«Das Traurigste ist ein Wildtier, das verletzt durchs Dickicht irrt»
Von Rolf Haecky. Aktualisiert am 02.11.2011 34 Kommentare
Artikel zum Thema
Tritt er auf einen trockenen Ast, hat er verloren. Vorsichtig schiebt er sich etwas weiter zwischen den Bäumen vor. Der Nebel riecht nach Rauch, feuchter Erde und Tannenharz. Jetzt, mit den kalten Herbsttagen, beginnt im Kanton Zürich die Jagdsaison. Doch Urs Büchi hat an diesem Morgen anderes im Sinn, als nach seinem Gewehr zu greifen. Er beobachtet gebannt, wie eine Wildsau mit ihren Jungen im Dämmerlicht des anbrechenden Tages durchs hohe Gras streift und im Unterholz verschwindet. Urs Büchi atmet tief ein und wendet sich ab. «Eine Bache mit ihren Jungen, das ist ein sehr schönes Bild», sagt er und lächelt.
Bereits als Kind faszinierten ihn der Wald und die Wildtiere. «Nach der Schule verbrachte ich Stunden im Wald, um die Füchse zu beobachten», erzählt er. Und so wollte er von klein auf Förster und Jäger werden wie sein Vater und Grossvater. «Förster und Jäger, das ist kein Widerspruch. Beide wollen den Lebensraum der Wildtiere und deren Bestand schützen», stellt Urs Büchi klar. Er ist Förster in Oberweningen und Pächter des Jagdreviers Egg-West zwischen Ober- und Niederweningen.
Schonzeit ab Ende Jahr
Urs Büchi bleibt einen Augenblick stehen. Um den Wald- und Tierbestand gesund zu erhalten, hat der Kanton 1929 die Revierjagd eingeführt, die mit einem verantwortlichen Pächter und klar benannten Bestandeszahlen der Wildarten dem Raubbau früherer Jahrhunderte ein Ende bereitete. Dabei lässt der Kanton nur als Pächter oder Jäger zu, wer über den Fachausweis in Wald-, Jagd- und Waffenkunde verfügt.
Der Pächter ist dann auch dafür verantwortlich, in extrem harten Winterzeiten die Wildtiere zu füttern, wenn sie unter Eis und Schnee weder Gräser noch Wurzeln finden. «Das kommt im Wehntal und im ganzen Unterland kaum mehr vor. In der Regel findet das Reh genug zu äsen», sagt Urs Büchi, während das Kies unter seinen Schuhen knirscht. «Wichtig ist, dass die Wildtiere die kalte Jahreszeit über Ruhe haben. So können sie ohne Probleme überleben.»
Daher gilt ab Ende Dezember die Jagdsaison als abgeschlossen – und für das Reh beginnt die Schonzeit, die bis am 2. Mai dauert. Erst ab diesem Datum dürfen die Jäger Männchen und Weibchen ohne Nachwuchs erlegen. Für das Wildschwein gilt im Wald eine Schonzeit von Anfang März bis Juli. «Auf dem Feld dürfen wir Wildschweine mit einem Gewicht bis maximal 50 Kilogramm das ganze Jahr jagen - ausser Bachen mit Jungen», fährt Urs Büchi fort und biegt auf einen schmalen Pfad ein.
Rehe verursachen Schäden
Der Boden ist weich. Bald klebt eine dicke Lehmschicht an seinen Sohlen. Ziel der Jagd sei, dass ein ausgewogenes Verhältnis der Arten erhalten bleibe: «Nimmt eine Tierart stark ab, droht ihr Aussterben, nimmt sie überhand, verdrängt sie andere Arten, was negative Folgen für den Wald hat.» So verursachen Rehe Schäden an den Bäumen, wenn sie die Haut an ihren Hörnern abfegen. Und sie fressen in ganzen Waldstücken die jungen Triebe ab. Zudem führen die Böcke erbitterte Kämpfe um die zu eng gewordenen Gebiete.
«Der Mensch hat zu stark in die natürlichen Abläufe eingegriffen», ist Urs Büchi überzeugt. Die natürlichen Mechanismen würden in den hiesigen Wäldern nicht mehr funktionieren. «Wir müssen das Gleichgewicht unter den Arten mit technischen Mitteln regulieren», sagt er. Wölfe und andere Raubtiere in der Region auszusetzen, wäre unmöglich. «Davon abgesehen, würden sie sich im Unterland nicht wohl fühlen.» Zu viel Lärm und Verkehr, Biker, Jogger und Wanderer.
«Wir Jäger helfen den Wildtieren auch zu überleben», betont Urs Büchi. Man versuche, Strassen zu sichern und die Wildtiere von den Autos wegzuhalten. Trotzdem stirbt rund 20 Prozent des Wildzuwachses im Verkehr. «Das Traurigste ist ein Wildtier, das verletzt durchs Dickicht irrt», sagt Büchi. Er tritt aus dem Wald und geht zu seinem Wagen. Morgen muss er sehr früh aus den Federn. Dann beginnt im Revier Egg-West die Jagd. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.11.2011, 13:25 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
34 Kommentare
Ohne die Raubtiere wie Luchs, Wolf und Bär haben wir jetzt zuviele Wildschweine und Rehe. Die Jäger müssen deshalb eingreifen, damit der Wald nicht kaputtgeht. Wer hat vorher die Raubtiere ausgerottet? Die Jäger. Zuerst das Ökosystem zerstören und nachher sich als die Retter aufspielen. Das kennen wir doch. Antworten

Bitte warten

