Reichtum schützt vor Lehrermangel nicht
Lehrermangel im Bezirk: Noch 13 Stellen sind unbesetzt
Zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien sind beim Zürcher Volksschulamt kantonsweit noch 240 Lehrerstellen ausgeschrieben, 13 davon im Bezirk Meilen. Gemessen an den Schülerzahlen ist der Bezirk damit unterdurchschnittlich stark vom Lehrermangel betroffen. Keinerlei Sorgen haben allerdings nur gerade drei Gemeinden: Erlenbach, Herrliberg und Männedorf haben ihre Lehrerteams fürs nächste Schuljahr bereits beisammen. Am meisten offene Stellen gibt es noch in Stäfa (4), aber auch Küsnacht (3) ist intensiv am Suchen (siehe Hauptartikel). Je eine Stelle zu besetzen haben die Gemeinden Zollikon, Zumikon, Meilen, Uetikon, Oetwil und Hombrechtikon. Hinzu kommen in mehreren Gemeinden noch Stellvertretungen, die gesucht werden. (hub)
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Der akute Lehrermangel trifft jene Gemeinden am stärksten, in denen unattraktive Arbeitsbedingungen herrschen. Das klingt logisch – und beschwört die stereotypen Bilder herauf: lärmige Aggloschulhäuser, wüste Beschimpfungen und Drohungen auf dem Pausenplatz; Kinder, um die sich niemand kümmert, und Eltern, die kaum Deutsch können. Es sind die falschen Bilder. Das zeigt ein Blick an die Goldküste. Denn auch hier stehen die Lehrer keineswegs Schlange.
Übers Ganze gesehen steht der Bezirk Meilen zwar ein wenig besser da als der Rest des Kantons. Doch ausgerechnet in den finanzstarken, stadtnahen Gemeinden Zollikon, Zumikon und Küsnacht sind zwei Wochen vor den Sommerferien noch einige Stellen unbesetzt (siehe Kasten). Dass Bildungsdirektorin Regine Aeppli mit verkürzten Studiengängen auf den Lehrermangel reagieren will (TA vom 3.?7.), hilft wenig: Schon in zwei Wochen sind Sommerferien, dann sollten die Teams komplett sein.
Exemplarisch offenbaren sich die Probleme am Beispiel der Schule Küsnacht. Sie ist besonders gefordert, weil hier gleich zwei 6. Klassen noch ohne Lehrer sind. Ein 100-Prozent-Job, der offenbar alles andere als begehrt ist. «An der Goldküste? Das ist der Horror», so die spontane Reaktion einer erfahrenen Lehrerin.
Ganzer Katalog an Vorbehalten
Dann begründet sie das ausführlich: Wegen des Übertritts an die Oberstufe gebe eine 6. Klasse ohnehin speziell viel zu tun. In einer Gemeinde wie Küsnacht kämen noch anspruchsvolle Eltern hinzu, die ihre Kinder um jeden Preis ans Gymnasium bringen wollten. Die Kinder seien wegen der einsetzenden Pubertät nur schwer zu bändigen. Zudem müsste man bei einer Vollstelle Französisch und Englisch unterrichten, was nur wenige können – vor allem die Junglehrer nicht, die neu zu Fachlehrern ausgebildet werden, sich also auf eine der beiden Sprachen spezialisieren müssen. Und schliesslich wundere man sich natürlich, weshalb ein Lehrer seinen Klassenzug nicht bis ans Ziel geführt habe – ein Hinweis auf eine schwierige Klasse?
Zumindest was diesen letzten Punkt betrifft, kann Schulpflegepräsident Max Heberlein (FDP) Entwarnung geben. Die Abgänge hätten mehr mit privatem Kinderglück zu tun als mit beruflichem Kinderstress. Kleinreden mag er sein Problem trotzdem nicht: «So eine Situation habe ich in 20 Jahren noch nie erlebt», sagt er unumwunden. Es sei sehr schwierig, die Stellen zu besetzen. Die Sache mit der Spezialisierung der Lehrkräfte in der Ausbildung sei «eine grosse organisatorische Erschwernis». Auch nicht besser mache es die Tatsache, dass nur noch eine Minderheit zu 100 Prozent arbeiten mag. Auch die Goldküsten-spezifischen Vorbehalte sind laut Heberlein nicht aus der Luft gegriffen. Es komme vielmehr noch etwas hinzu: Hier treffen auf jeden Lehrer mehr Kinder als anderswo. Der Grund: Bei der Zuteilung der Anzahl Lehrerstellen durch den Kanton müssen sich Gemeinden mit einer sozialen Zusammensetzung, die als unproblematisch gilt, hinten anstellen.
Headhunter sind unerwünscht
Doch Heberlein versucht, diesen Schwierigkeiten etwas Positives abzugewinnen: «Man kann das als Lehrer ja auch als spannende Herausforderung sehen.» Es ist ein wenig Werbung in eigener Sache – viel mehr bleibt ihm auch nicht übrig. Denn selbst eine potente Gemeinde wie Küsnacht kann nicht mit finanziellen Anreizen Lehrer ködern: Die Löhne bestimmt der Kanton. «Und Headhunter werden wir ganz bestimmt keine einsetzen», sagt Heberlein.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.07.2010, 20:25 Uhr


