Psychologe: «Unkontrollierter Konsum von Gewaltvideos»
Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 06.07.2009
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Herr Hinder, woher kommt dieses unglaubliche Gewaltpotenzial der Jugendlichen?
Das lässt sich nicht so allgemein beantworten. Bei 100 gewalttätigen Jugendlichen gibt es womöglich 100 verschiedene Ursachen. Etwa, dass sie selbst Gewalt erlebt haben oder dass sich bei ihnen einfach Aggressionen aufgestaut haben.
Nun wurde bekannt, dass die Schläger aus Küsnacht sogar einen Behinderten verprügelt haben.
Diese Jugendlichen haben jeglichen Sinn für Realität oder Gerechtigkeit verloren.
Sind die Täter Psychopathen?
Ich hätte Ihnen schon vor der Meldung, dass die Täter vorbestraft sind, sagen können, dass da etwas gelaufen war. Ein solch brutales Verhalten kommt nicht aus heiterem Himmel. Die Täter hatten schon vorher gewisse Stufen durchlaufen, denen hat es nicht einfach «ausgehängt».
Die Gewalt scheint heute ein ganz neues Ausmass angenommen zu haben
Das ist eindeutig so. Derzeit ist ein enormes Gewaltpotenzial vorhanden, nicht nur bei Jungen. Auch familiäre Gewalt nimmt immer mehr zu.
Wo sehen Sie mögliche Gründe für diese exzessive Gewalt?
Zum Beispiel im unkontrollierten Konsum von Gewaltvideos und -spielen, der immer mehr überhand nimmt. Durch die Gewaltszenen verlieren die Jungen immer mehr ihre Hemmschwelle, sehen Gewalt als ganz normal an. Dafür spricht auch, dass die Täter offenbar keine Reue zeigten.
Sie glauben also auch, dass Brutalovideos und -games abstumpfen?
Das kann ich zwar nicht wissenschaftlich belegen, aber ich spreche aus meiner Erfahrung mit Patienten. Es ist eine starke Tendenz zur Verharmlosung von Gewalt vorhanden. Die heutigen Medien, die Kultur der Jungen, alles ist auf Action ausgerichtet. Und dazu kommt der Alkohol, der noch zusätzlich enthemmt.
Was für einen Einfluss hat Ihrer Meinung nach die manchmal Gewalt verharmlosende Hip-Hop-Kultur?
Die fördert das Ganze noch, weil sie Gewalt als cool vermarktet.
Dann sind Jugendliche schutzlos der Gewalt-Kultur ausgesetzt?
Man muss sagen, dass sich nur ein kleiner Anteil – vielleicht fünf Prozent – der Jugendlichen von Gewalt-Medien mitreissen lässt. Hyperaktive und extrovertierte Jugendliche, die immer in Bewegung sein müssen und Action wollen, saugen das regelrecht auf. Auf andere wirkt es wiederum abstossend. Die Ursache der Gewalt darf man nicht alleine in diesen Medien suchen. Denn die meisten, die so etwas konsumieren, fühlen sich bereits von Gewalt angezogen.
Wie kann man solchen Taten vorbeugen?
In meinen Augen müssen Eltern mehr Verantwortung bezüglich dem Konsum von Brutalo-Videos übernehmen. Sie haben zu kontrollieren, was ihre Zöglinge konsumieren. Häufig sind sie aber technisch oder erzieherisch überfordert.
Was ist mit der Schule?
Die Schule kann das unmöglich leisten. Sie kann die Eltern höchstens auf ein auffälliges Verhalten der Schüler aufmerksam machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.07.2009, 16:24 Uhr


