Mäusegift legt Meilen lahm

Von Christoph Dubler . Aktualisiert am 20.02.2010

Weil sie giftige Dämpfe eingeatmet haben, liegen neun Meilemer Feuerwehrmänner im Spital. Zehn Hausbewohner mussten evakuiert und die Seestrasse die ganze Nacht über gesperrt werden.

Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst standen an der Seestrasse die ganze Nacht im Einsatz.

Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst standen an der Seestrasse die ganze Nacht im Einsatz.
Bild: Markus Heinzer

Rattengift

Gefährliches Calciumphosphid

Calciumphosphid, gemeinhin als Mäuse- oder Rattengift bekannt, ist eine hochtoxische Substanz, die im Kampf gegen Nagetiere aller Art eingesetzt wird. Etwa in Getreidelagern oder gegen Wühlmäuse im Garten.

Calciumphosphid ist im Handel unter dem Namen Polythanol P als kieselsteingrosse, braun-rötliche Pfropfen erhältlich, die in Mäuselöcher gestopft werden. Dort bildet die Substanz in Kontakt mit Wasser das farblose Gas Phosphin. Dieses kann auch beim Menschen bereits in geringen Mengen zu lebensgefährlichen Vergiftungen führen. Weil das Gas schwerer als Luft ist, sinkt es langsam in die Gänge der Nagerbauten hinab und tötet die Tiere.
Das Rattengift darf unter keinen Umständen im Freien angewendet werden. «Alles andere wäre grober Unfug», erklärt Dr. Hugo Kupferschmidt vom Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrum.

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Heulende Sirenen, blinkende Blaulichter, ein riesiger Lichtstrahler und die Einsatzwagen von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei am Strassenrand: Für die Bewohner des Hauses an der General-Wille-Strasse 320 in Meilen bot sich am Freitag Nacht ein Bild, als ob Ausserirdische gelandet wären.

«Ich habe Sirenen gehört, Gepolter im Treppenhaus und laute Stimmen. Die Polizei hat an meiner Haustüre geklingelt und mich gebeten mitzukommen. Zusammen mit den anderen Hausbewohnern bin ich dann mit der Feuerwehr auf den Feuerwehrposten Meilen gefahren», erzählt Bewohnerin Jeannie Bennet mit zittriger Stimme. Noch steckt ihr die schlaflose Nacht in den Knochen.

Neun Feuerwehrleute vergiftet

Die Feuerwehr Meilen sperrte um Mitternacht die Seestrasse und evakuierte die Bewohner des Hauses, weil im Garten giftige Dämpfe aufstiegen. Ein Passant hatte um 22.37 Uhr gemeldet, dass es auf der Seestrasse vor dem Mehrfamilienhaus stark nach Gas rieche. Vor Ort ist den Feuerwehrmännern dann aber schnell klar geworden, dass es sich nicht um das Leck einer Gasleitung handelte, sondern um «vorerst unidentifizierbare Dämpfe», wie Peter Bösch, Stabsoffizier und Mediensprecher der Stützpunktfeuerwehr Meilen, sagt. Deshalb bezog die Feuerwehr sofort die Chemiewehr in den Einsatz mit ein. Den unvorbereiteten Feuerwehrleuten wurde die giftige Wolke jedoch zum Verhängnis: Sie trugen beim ersten Kontakt keine Gasmasken. Neun von ihnen zeigten im Laufe der Nacht Vergiftungserscheinungen und mussten noch am Einsatzort medizinisch behandelt und später ins Spital Männedorf gebracht werden, wo sie für 72 Stunden unter Beobachtung stehen. «Nur zur Sicherheit. Alle neun befinden sich zurzeit in stabilem Zustand», sagt Renate Risseeuw, Leiterin Kommunikation des Spitals Männedorf.

Erste Abklärungen der Feuerwehr ergaben, dass Granulat zur Mäusebekämpfung den Gasgeruch verursacht hat. Statt es in den Mäuselöchern zu deponieren und die Tiere damit zu ersticken, war das Gift auf dem Boden ausgestreut worden. Das Mäusegift reagierte mit der Luftfeuchtigkeit und entwickelte die giftigen Dämpfe. Es handelt sich um das in gasförmigem Zustand hochtoxische Calciumphosphid, das bereits in geringen Mengen zu Vergiftungen führen kann. Die Feuerwehr entfernte den grössten Teil des Granulats und bedeckte den ganzen Garten mit Sand. «Weil wir unmöglich die ganzen Giftkörner aufsammeln konnten», wie Peter Bösch erklärt.

Hausbewohner hat Gift gestreut Monica Grubenmann, eine Bewohnerin des Hauses, nimmt den nächtlichen Ausflug ins Feuerwehrlokal gelassen. «Uns geht es allen gut. Es war eine Freinacht – so what?», sagt sie. Die Bewohner haben die Nacht auf dem Feuerwehrposten in Meilen verbracht. Um sechs Uhr morgens konnten sie schliesslich wieder in ihre Wohnungen zurückkehren. «Die Feuerwehr hat sich sehr nett um uns gekümmert. Sie haben uns einen Platz zum Schlafen angeboten und uns mit Sandwichs versorgt», sagt Bewohnerin Jeannie Bennet.

Im Einsatz standen 45 Feuerwehrmänner inklusive Chemiewehrzug der Feuerwehr Meilen. Zudem waren Rettungsdienst und Polizei vor Ort. Die Kantonspolizei Zürich kann zum Täter noch keine Aussage machen. Hausbewohnerin Bennet hingegen glaubt, der Täter oder die Täterin wohne ebenfalls im Haus. Die Person muss mit einer Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung rechnen.

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Erstellt: 20.02.2010, 04:00 Uhr

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