Als die Stadtpolizei gegen Schwule hetzte

Ein Kinofilm über die Homosexuellenorganisation «Der Kreis» will ein dunkles Kapitel Zürcher Geschichte aufarbeiten. In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob die Finanzierung zustande kommt.

Filmproduzent Ivan Madeo im Theater Neumarkt. Hier fanden früher die Bälle statt, zu denen Schwule aus der ganzen Welt anreisten. Foto: Dieter Seeger

Filmproduzent Ivan Madeo im Theater Neumarkt. Hier fanden früher die Bälle statt, zu denen Schwule aus der ganzen Welt anreisten. Foto: Dieter Seeger

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Für Ivan Madeo geht es um mehr als um ein Filmprojekt. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit. «Ich hörte vor fünf Jahren das erste Mal von der im Zürcher Untergrund tätigen Schwulenorganisation Der Kreis und war perplex.» Er war erstaunt darüber, dass Zürich nach Kriegsende internationaler Treffpunkt für Homosexuelle war. Entsetzt darüber, wie die Stadt Zürich Anfang der 60er-Jahre die Schwulen hetzte und demütigte. Überrascht, dass er bis dahin noch nie etwas vom Kreis gehört hatte.

Der 36-jährige Filmproduzent und Werbefachmann sagt: «Ich lebe hier in Zürich, ich bin in den schwulen Kreisen gut vernetzt, und ich wusste bis vor fünf Jahren nicht, dass so etwas in dieser Stadt geschehen ist.» Deshalb will er zusammen mit Urs Frey von Contrast Film und dem Regisseur Stefan Haupt diese Geschichte verfilmen.

Demnächst wird sich entscheiden, ob das Bundesamt für Kultur und die Zürcher Filmstiftung dafür Produktionsfördergelder sprechen. Bekommen sie diese zugesagt, sind die zwei Millionen Franken, die sie für das Unternehmen brauchen, zusammen, und der abendfüllende Film wird im Herbst 2013 in die Kinos kommen.

Taubman und Sägebrecht

In Madeos Kopf sind die Bilder bereits vorhanden – zuerst erzählt er von den schönen. Mit einer weiten Geste weist er die steile Treppe ins Foyer des Theaters Neumarkt mitten im Niederdorf hinauf: Hier standen die Männer Schlange. In unauffälligen Anzügen gekleidet, Köfferchen unter dem Arm. Oben stand «Ruedi, der Drache». Das war der Spitzname für eine der wenigen Frauen in der Organisation. Sie kontrollierte oft die farbigen Mitgliederkarten, welche die Männer als Abonnenten der Zeitschrift «Der Kreis» auswiesen. Sie trugen nur Nummern, denn Namen wurden gemieden. Und wer einen Namen nannte, nannte selten den richtigen. Und dann stand oben «Rolf», der Gründer des Kreises, der in seinem bürgerlichen Leben Karl Meier hiess und ein bekannter Schauspieler war. Er hiess die Gäste willkommen: «Hier darfst du sein, wie die Natur dich erschaffen hat.»

Namhafte Schauspieler und Schauspielerinnen haben für den Film bereits zugesagt.

Der Kinofilm wird diese Szenen nachspielen. Wo möglich an den Originalschauplätzen, viele im Theater am Neumarkt, wo Der Kreis ab 1948 eingemietet war. Namhafte Schauspieler und Schauspielerinnen haben für den Film bereits zugesagt: Anatole Taubman, Marianne Sägebrecht, Antoine Monot, Jean-Pierre Cornu und Marie Leuenberger. «Viele kamen uns in den Gagen entgegen, weil der Film auch ihnen ein Anliegen ist», sagt Madeo. Die Regie führt Stefan Haupt (Schweizer Filmpreis 2003), der mit Christian Felix auch das Drehbuch geschrieben hat. Es wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Daneben aber kommen Zeitzeugen zu Wort. «Deshalb muss der Film unbedingt jetzt gedreht werden», sagt Madeo. «Diese Personen sind heute in ihren Achtzigern. Bald könnte es zu spät sein.»

