Alkoholverbot in Trams und S-Bahnen?

Dübendorf ist nur ein Beispiel: Gemeinden erlassen strengere Regeln für Jugendliche im öffentlichen Raum. Die EVP fordert nun alkoholfreie Züge in der Nacht.

Den Alkoholkonsum zukünftig stärker kontrollieren: Die SIP spricht am Limmatplatz mit Jugendlichen, die Alkohol trinken.

Den Alkoholkonsum zukünftig stärker kontrollieren: Die SIP spricht am Limmatplatz mit Jugendlichen, die Alkohol trinken. Bild: Reto Oeschger

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Eine Gemeinde nach der anderen verschärft ihre Polizeiverordnung – vor allem im Bezirk Uster, aber auch im Unterland. Zentrale Elemente sind jeweils ein Verbot von Littering, Spucken sowie ein Alkoholverbot für Jugendliche im öffentlichen Raum. Unter 16-Jährige sollen auf Plätzen, in Parks und auf Strassen keinen Alkohol trinken dürfen, Jugendliche unter 18 dürfen keine Spirituosen und Alkopops zu sich nehmen.

Es sind aber selten bloss Jugendliche, die mit öffentlichen Saufgelagen und hemmungslosem Trinken in S-Bahnen und Trams Passagiere ärgern. Deshalb will die EVP des Kantons Zürich nach deutschem und amerikanischem Vorbild ein Alkoholverbot in den Verkehrsmitteln des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) auch für Erwachsene prüfen.

Junge nehmen das Verbot cool

Die Partei formulierte ein Postulat, das am nächsten Montag im Kantonsrat eingereicht werden soll. «Der Verkehrsverbund muss sich überlegen, den Alkoholkonsum zwischen 22 und 6 Uhr in Trams, Bussen und S-Bahn zu verbieten», sagt EVP-Kantonsrat Markus Schaaf (Zell). Der ZVV könne mit einer solchen Einschränkung gleich mehrere Probleme angehen: Lärm, Abfall, Gewalt und Sicherheit. Ganz bewusst möchte die EVP nicht zwischen Jugendlichen und Erwachsenen unterscheiden, um die Kontrollen zu erleichtern.

Für EVP-Politiker Markus Schaaf ist klar, dass ein solches Verbot nur Erfolg hat, wenn es auf eine breite Akzeptanz stösst. «Nur so spielt die soziale Kontrolle.» Die Chancen im Kantonsrat erscheinen im Moment nicht sehr hoch, weil SVP und FDP gesetzlichen Einschränkungen gegenüber grundsätzlich skeptisch sind. «Vor zehn Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass in SBB-Zügen Rauchverbot herrscht. Heute ist das für alle selbstverständlich», sagt Schaaf. Der Bundesrat hat sich gestern gegen eine ähnlich lautende Motion des Obwaldner CSP-Nationalrats Karl Vogler gestellt. Allerdings betonte er, dass es jedem Verkehrsunternehmen freistehe, strengere Regeln einzuführen.

In Dübendorf, das gestern die Verschärfung der Polizeiverordnung bekannt gegeben hat, reagieren die Jugendlichen erstaunlich gelassen: «Scheisse», ist zwar Martins Reaktion (alle Namen geändert), dass er als 14-Jähriger auf offener Strasse in Dübendorf keinen Alkohol mehr trinken darf. Dann tönt es relaxter. Er trinke ohnehin kaum Alkohol und verstehe nicht, weshalb es ein weiteres Verbot brauche. «Wir sollten doch vor 16 sowieso keinen Alkohol trinken.» Ähnlich reagierten gestern die meisten Dübendorfer Teenager, die sich zum Mittagessen beim Dönerstand am Bahnhof trafen. Sie deuten das nationale Verkaufsverbot von Alkohol an unter 16-Jährige beziehungsweise unter 18-Jährige so, dass es grundsätzlich verboten ist, als Teenager Alkohol zu trinken. Bier und Wein probiert haben sie alle schon einmal, «nicht übermässig, einfach ein wenig versucht, um zu wissen, wie es schmeckt».

Auf den Alkohol angesprochen

Tim hat schon öfters öffentlich getrunken. Er ist eben 16 Jahre alt geworden und macht sich mit seinen Kollegen in der Garderobe der Eishalle fürs Hockeyspielen bereit. «Ich trinke draussen, weil meine Freunde draussen sind», sagt er. Man trifft sich beim Bahnhof, beim Schulhaus, an der Glatt oder beim Robinson-Spielplatz. Mehrmals seien sie dabei in der Gruppe auch von Passanten angesprochen worden, sie sollten doch bis 16 Jahre mit dem Alkoholtrinken warten. «Genützt hat es aber wenig», meint Tim. Ins Elend getrunken habe er sich aber noch nie. «Alles mit Mass, schliesslich bin ich Sportler.» Dem neuen Konsumverbot von Alkohol für Jugendliche steht er positiv gegenüber. Er habe schon öfter 12-Jährige mit einer Wodkaflasche beobachtet, viele von ihnen Mädchen. In einigen Fällen sei er zu ihnen hingegangen und habe gesagt, dass es nicht gut sei, wenn sie schon trinken.

«Und, wie steht es mit dir?», wollen die Eishockeykollegen von Kevin (15) wissen. «Was ist mit den Einträgen auf Facebook über deine Abstürze?» Kevin lacht, rechtfertigt sich. «Das war mit meinen Eltern abgesprochen und deshalb völlig legal.»

