«Meine Tabellen lügen nicht»

Von Jérôme Stern . Aktualisiert am 09.09.2010 1 Kommentar

Seit 1963 beobachtet Ralf Freund das Küsnachter Wetter. Tag für Tag hat er sich die wichtigsten Daten notiert. Aus seinen Aufzeichnungen ist ersichtlich, dass sich das Klima erwärmt.

Mit sämtlichen Wetterphänomenen vertraut: Ralf Freund geht bei unsicherem Wetter nie ohne Schirm aus dem Haus. (Bild: Daniel Kellenberger)

Ralf Freund wohnt seit seiner Geburt in Küsnacht, und schon der Blick aus seinem Kinderzimmer ging über den Zürichsee und die Albiskette. So hatte er das Wetter früh direkt vor seiner Nasespitze. 1963 begann der damals 17-Jährige mit seinen Wetteraufzeichnungen. 40 Jahre lang notierte er abends Temperatur- und Niederschlagsdaten. 40 Jahre lang handschriftlich, ohne Computer. Er arbeitete ohne teure Ausrüstung, ein Thermometer und sein waches Interesse für die Natur genügten.

Auf Karopapier zeichnete er jeden Monat feinsäuberlich ein Temperaturdiagramm, dazu sammelte er Zeitungsartikel über Wetterereignisse wie Überschwemmungen oder Lawinen, die für Schlagzeilen sorgten. Über die Jahrzehnte entstand so sein ganz persönliches Wetterarchiv. Wie ein Weinliebhaber die Vorzüge seiner Lieblingsjahrgänge schätzt, so hat auch Ralf Freund Wetterjahrgänge, die ihm besonders ans Herz gewachsen sind.

Seegfrörni 1963

«Ich hatte einen guten Einstieg, der Januar 1963 war ein besonderer Monat», erinnert er sich. Ralf Freund erzählt, als wäre es gestern gewesen. «Scharfer Frost und eiskalte Bise, dann Windstille und klare Nächte», erklärt der 65-Jährige die Umstände, die unweigerlich zur Seegfrörni führen mussten. Ein schneller Griff, und der Wettersammler hat das entsprechende Diagramm zur Hand.

«Man sieht, wie die Temperaturen ab dem 7. Januar stark zurückgehen», erläutert er die Bleistiftlinien auf dem vergilbten Papier. «Hier, ab dem 24. Januar war der Zürichsee dann zugefroren.» Dieser denkwürdige Winter vor 37 Jahren war der Beginn seiner Leidenschaft. Der gelernte Geograf zeichnete Diagramm um Diagramm auf Papier, bis heute 480 «Fieberkurven».

Immer am gleichen Ort

Seine ausgeprägte Heimatverbundenheit sei eine wichtige Voraussetzung, wie der Küsnachter erklärt: «Solche Messungen müssen immer am gleichen Ort vorgenommen werden, damit sie aussagekräftig werden», erklärt er. Dann zieht Ralf Freund das nächste Diagramm hervor. «1999 war ein ganz spezielles Jahr, es gab drei auffallende Ereignisse», sagt er. Ohne zu suchen, hält er das passende Papier bereit, doch eigentlich kennt er die Daten auswendig. Februar und März seien äusserst schneereich gewesen, sogar im April und im Mai habe es noch Neuschnee gegeben.

Der Wettersammler zeigt alte Zeitungsartikel, alle perfekt sortiert. «An Auffahrt und zu Pfingsten gab es dann ungewöhnlich viel Regen, der Wasserstand im Zürichsee erreichte eine Rekordmarke.» Freund blättert kurz in seinem Archiv und fährt dann fort: «Am zweiten Weihnachtstag, dem 26. Dezember, fegte Lothar über Europa. Das geschah völlig überraschend, er kam von Frankreich her über die Region Basel und richtete grossen Schaden an.»

«Wir müssen handeln»

Wie ein wandelndes Lexikon weiss er darüber zu berichten. Er hat auch eine Erklärung für die Phänomene parat. «Das ist die Klimaerwärmung», erklärt er. «Die Winter sind drastisch wärmer als der statistische Mittelwert.» Er wisse, wovon er spreche. «Meine Tabellen lügen nicht.» Für seine Dissertation über den Permafrost sei er oft im Hochgebirge unterwegs gewesen. «Im Gegensatz zu früher schmelzen die Schneefelder im Sommer ganz weg.» Ein jeder müsse seine Einstellung zur Umwelt verändern. «Es gibt keine Entschuldigung mehr, wir müssen handeln.» Das letztes Diagramm hat er Ende 2002 gezeichnet, das Wetter lässt ihn aber auch heute nicht kalt. «Das Wetter ist allgegenwärtig, wer beobachtet, versteht die Zusammenhänge.»

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Erstellt: 08.09.2010, 20:25 Uhr

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1 Kommentar

Hans Meyer

09.09.2010, 10:35 Uhr
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Ich bin auch für Umweltschutz. Trotzdem habe ich meine Zweifel was die Klimaerwärmung durch den Menschen angeht. Wir hatten doch schon immer Eiszeiten und danach schmelzende Gletscher in Warmzeiten. Kürzlich sah ich im Gletschergarten Luzern wie Luzern vor zig tausend Jahre ausgesehen hat: Exotische Tiere und Palmen lassen auf sehr warmes Klima schliessen! Der Zürichsee war einmal ein Gletscher. Antworten



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