Lovestory von Röbi und Ernst

Hauptzeugen sind Röbi und Ernst. Röbi Rapp und Ernst Ostertag, beide Jahrgang 1930. Sie erlangten 2003 nationale Bekanntheit, als sie sich im Kanton Zürich als erstes gleichgeschlechtliches Paar trauen liessen. Wäre ihre Geschichte nicht wahr, würde man sie als Hollywoodkitsch empfinden. Der Film ist auch die Verfilmung ihrer Lovestory: Röbi, der als Zehnjähriger in Edmund Heubergers Film «Das Menschlein Matthias» (1941) die Hauptrolle spielte, trat an den rauschenden Ballnächten im Neumarkt als betörend schöne Frau auf. Und Ernst, der Lehrer war, verliebte sich unsterblich in ihn.

Röbi und Ernst sind aber auch Zeitzeugen für die traurigen, ja verstörenden Szenen, die sich im Zürich der 60er-Jahre abspielten. Nun steht Ivan Madeo in der Spitalgasse vor der Barfüsser-Bar und sagt: «Hier, mitten auf der Strasse, hat man die Männer bei Razzien zusammengetrieben, in einer Reihe aufgestellt, dann hiess es ‹Hosen runter!›» Die erniedrigende Prozedur war gemäss Sittenpolizei zur Syphilisprophylaxe gedacht. Dann wurden die Männer abgeführt, hart verhört, verhöhnt und registriert. Auslöser waren zwei Morde im Schwulenmilieu gewesen. Lange leugnete die Zürcher Polizei, dass sie ein Schwulenregister anlegte. Erst kurz vor den 80er-Jahren gab sie es zu und verkündete, es zu vernichteten. Im Film kommen denn auch Zürcher Stadtpolizisten zu Wort.

Umziehen für den Maskenball

Ivan Madeo steht im grossen, leeren Saal des Theaters am Neumarkt. «Der Saal war damals hell, nicht so schwarz wie heute.» In einem der unteren Räume, so erzählt er, haben die Männer dann ihre unauffällige Kleidung abgelegt und sich für den Maskenball schön gemacht. An den vier Hauptbällen im Jahr reisten jeweils bis zu 800 Männer aus ganz Europa an. Darunter auch Prominenz wie der Pianist Nico Kaufmann oder der Komponist Paul Burkhard. Diese Ballnächte im Untergrund endeten, als der Zürcher Stadtrat 1960 ein Verbot beschloss, das es Männern untersagte, auf städtischem Boden miteinander zu tanzen.

«Die Schwierigkeiten liegen im Thema – daran, dass es um Homosexuelle geht.»

Der Kinofilm «Der Kreis» schlägt auch versöhnliche Töne an: Mit Röbi Rapp beispielsweise, der als 82-Jähriger noch mit Chansons und Kabarettnummern auftritt, verkleidet als alte Dame. Viele der Texte hat Ernst Ostertag für ihn geschrieben. Versöhnlich aber auch, was das dunkle Kapitel in Zürichs Geschichte betrifft. «Die Stadt hat uns für die Kick-off-Veranstaltung dieses Films die heiligen Hallen des Stadthauses zur Verfügung gestellt», sagt Madeo. Und vielleicht werde sie den Film auch finanziell unterstützen. «Eine Form der Wiedergutmachung?», fragt Madeo.

Etwas Bitterkeit bleibt: «Bei den Vorbereitungen für den Film haben wir zwar erfahren, dass es vielen Menschen ein Anliegen ist, dass diese Geschichte aufgearbeitet und erzählt wird», sagt Ivan Madeo. Gleichzeitig aber habe man festgestellt, dass die Realisierung dieses Projekts viel schwieriger ist als andere. «Und die Schwierigkeiten liegen im Thema – daran, dass es um Homosexuelle geht.» So haben teilweise Schauspieler abgesagt, weil sie nicht in die «Schwulenecke» gestellt werden wollen. Und am Abend vor einem lang vorbereiteten grossen Casting in Zürich – Flugtickets waren bezahlt, Hotels gebucht – sagte der Vermieter des Castinglokals ab. Er wolle nichts mit Schwulen zu tun haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2012, 18:41 Uhr

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