Rost droht den Oldtimer zu zerstören
Von Michel Wenzler. Aktualisiert am 29.06.2010 6 Kommentare
Geniesst jeden Moment im Cockpit: Ernst Frei. (Bild: TA-Archiv)
Ernst Frei liebt Connie, und deren gesundheitlicher Zustand macht ihm Sorgen. So sehr, dass er sogar im «Meilener Anzeiger» zu Spenden aufruft. Mit 400 000 Franken, rechnet der Meilemer in einem Artikel vor, könnte man das Leben seines Lieblings retten.
Mit Flugkapitän Frei sorgen sich Hunderte anderer Fans um Super Connie. So nennen Flugzeugliebhaber die Super Constellation, die als elegantestes Passagierflugzeug der Luftfahrtgeschichte gilt. Ein Klub von Enthusiasten hat sie vor sechs Jahren von Kalifornien zu ihrem neuen Heimflughafen Basel-Mulhouse überfliegen lassen. In liebevoller Kleinstarbeit päppelte dann die Super Constellation Flyers Association (SCFA) den Oldtimer aus den 50er-Jahren auf.
Vor allem die Korrosion hielt die Flugzeugfans auf Trab. Jeden Winter waren Freiwillige damit beschäftigt, die Rostflecken abzuschleifen. Dennoch gab sich Ernst Frei, ehemaliger Swissair-Pilot und Vorstandsmitglied der SCFA, vor einem Jahr zuversichtlich über Connies Verfassung. «Der Aufwand wird immer kleiner», sagte er damals in einem Interview mit dem TA. «Wir fahren jetzt die Ernte für die 5000 Arbeitsstunden ein, welche die 43 freiwilligen Helfer jeden Winter investiert haben.»
Chemikalien griffen Flügel an
Doch bei der diesjährigen Winterwartung kam das böse Erwachen. Der Verein unterzog Super Connie einer genaueren Prüfung als bisher – so wollte es ein spezielles Korrosionsprogramm, welches das Bundesamt für Zivilluftfahrt vorschreibt. Dabei ist man laut Frei auf sehr grosse Schäden in beiden Flügeln gestossen. Offenbar hatten die früheren Besitzer nie die Beplankungsbleche entfernt, um die Flügelstruktur zu untersuchen. Diese dürfte besonders in jener Zeit stark gelitten haben, als das Flugzeug in den USA zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt wurde.
Die alte Truppentransportmaschine, die 1956 bis 1962 beim amerikanischen Militär im Einsatz war, wurde nach ihrer Ausmusterung für die Schädlingsbekämpfung umgebaut: Im Rumpf wurde ein grosser Tank eingebaut, auf den Flügeln eine Sprüheinrichtung installiert. Die Chemikalien dürften dabei nicht nur manches Kraut vernichtet, sondern auch dem Flugzeug arg zugesetzt haben.
Die Schäden sind offenbar so gross, dass der Verein, der die Propellermaschine in der Schweiz für Rundflüge, Airshows und Flugmeetings einsetzt, zunächst aufgeben wollte. Flugkapitän Ernst Frei hatte damit bereits sein zweites persönliches Grounding vor Augen: 2001 war er als Swissair-Pilot am Boden geblieben, nun also mit der Super Connie – und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr, in dem die Schweiz ihre 100-jährige Luftfahrtgeschichte feiert.
Aufgeben kam nicht infrage
Doch der Basler Verein hat sich noch einmal aufgerappelt, um dem Rost den Kampf anzusagen. Freiwillige Helfer, welche die Schäden an der Maschine beheben, genügen nun aber nicht mehr. Jetzt müssen Spezialisten ans Werk. Mit dem Einsiedler Flugzeugspengler Dominik Kälin hat der Verein einen solchen gefunden. Bis Ende Jahr soll die Super Connie fertig restauriert sein.
Der Flugzeugspengler muss die ganze Beplankung entfernen, Tausende von Nieten aufbohren. Auf jeder Flügelseite werden mehr als acht Meter der Hinterholme herausgetrennt. Diese werden dann bei der Firma Pilatus in Stans zehntelmillimetergenau gescannt und neu gefräst. 4000 bis 5000 Arbeitsstunden wird die Operation beanspruchen, die 5000 Stunden für den sonstigen Unterhalt nicht mitgerechnet.
Die Hälfte der Kosten für die Auffrischungskur, rund 200 000 Franken, versucht der Verein mittels Bettelbriefen bei seinen 2400 Mitgliedern aufzutreiben. Für den restlichen Betrag hofft Frei auf die Unterstützung durch Mäzene; der Verein hat zu einer weltweiten Spendenaktion aufgerufen.
Weltweit zweitletzte Maschine
Dass man sich im Ausland für Super Connies Leiden interessiert, ist dabei gar nicht so abwegig. Denn weltweit gibt es nur noch eine andere flugtüchtige Super Constellation, in Australien. Viele Flugzeugfans dürften deshalb einiges daran setzen, das Relikt zu erhalten. Ob dies ihnen 400 000 Franken wert ist, bleibt aber offen – zumal auch eine Generalüberholung Connies Leben nicht auf ewig sichert.
Denn früher oder später droht dem Oldtimerprojekt das Aus. Die Experten, die zur Lizenzierung von Piloten, Ingenieuren und Technikern berechtigt sind, werden mit der Zeit sterben. Ernst Frei ist trotzdem der Ansicht, dass sich der Aufwand lohnt. «Wenn wir jetzt alles flicken, müssen wir uns die nächsten fünf Jahr keine Sorgen mehr machen», gibt er sich zuversichtlich. Die Spendenaktion sei bis jetzt nicht schlecht angelaufen, auch in der Region habe man schon einige Gönner gefunden.
Einen der letzten prominenten Auftritte über dem Bezirk Meilen hatte die Super Connie übrigens im letzten Sommer. Damals flog Ernst Frei anlässlich des Seenachtfests in Rapperswil über den Zürichsee. Wie immer, wenn er kann, erwies der Pilot dabei auch seiner Wohngemeinde Meilen die Reverenz: mit einem sogenannten Foto-Pass – einem Vorbeiflug, bei dem die Maschine leicht gegen den Ort geneigt ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.06.2010, 11:58 Uhr