Trinken erlaubt, Kaufen verboten

Das stimmt: Verboten sind der Verkauf und die unentgeltliche Abgabe von Alkohol an Jugendliche unter 16 beziehungsweise 18 Jahren. Der Konsum ist gesetzlich nicht verboten. Vom Verbot der Abgabe sind im kantonalen Gesundheitsgesetz «die Inhaber der elterlichen Sorge» ausdrücklich ausgenommen.

Trotzdem haben die Behörden Möglichkeiten, gegen trinkende Jugendliche vorzugehen, beispielsweise mit einer Gefährdeten-Meldung an die Vormundschaftsbehörde. Auch gegen Erwachsene, die über die Stränge hauen, gibt es eine gesetzliche Handhabe: «Wer in berauschtem Zustand öffentlich Sitte und Anstand in grober Weise verletzt», kann mit 50 Franken gebüsst werden; Jugendliche unter 15 Jahren werden an die Jugendanwaltschaft verzeigt.

Die Gruppe Jugendlicher am Dönerstand Dübendorf zweifelt an der Umsetzung des neuen Verbots. «Wenn Teenager trinken wollen, kommen sie immer irgendwo an Alkohol», sagt etwa Ben. «Und sie wissen auch, wie sie sich beim Trinken verhalten müssen, damit sie nicht erwischt werden.» Da hätten alle ihre Tricks. Sie versteckten die Büchse beispielsweise unter der Jacke oder leerten den Alkohol zur Tarnung in eine Cola-Flasche. «Wenn etwas verboten ist, steigt der Reiz, es trotzdem zu tun», fügt er an. Ginge es nach ihm, müssten die Gesetze noch härter sein. «Wenn man wirklich will, dass die Jungend weniger trinken, muss die Polizei rigoros durchgreifen können.»

Verbot ändert nicht viel

Fachleute sind da skeptischer. Christine Hotz etwa, in der Fachstelle für ausserschulische Kinder- und Jugendförderung (Okay) für das Glattal zuständig, warnt: Mit dem Alkoholverbot für Jugendliche ändere sich nicht viel, der Verkauf von Alkohol an unter 16-Jährige sei ohnehin verboten. «Die Polizei schaut höchstens genauer hin und vertreibt damit die Jugendlichen – weg von den öffentlichen Plätzen in irgendwelche Verstecke.» Die Folgen: Die Jugendarbeiter müssten die Jugendlichen zuerst «wieder mühsam suchen».

Gemäss Hotz ist der mediale Diskurs stark vereinfacht und bezieht sich nur auf die wenigen Jugendlichen – «maximal fünf Prozent» –, die negativ auffallen. Die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen sei nicht alkoholsüchtig, sagt Hotz. Sie hätten vielmehr «einen riesengrossen Stress», weil sie tagsüber Bewerbungen schreiben und hart für die Schule lernen müssten und am Abend tausend Ausgehmöglichkeiten haben – «von denen keine vor Mitternacht beginnt». Dass gerade Glattal und Oberland im Fokus stünden, sei Teil einer wellenartigen Bewegung, die «mal hier, mal da überschwappt», sagt Hotz. Einzig rund um den Zürichsee seien die sozialen Strukturen oft anders, und die Jugendlichen hätten die Gelegenheit, an privaten Orten zu feiern. Zudem würden die S-Bahn-Knoten sehr viele Leute anlocken. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.11.2012, 08:27 Uhr)

Chur: «Wir setzen das Gesetz massvoll um»

Die Stadt Chur hat per 1. Juli 2008 ein repressives Polizeigesetz eingeführt. Dieses verbietet den Konsum von alkoholischen Getränken auf öffentlichem Grund im Siedlungsgebiet zwischen 0.30 Uhr und 7 Uhr morgens. Mit dem Passus wollte der Gemeinderat ein Instrument im Kampf gegen Lärmbelästigungen und Littering schaffen.

Laut dem Stadtpräsidenten Christian Boner (BDP) hat sich das Verbot hinsichtlich dieser beiden Problematiken bewährt. Dass es ruhiger geworden sei, könne aber auch andere Gründe als das Trinkverbot haben, etwa dass Orte ausserhalb der Siedlungszone derzeit «angesagter» seien, um sich zu treffen und ein Bier zu trinken. Das Polizeigesetz stösst immer wieder auf Kritik, so auch beim designierten Stadtpräsidenten Urs Marti (FDP), der gegenüber der «Südostschweiz» sagte, dass man das Gesetz «überarbeiten muss, damit die Jugendlichen wieder mehr Möglichkeiten erhalten».

Gemäss Ueli Caluori, Kommandant der Stadtpolizei Chur, hat das Trinkverbot in Kombination mit den sogenannten suchtmittelfreien Zonen sowie der Rückversetzung der Polizeistunde von 6 Uhr auf 3 Uhr morgens und Präventionsarbeit zu einer «leichten Verbesserung bezüglich der Kollektivbesäufnisse im öffentlichen Raum» geführt. «Wir setzen das Gesetz massvoll um. Trinkgelage im öffentlichen Raum unterbinden wir jedoch auf Basis dieses Gesetzes», sagt Caluori.

Im Schnitt verteilt die Stadtpolizei Chur 30 Bussen jährlich wegen Verstosses gegen den entsprechenden Passus. (Maurice Thiriet)

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