Gemeindepräsident Josef Bütler hat genug
Von Hélène Arnet. Aktualisiert am 06.10.2011 43 Kommentare
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Spreitenbach – Was Josef Bütler Ende August in der TV-Sendung «Schweiz aktuell» sagte, empfand er selbst nicht als aufregend: Der hohe Ausländeranteil in der Gemeinde Spreitenbach sei eine «bereichernde Herausforderung». Für ihn als Gemeindeammann gebe es nicht Schweizer und Ausländer, sondern einfach Spreitenbacher. Danach kam er auf die Welt: Er sei der «Himmeltraurigste», eine «grosse Schande für die Schweiz», musste er sich von anonymen Anrufern sagen lassen. Das Schlimmste war, dass seine Familie in Mitleidenschaft gezogen wurde. Seine Frau und seine drei Kinder mussten sich zu Hause am Telefon Schmähungen anhören. Sie hätten einen «himmeltraurigen Vater».
Josef Bütler sagt: «Ich bin keiner, der die Flinte schnell ins Korn wirft. Eher einer für ‹Gring ache u seckle›.» Er habe die Situation mit seiner Familie eingehend diskutiert, zwischendurch sei man der Meinung gewesen: «Wir packen das gemeinsam.» Doch dann habe er gespürt, dass Frau und Kinder Angst hätten. Die Kinder sind zwischen dreizehn und achtzehn Jahre alt. «Sie bekommen diese Anfeindungen voll mit. Das kann ich nicht hinnehmen. Davor muss ich sie schützen.» Und: «Die Gefahr bestand, dass meine Familie auseinanderbricht.» Letzten Freitag gab er seinen Rücktritt bekannt.
Dieser Rücktritt hat den Spreitenbacher Gemeindeammann national bekannt gemacht. Er ist zum Inbegriff des anständigen Politikers geworden. Leserbriefe und unzählige Kommentare erschienen in den Zeitungen und Online-foren. Er selbst habe viel Zuspruch erhalten. «Ein namhafter Politiker meinte, wenn er vor zwanzig Jahren diesen Schritt gemacht hätte, wäre seine Familie vielleicht noch intakt.»
Politiker geben den Ton vor
Viel Erschütterung, viel Betroffenheit, viel Empörung: Das wiederum tönt nach heiler Welt. Scheinheiliger Welt. Jeder weiss, dass Politiker eine dicke Haut haben müssen. Kaum einer, der Verantwortung trägt, dem nicht schon Ähnliches widerfahren ist. Die Politiker selbst machen es dem Volk ja immer wieder vor, geben sich aufs Dach, verunglimpfen sich, schrecken auch vor persönlichen Angriffen nicht zurück.
Weshalb bewegt denn nun der Fall Bütler die Gemüter dermassen? Wohl, weil Josef Bütler jenen Politiker verkörpert, den die meisten Leute sich in ihrer Gemeinde wünschen. Den Typ Politiker, wie er früher war. Der 43-jährige Bütler ist in Spreitenbach aufgewachsen, hat dort die Schule besucht und im Turnverein mitgemacht. Sein Vater war langjähriger Brunnenmeister und ist im ganzen Dorf wohlbekannt. Der Vater in der CVP, der Sohn in der FDP. Bütler ist gut erzogen und gut angezogen, machte als Geschäftsführer eines mittelgrossen Unternehmens eine gute Figur. Und blieb doch einfach der «Josi».
«Ich konnte mir für Spreitenbach keinen besseren Nachfolger wünschen», sagt Ruedi Kalt (CVP), der vormalige, langjährige Gemeindeammann. «Ich bin sehr betroffen über seinen Rücktritt.» War er selbst auch solchen Beschimpfungen ausgesetzt? «Das gab es immer wieder.» Und wie ging er damit um? Wenn er gewusst habe, woher der Wind wehe, habe er die Betreffenden gestellt. Doch dürfe man nicht alle Anfeindungen über einen Leisten schlagen. «Heute ist man unzimperlicher, und wenn die Familie mitbetroffen ist, liegt der Fall noch einmal anders.» Ganz bestimmt aber sei das kein Fall Spreitenbach.
Spreitenbach liegt im aargauischen Limmattal und ist bekannt für seine Shoppingcenter und den hohen Ausländeranteil: Die Hälfte der 11'000 Einwohner sind Ausländer. Sie stammen aus 86 Nationen und wohnen zumeist in einem Hochhausquartier. Spreitenbach ist aber auch ein Dorf mit intaktem Dorfkern, Bauernhöfen, einem Weinberg, einem Weiler hoch über dem Tal. «Wir haben gelernt, mit diesen Unterschieden umzugehen», sagt Bütler.
Selbst ernannte Eidgenossen
Einbürgerungen geben in den Gemeindeversammlungen kaum zu reden. Allerdings enthält sich jeweils rund ein Drittel der Stimme. Bütler wurde denn auch nicht wegen eines Vorkommnisses in Spreitenbach in der TV-Sendung befragt. Anlass war die Tat eines Albaners, der im zürcherischen Pfäffikon seine Frau und die Leiterin des Sozialamtes tötete. Die Reportage sollte zeigen, wie das Zusammenleben mit den vielen Einwohnern aus dem Balkan in Spreitenbach funktioniert.
Bütler ist überzeugt: Die zumeist anonymen Beschimpfungen stammten zum grossen Teil nicht von Spreitenbachern. Er sei ins Kreuzfeuer selbst ernannter Eidgenossen geraten. «Für mich sind gegenseitige Achtung und Respekt urschweizerische Eigenschaften.» Sein Vater habe jeweils im Fernsehen kopfschüttelnd die Diskussionen im deutschen Bundestag angeschaut und gesagt: «Das ist bei uns schon anders.»
Anders ist es heute nicht mehr. Bestärkt er aber durch seinen Rücktritt die Schandmäuler und Schmierfinken nicht noch in ihrem Tun? «Diese Frage beschäftigte mich lange. Ich bin keiner, der gerne verliert.» Zudem bedeutet der Rücktritt, dass er jetzt ohne Job dasteht, denn das Gemeindepräsidium ist in Spreitenbach ein Vollamt. Doch eines sei ihm absolut klar: «Ich bereue meinen Rücktritt nicht.» Sein Appell richtet sich vorab an die Politiker in ihrer Vorbildrolle. «Wenn sich deswegen manche Politiker besinnen, sich im Ton mässigen und die politischen Diskussionen wieder sachlicher führen, hat das alles sogar etwas Positives.»
Die grosse Anteilnahme am Fall Bütler legt nahe, dass viele Menschen sich eigentlich solche Politiker wünschen. Dann müssen sie sie aber auch wählen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.10.2011, 07:34 Uhr
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