Alle Vögel sind schon fort – fast alle ...

Die Zugvögel haben die Stadt verlassen. Und mancher Vogel, der scheinbar im Winter bei uns bleibt, ist in Wirklichkeit ein Fremdling wie das Rotkehlchen.

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Der Zürcher Oktober ist bisher mild, kurzärmlig sitzen die Menschen in Strassencafés und blinzeln in die Sonne. Doch die Vögel lassen sich von ein paar warmen Herbsttagen nicht täuschen. Sie halten sich an ihren traditionellen Flugplan. Die meisten Zugvögel haben die Stadt Zürich schon verlassen. Nur noch ein paar Rauchschwalben jagen Insekten, und die letzten Stare räubern in den Weinbergen. Doch für Insektenfresser wird das Futterangebot im Herbst immer knapper, darum ziehen sie in den Süden.

Die Langstreckenzieher unter ihnen überwinden dabei nicht nur die Alpen und das Mittelmeer, sondern auch noch die Wüste Sahara. Pro Weg legen sie 4000 bis 10'000 Kilometer zurück. Kurzstreckenzieher überwintern in einer Distanz von 700 bis 2000 Kilometern im Mittelmeergebiet und in Nordafrika. Daneben gibt es auch Vogelarten, von denen ein Teil den Winter über bei uns bleibt, während ein anderer Teil südwärts zieht.

Die meisten Zugvögel fliegen auf ihrer Reise nicht höher als 2000 Meter. Darum sind die Alpen oft eine unüberwindbare Barriere, auch wegen der Kälte und der Wolken. Um in den Süden zu gelagen, nehmen 80 Prozent der Zugvögel einen Umweg in Kauf und ziehen die Alpenbogenkette entlang nach Westen. Das Mittelmeer können auch nicht alle im Direktflug durchqueren; viele umfliegen es über die Meerenge von Gibraltar oder auf der Ostroute über den Bosporus.

Der kurze Sommer der Segler

Die Ersten, die sich nach Süden aufmachen, sind solche, die den weitesten Weg haben, also Langstreckenzieher. Etwa die schwarzgrauen Mauersegler, die an Sommerabenden pfeilschnell und schrill pfeifend um die Dächer jagen, als ob sie Fangen spielten. Nur drei Monate, von Anfang Mai bis August, bleiben sie hier, um unter Dachziegeln ihre Brut aufziehen. Etwa 1200 solcher Nistplätze gibt es in Zürich.

Langstreckenzieher sind auch die weniger häufigen Alpensegler, die unter anderem hinter dem Zifferblatt des Fraumünsters brüten. Sie sind grösser als die Mauersegler, haben einen erkennbar weissen Bauch – und sie bleiben gut einen Monat länger. This Schenkel, städtischer Wildhüter für Vögel, hat noch in den ersten Oktobertagen junge Alpensegler am Grossmünster gesehen. Wegen des schlechten Wetters im Frühling fanden die Bruten dieses Jahr sehr spät statt, und so verschob sich die Zeit, bis die Jungen reisebereit waren, in den Herbst. Aber ob sie nun den weiten Flug überleben werden, ist ungewiss. Einen Vorteil haben Flugjäger wie die Segler oder die Schwalben: Sie können sich auf der Reise ernähren, während andere Vögel, die am Boden oder auf Bäumen ihr Futter suchen, sich zuerst einen Fettvorrat anfressen und trotzdem ihre Reise alle paar Tage unterbrechen müssen, um wieder zu Futter und zu Kräften zu kommen. Ein Gartenrotschwanz braucht daher mehr als einen Monat, bis er in der Sahelzone angekommen ist.

Sein Vetter, der Hausrotschwanz, der im westlichen Mittelmeerraum überwintert, ist auch schneller wieder da. Schon Anfang März kommt er zurück, am liebsten an den gleichen Ort, wo er schon im Vorjahr gebrütet hat. Ein Kurzstreckenzieher ist auch die Mönchsgrasmücke (den Namen hat sie von der schwarzen Kappe der Männchen). Schon zu Beginn des Frühlings lässt sie in Zürcher Parks und Gärten wieder ihren Jubelgesang hören.

Pedanten und Pokerspieler

Eine Besonderheit trennt die kleinsten Vogelarten der Schweiz, die auch auf dem Gebiet der Stadt Zürich brüten. Das Sommergoldhähnchen und das Wintergoldhähnchen sehen sich zum Verwechseln ähnlich: gelbgrüne Winzlinge mit einem gelb-orangen Scheitel. Beide leben im gleichen Biotop von den gleichen Insekten, nach denen sie die Zweige von Tannen und Laubbäumen absuchen. Doch während das Sommergoldhähnchen im Herbst in die Mittelmeerzone ausweichen muss, harrt das Wintergoldhähnchen hier aus. Wildhüter This Schenkel erklärt es mit dem unterschiedlichen Charakter der Vögel: «Das Sommergoldhähnchen ist ein Pfluderi, es durchstöbert die Bäume rasch und oberflächlich. Das Wintergoldhähnchen dagegen sucht Zweige und Rinde pedantisch ab und findet darum auch im Winter in den Ritzen genug versteckte Insekten, um zu überleben.»

Eine Spielernatur ist ein anderer Kleinvogel, der Zaunkönig mit seinem kurzen senkrechten Schwanz. Im Gegensatz zum Goldhähnchen sucht er sein Futter im Unterholz. Als typischer Teilzieher kennt er beides: das Dableiben und das Kurzstreckenziehen. Wer dableibt, hat in milderen Wintern genug Futter und im Frühling dann den Heimvorteil: Solche Kleinkönige können zeitig die besten Brutreiche besetzen. Ist der Winter aber hart und lang, reicht das Futter nicht, und viele Zaunkönige sterben – dann finden die Rückkehrer aus dem Süden ideale Bedingungen vor.

Neben den Zugvögeln gibt es Standvögel, die das ganze Jahr hierbleiben. Unter diesen Stadtbewohnern sind die Hausspatzen und die Felsentauben die bekanntesten. Körnerfresser wie Meisen und Finken finden auch in kalten Zeiten noch Samen, Beeren und Knospen. Auch Amseln kommen mit Fallobst und Beeren über die Runden. Und unsere Rotkehlchen – obwohl sie Insektenfresser sind – singen sogar fröhlich in der Winterdunkelheit. Fröhlich? Mitnichten, es ist Kampfgeschrei. Und die Rotkehlchen sind nicht unsere vom Sommer: Unsere Rotkehlchen machen Winterferien südlich der Alpen, dafür ziehen aus Nord- und Osteuropa Rotkehlchen in unseren Gärten ein. Und weil im Winter für Insektenfresser die Nahrung so knapp ist, verteidigen sie ihr Futterrevier mit lautem Gesang. Für uns eine Seelenfreude, für sie der pure Stress.

Was das Rotkehlchen macht, können andere Vögel auch. Längst nicht jeder Buchfink oder jede Amsel, die wir auf winterkahlen Zweigen in der Stadt entdecken, brütet auch hier. Die Zürcher Buchfinken zieht es im Herbst ebenfalls ans Mittelmeer. Was bei uns im Winter ans Futterbrett drängt, kommt aus Skandinavien und Norddeutschland. Auch von den Amseln sind viele Saisonniers aus dem Norden. Sie alle geben uns gerne das schöne, falsche Gefühl, dass wir mit der Winterfütterung der einheimischen Vogelwelt das Überleben sichern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2008, 22:00 Uhr

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