20 Jahre nach dem «Needle Park» gibt es 5000 Drogenabhängige in Zürich
Von Martin Huber. Aktualisiert am 01.02.2012 13 Kommentare
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Es war ein Slum mitten in der Stadt: Der «Needle Park» am Platzspitz sorgte Anfang der 90er-Jahre weltweit für Schlagzeilen. Von 1987 bis 1992 machte sich dort die offene Drogenszene breit. Bis zu 1500 Süchtige und Dealer hielten sich an Sommertagen auf Europas grösstem Drogenbasar auf. Inmitten von Dreck und Gewalt verelendeten viele Heroinsüchtige, die HIV-Infektionen nahmen rasant zu. Die Behörden tolerierten das Treiben lange.
Bis der politische Druck immer stärker wurde, das Image der Stadt zusehends litt und Statthalter Bruno Graf schliesslich die Räumung anordnete. Am 5. Februar 1992 wurde die «Drogenhölle» geschlossen – praktisch ohne flankierende soziale und medizinische Massnahmen. Prompt schlug die Vertreibungstaktik fehl – die Szene verschob sich aufs Areal des früheren Bahnhofs Letten, wo sie drei weitere Jahre geduldet wurde.
Das Scheitern der Platzspitz-Schliessung gilt aus heutiger Sicht als drogenpolitischer Wendepunkt. Weil sie in breiten Kreisen ein Umdenken bewirkte und den Weg für ein pragmatischeres Vorgehen ebnete. Dank verbesserter Kooperation der Behörden und dem Zusammenspiel von polizeilichen, sozialen, medizinischen und präventiven Massnahmen konnte der Letten im Februar 1995 relativ problemlos geschlossen werden. Die damals beschlossene 4-Säulen-Politik mit Repression, Prävention, Therapie und Überlebenshilfe hat bis heute Bestand. Mit ihr gelang es, das Problem einzudämmen.
Partydrogen statt Heroin
Die Drogensituation in Zürich habe sich seit der Platzspitz-Schliessung stark verändert, sagt Beat Rhyner, Fahndungschef der Stadtpolizei. Eine offene Drogenszene gibt es nicht mehr, die Beschaffungskriminalität ist zurückgegangen, Drogenabhängige sind weniger verelendet. Beim Konsum hat eine Verlagerung hin zu Party- und Designerdrogen, zu Kokain und Alkohol stattgefunden.
Doch verschwunden sind weder die Drogenabhängigen noch das Suchtproblem: «Wir sind eine Rauschgesellschaft, eine drogenfreie Gesellschaft ist eine Illusion», sagt Rhyner. Schätzungen der Polizei gehen von rund 5000 Abhängigen von harten Drogen in der Stadt Zürich aus. Und: «Die Nachfrage nach Kokain und Heroin ist nach wie vor hoch, die Verfügbarkeit ungebrochen.»
Laut Thilo Beck, Chefarzt der Arud-Zentren für Suchtmedizin, ist die Zahl der Heroinkonsumenten im Vergleich zu den frühen 90er-Jahren klar zurückgegangen. Damals verzeichnete man jährlich rund 800 Neueinsteiger im Kanton Zürich. Heute liegt die Zahl der Neukonsumenten mit 80 Personen im Jahr auf dem Stand von 1970.
Vom Platzspitz ins Altersheim
In Zürich leben noch heute Heroinkonsumenten, die bereits auf dem Platzspitz konsumiert haben. Es sei heute möglich, mit Drogen alt zu werden, sagt Michael Herzig, Leiter Sucht und Drogen im Zürcher Sozialdepartement. Die Stadt betreibt gar eine spezielle Einrichtung für in die Jahre gekommene Junkies. In den vier städtischen Gassenzimmern halten sich derzeit täglich noch je 50 bis 100 Süchtige auf. Die 1500 Plätze in Methadon- und Heroinprogrammen sind weiterhin gut ausgelastet. Die Zahl abgegebener Spritzen ist allerdings von 16'000 pro Tag zu Spitzenzeiten während der Letten-Phase auf 1500 gesunken.
Um die Drogensituation unter Kontrolle zu halten, betreibt die Polizei nach wie vor einen grossen Aufwand, wie Fahndungschef Rhyner betont. Der Drogenhandel findet weitgehend verdeckt und unauffällig statt, was den polizeilichen Aufwand, um an die Händler heranzukommen, erhöht. Diese weichen zudem vermehrt in Aussenquartiere und die Agglomeration aus.
Die Bekämpfung der Szenenbildung und des organisierten Drogenhandels sowie die Durchsetzung von Ruhe und Ordnung in der Clubszene brächten die Stadtpolizei auch personell an Grenzen, sagt Infochef Marco Cortesi. Probleme bereiten zudem die Auswirkungen der Partystadt mit exzessivem Alkoholkonsum und mehr Gewaltbereitschaft.
Errungenschaften in Gefahr?
Suchtfachleute zeigen sich besorgt, dass das Drogenproblem in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Auf dem Sorgenbarometer der Schweizer, wo das Thema in den 90er-Jahren stets einen Spitzenplatz einnahm, findet es sich derzeit gar nicht mehr. «Das Thema droht von der politischen Agenda zu verschwinden», sagt Herzig. Schon werde wieder mit einfachen Lösungen und repressiven Massnahmen hausiert. Er bedauert zudem, dass sich der pragmatische Umgang im Drogenbereich nicht auf andere Politikfelder übertragen liess, etwa auf den Umgang mit der Strassenprostitution.
Auch Arud-Arzt Beck warnt davor, sich 20 Jahre nach der Platzspitz-Schliessung in falscher Sicherheit zu wähnen: «Die Drogenszene als öffentliches Ärgernis ist zwar verschwunden, aber die Grundproblematik ist geblieben, wobei andere Substanzen im Vordergrund stehen.» Auch er sieht repressive Tendenzen auf dem Vormarsch, welche die Fortschritte bei der Schadensminderung gefährden könnten. «Das Abstinenzparadigma ist in unserer Gesellschaft immer noch sehr stark verankert.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.02.2012, 11:14 Uhr
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13 Kommentare
Die Lösung wäre legalisieren. Es gibt bereits Länder die es vorzeigen. Die Kriminalisierung geht massiv zurück und obwohl der Konsum zu Beginn ansteigt, so fällt er tiefer herunter nach einiger Zeit. Der Reiz geht dann bei vielen Konsumenten verloren weil es dann erlaubt wäre. Und diejenigen, die dennoch konsumieren, würden zumindest nicht an den Streckmittel zu Grunde gehen. Allen wär geholfen. Antworten
Fazit: Das Drogenproblem ist nicht gelöst, es hat sich nur verlagert. Der Normalbürger denkt natürlich es hätte sich gebessert, immerhin ist es nicht mehr sichtbar. Aber nicht alles was es gibt muss man zwingend sehen können. Es wäre an der Zeit eine neue Drogenpolitik zu entwickeln um das "Problem" zu lösen. Antworten

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