Als die Heilsarmee verboten wurde
Von Martin Huber. Aktualisiert am 13.03.2010
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Ursprung im Londoner Elendsviertel
Die Heilsarmee hat ihren Ursprung im Londoner East End zur Zeit der Industrialisierung. Dort gründete 1865 der methodistische Pfarrer William Booth (1829–1912) zusammen mit Freiwilligen aus verschiedenen Kirchen die Christliche Erweckungsgesellschaft. Booth war erschüttert über das Elend in den Slums und machte sich mit seiner Bewegung daran, gemäss dem bis heute gültigen Motto «Suppe, Seife, Seelenheil» der armen Bevölkerung zu helfen.
1878 wurde die Bewegung in The Salvation Army oder Heilsarmee umbenannt. Booth wurde ihr erster General. Die Heilsarmee strukturierte den Kampf gegen das Elend und ihre Organisationsform straff militärisch – dazu gehörte die Einführung von Rängen, Uniformen und Symbolen. Eine wichtige Rolle in der Bewegung hatte auch Booths Ehefrau Catherine Booth (1829–1890). Sie organisierte Armenspeisungen und setzte sich ein für verbesserte Arbeitsbedingungen, besonders auch für Frauen. Heute ist die Heilsarmee eine christliche Freikirche mit ausgeprägter sozialer Tätigkeit. Sie arbeitet in 118 Ländern. Weltweit hat sie etwa 1,7 Millionen Mitglieder.
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Dass die Heilsarmee in Zürich mit offenen Armen empfangen wurde, kann man nicht behaupten. Im Gegenteil: Der 1865 in London gegründeten christlichen Bewegung wehte Ende des 19. Jahrhunderts an der Limmat ein rauer Wind entgegen. Den ersten Gottesdienst musste sie im Estrich einer Hundedressuranstalt in Schlieren durchführen, und kaum in der Stadt Zürich angekommen, wurde sie verboten, wie Walter Bommeli berichtet. Der Heilsarmee-Major hat zum 125-jährigen Bestehen der Zürcher Heilsarmee deren Geschichte recherchiert und alte Dokumente zusammengetragen.
Tumulte in Hottingen
1885 untersagte das Statthalteramt Zürich öffentliche Versammlungen der Heilsarmee mit dem Argument, diese habe im Grünen Hof in Hottingen «Schaustellungen» ohne Bewilligung durchgeführt und damit gegen das Hausiergesetz verstossen.
Die «Schaustellungen» seien «völlig interesse- und wertlos» und verletzten das sittliche Gefühl, «z.B. durch Absingen religiöser Lieder nach Bänkelsängermelodien». Überhaupt dienten sie «nur der Kolportage wertloser Schriften und dem Einsammeln von Geldspenden, mit einem Worte, dem Bettel», heisst es in dem Beschluss.
Steter Kampf mit der Polizei
Der Regierungsrat schützte das Versammlungsverbot, wobei er sich auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung berief. In der Westschweiz war es bei Heilsarmee-Versammlungen zu Tumulten gekommen. Auch bei den Versammlungen in Hottingen, die jeweils 600 bis 800 Leute anlockten, gab es «ernstliche Ruhestörungen», wie das Zürcher Polizeikommando 1885 rapportierte. «Händelsüchtige junge Leute unter Anführung bewährter Raufbolde» hätten die Versammlungen gestört, Teilnehmer und Salutisten bedroht. Mehrmals mussten Polizeiorgane Tätlichkeiten gegen Salutisten verhindern.
Den «Agenten der Heilsarmee», so heisst es weiter, sei es gelungen, nebst Neugierigen auch «diejenigen Elemente zu vereinigen, die als Bettler, Vaganten, liederliche, arbeitsscheue Leute und Gewohnheitsverbrecher sich ohnehin in stetem Kampfe mit der Polizei befinden und den Anlass zu benutzen suchten, um Verwirrung zu erzeugen und Nutzen daraus zu ziehen».
«Kriegsgesänge» in der Nacht
Die Salutisten hatten offensichtlich Teile der Bevölkerung gegen sich aufgebracht. Die Polizei rapportierte, ihr Auftreten sei «von allem Anfang an kein massvolles, sondern ein marktschreierisches gewesen». Zudem seien sie «keineswegs friedliche Leute». Sie liessen ihre «Kriegsgesänge» auch nachts auf der Strasse erschallen, was manche Bewohner ärgerte. Viele sonst durchaus ruhige Bürger sähen im Gebaren der Salutisten «eine Verhöhnung nicht nur der christlichen Religion, sondern jeder wahren Religion überhaupt».
Doch die Salutisten wehrten sich. Ihr Anwalt zog vor Bundesgericht und erhielt Recht – das Versammlungsverbot wurde als verfassungswidrig bezeichnet und 1886 aufgehoben.
Rasanter Aufschwung
Danach erlebte die Heilsarmee in Zürich einen rasanten Aufschwung, wie Bommeli sagt. In rascher Folge entstanden mehrere Korps. Die Popularität führt er darauf zurück, dass Heilsarmee-Angehörige nicht nur fromm redeten, sondern konkrete Hilfe für Arme und Gestrauchelte boten und «oft die Gabe hatten, Klartext zu reden». Zudem ging es bei ihren Versammlungen lebendiger zu und her als in den meisten anderen Kirchen.
Bereits 1890 wurden im Korpssaal an der Dammstrasse die ersten Obdachlosen aufgenommen. 1903 wurde das erste Männerwohnheim an der Dienerstrasse eröffnet. In den Dreissiger- und Vierzigerjahren führte die Heilsarmee in Zürich Papier- und Kleidersammlungen ein und wurde so zu einer Pionierin im Bereich Arbeitslosenprogramme.
Waser: «Verlässlicher Partner»
Heute ist die einst angefeindete Organisation allgemein anerkannt. Die Heilsarmee betreibt in Zürich acht Einrichtungen im Sozialbereich, vor allem im Bereich Obdachlosen- und Randständigenhilfe. Sie hat im Kreis 4 drei Wohnheime mit 150 Betten, führt in Hottingen und Oerlikon Quartiertreffs und bietet zudem ein Hilfsangebot für Frauen aus dem Sexgewerbe. Daneben betreibt sie das Brockenhaus bei der Hardbrücke.
Respekt zollt ihr auch Zürichs Sozialvorsteher Martin Waser (SP): Die Heilsarmee sei «ein langjähriger und verlässlicher Partner» des Soziadepartements. Ihre Unterbringungsmöglichkeiten seien für die Stadt wichtig.
Das Zürcher Heilsarmee-Korps zählt derzeit 300 Mitglieder. Finanziell geht es der Institution nicht schlecht, wie Bommeli sagt. Finanziert wird die Arbeit der Heilsarmee einerseits durch Mitgliederbeiträge und Spenden, anderseits durch Beiträge der öffentlichen Hand sowie durch Erbschaften und Legate. Auch Nachwuchssorgen plagen die Zürcher Salutisten derzeit nicht, wie Bommeli sagt. Interessanterweise spüre man gerade bei den Jungen, dass sie wieder vermehrt zurück zu den Wurzeln wollten und auch das Militärische bei der Heilsarmee gut fänden; eine Abschaffung der Uniform stehe jedenfalls nicht zur Diskussion.
Festlichkeiten zum 125-Jahr-Jubiläum: Samstag, 9 Uhr: Frühstücksbuffet und Konzertmatinée, Eidmattstrasse 16. 19.30 Uhr: Musikfestival, Ankerstrasse 31. Sonntag, 9.30 Uhr: Festgottesdienst, Saatlenstrasse 256.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 04:00 Uhr


































