Als die Schweiz Österreich ausspionieren wollte

In Zürich ist heute Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu Gast. Wir zeigen, wo die Fettnäpfe liegen.

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Der Zürcher mag den Österreicher. Das zeigt sich daran, dass die Frage, welches Restaurant das beste Wiener Schnitzel zubereitet, in Zürich Stadtgespräch ist. Dass es kaum einen Zürcher gibt, der ob des Worts «Mozartkugel» keine glänzigen Äuglein bekommt. Dass wir Zürcher Institutionen in österreichische Hände geben: jahrelang das Opernhaus (Pereira), bis vor kurzem das Miller's (Riesenhuber), bis auf weiteres das Zunfthaus zur Waag (Wimmer).

Und doch: Wer bisher davon ausgegangen ist, die Schweiz und Österreich seien zwei harmlos-neutrale Kleinstaaten, die in gemütlichem Einvernehmen nebeneinander leben würden, der irrt. Und er irrt nicht nur, weil bei Ski-WM u. dgl. temporär ein bisschen Konkurrenzgefühl aufkommt.

Er irrt auch deshalb, weil immer mal wieder kleinere und grössere Irritationen das Verhältnis über den Rhein trüben. Der Besuch von Österreichs Bundespräsident ist ein guter Anlass, um an drei solche Irritationen zu erinnern – es kann auch unter Freunden nicht schaden, wenn man die Lage der Fettnäpfe kennt.

Fettnapf eins: Der Witz

Ernst Buschor war offensichtlich in Festlaune, als er Ende 1996 im Dolder Grand Hotel ans Rednerpult trat. Der CVP-Regierungsrat, aufgewachsen an der österreichisch-schweizerischen Grenze, richtete einen Toast an die Gäste des «Vienna Ball».

Die österreichische Delegation war über Buschors Worte wenig amüsiert: «Die Länder Schweiz und Österreich haben beide die Flaggenfarben Rot und Weiss – aber in der schweizerischen Fahne ist ein Plus, während in der österreichischen ein Minus steht.» Haha im Saal? Mitnichten: Buschor wurde ausgepfiffen und ausgebuht.

Fettnapf zwei: Der Panzer

Nie mehr hat sich die Schweiz in Österreich so blamiert wie in den 70er-Jahren. Damals versuchte der Bundesrat mit Rudolf Gnägi (BGB/SVP) an der Spitze des Militärdepartements, den Panzer 68 zu verkaufen, hergestellt in der Eidgenössischen Konstruktionswerkstätte Thun. 400 Millionen Franken hätten die Österreicher für 120 Panzer zahlen müssen.

Bloss war dieses Gefährt kein Kampfpanzer, sondern ein technisches Desaster, was in der Truppe alle wussten, nur die Russen als Gegner und die Österreicher als Käufer durften es nicht wissen: Der Rückwärtsgang liess sich nur bei völligem Stillstand einlegen, der Schutz gegen atomare und chemische Waffen war ungenügend, sodass die Mannschaft Schutzmasken tragen musste, beim Gebrauch des Funkgeräts drehte sich manchmal der Turm, und beim Einschalten der Heizung konnte ungewollt ein Schuss abgehen. Ursache war der gleiche Stromkreis für verschiedene Systeme.

Gegen 400 Panzer 68 stellte die Schweiz her, verbesserte den Panzer zwar von Serie zu Serie, dennoch stellte ein Untersuchungsausschuss des Nationalrats immer noch Dutzende von Mängeln fest. «Dieser Panzer ist viel gefährlicher, als er aussieht», spottete der «Blick». Und der deutsche «Spiegel» wusste: «Solange sich die Schweiz den Gnägi als Verteidigungsminister leistet, kann der Kreml nichts Böses im Schilde führen.»

Gnägi trat wegen der Panzeraffäre zurück, und die Österreicher verzichteten auf den Kauf, wobei österreichische Spötter den eigentlichen Grund darin sahen: Fürs österreichische Modell hätte der Panzer 68 nicht drei Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang haben müssen, sondern umgekehrt.

Fettnapf drei: Der Spion

Ebenfalls in die Ära Gnägi fiel ein veritabler Spionagethriller. Es war eine Affäre, die auch eine patente Filmvorlage abgäbe, wenn auch weniger für James Bond als für «Dick & Doof».

Und das kam so: 1979 befand sich die Welt im Kalten Krieg, und in der Schweiz waltete der legendäre Oberst Albert Bachmann als geheimdienstlicher Chefagent. Dieser hätte gerne gewusst, wie lange die österreichische Armee einem sowjetischen Angriff Paroli bieten könnte – und schickte zu diesem Zweck seinen Mitarbeiter Kurt Schilling an ein grosses Manöver nach Niederösterreich. Verkleidet als Tourist, hätte Schilling diskret Informationen über Österreichs Heer zusammentragen sollen.

Leider ging er dann nicht so diskret vor. Schilling fotografierte «wie ein Verrückter», notierte die österreichische Spionageabwehr. Diese war rasch auf den Schweizer aufmerksam geworden und beobachtete ihn. Und staunte, wie unbedarft und dilettantisch er seiner Arbeit nachging.

Schilling wurde festgenommen, wodurch die Affäre insofern zusätzliche Dynamik erhielt, als der Spion auch in Haft ein eher eigenwilliges Spionageverständnis pflegte: Statt in Bond-Manier zu schweigen, zeigte sich Schilling laut Staatsanwalt «überaus kooperativ, ja geradezu geschwätzig». Heisst: Er erzählte den Österreichern restlos alles, wodurch erstens Oberst Bachmann enttarnt wurde und vom Bundesrat in den vorzeitigen Ruhestand geschickt werden musste. Zweitens hatten die Medien viel zu lachen. «Die Presse» aus Wien amüsierte sich über den «Spion, der aus dem Emmental kam». Und die Landesregierung musste zerknirscht die Scherben kitten. Der Sprecher des Militärdepartements erklärte: «Die Affäre ist so peinlich, dass mir ganz schleierhaft bleibt, wie man so etwas inszenieren kann.»

Immerhin ging die Rechnung für Schilling selber auf: Die österreichischen Richter liessen grösste Milde walten und verurteilten ihn zu fünf Monaten Gefängnis auf Bewährung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.02.2017, 15:52 Uhr

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