert», sagt er. Huber geht nicht davon aus, dass es zu Verhandlungen kommt – geschweige denn, dass ein Vertrag abgeschlossen wird. Wie es weitergeht, ist allerdings noch unklar. Am Montag kehre ein Teil der Verwaltungsräte aus den Ferien zurück und werde sich dann beraten. Bisher hätten sie sich noch nie mit solchen Problemen herumschlagen müssen.

Kaum Hausbesetzungen an der Goldküste

Überhaupt kommt es an der Goldküste nicht oft zu Hausbesetzungen. Vor knapp drei Jahren hatten sieben Personen mit acht Hunden ein leer stehendes Haus an der Seestrasse in Zollikon besetzt, um für den Winter ein Dach über dem Kopf zu haben. Die Polizei räumte das Haus umgehend, die Besetzer leisteten keinen Widerstand. Ebenfalls in Zollikon quartierten sich 1996 Studenten in der verlassenen Blauen Villa im Dorfzentrum ein. Nach Ablauf des Ultimatums, das ihnen der Besitzer gestellt hatte, zogen sie friedlich von dannen.

Gemeinde vermutet Insider

Arnold Reithaar, seit acht Jahren Sicherheitsvorstand in Küsnacht, kann sich dagegen an keine Hausbesetzung in seiner Gemeinde erinnern. Er vermutet, dass bei der Klinik St. Raphael Insider am Werk sind. «Das Gebäude liegt abgeschieden und ist nicht einfach zu finden», sagt er. «Die Besetzer müssen die Liegenschaft gut ausgekundschaftet haben.» Vermutlich wussten sie Bescheid darüber, dass die Klinik seit dem Sommer 2008 leer steht. Ursprünglich war geplant, das Gebäude abzubrechen und einen Neubau zu erstellen. Die Ärzte scheuten aber das finanzielle Risiko.

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Erstellt: 30.07.2010, 21:50 Uhr

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