Anflugregime: Lotsen warnen vor Lärmdiktat

Der Zürcher Regierungsrat will den gekrümmten Nordanflug vorantreiben. Diesen lehnt die Aargauer Regierung ab – falls die Flieger aus dem Westen kommen. Für Skyguide steht die Sicherheit im Zentrum.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Heute endet die Vernehmlassung zu den sechs vom Bund vorgeschlagenen An- und Abflugvarianten am Flughafen Zürich. Geäussert haben sich neben den Kantonen Zürich, Aargau, Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen und Schwyz auch der Flughafen und die Flugsicherung Skyguide.

Die Lotsen machen in ihrer Stellungnahme klar, dass sich das künftige Flugregime in Kloten «nicht allein nach der Kapazität und der Lärmbelastung richten darf». Es müsse in erster Linie eine geringere Komplexität aufweisen und so zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Sicherheit führen. Zudem müsse das An- und Abflugsverfahren täglich möglichst wenige Konzeptwechsel aufweisen. Skyguide befürchtet sonst eine steigende Komplexität des Betriebes und damit der Sicherheit.

Alle vorgeschlagenen Betriebskonzepte wiesen trotz klarer Verbesserungen weiterhin eine hohe Komplexität auf, sagt Skyguide-Sprecher Roger Gaberell. Grund dafür seien unter anderem die zahlreichen Kreuzungen Boden wie auch in der Luft. Auch die Anzahl der lärmbedingten Betriebsumstellungen müsse möglichst gering gehalten werden. «Deshalb sind aus unserer Sicht bei allen Varianten Anpassungen nötig», sagt Gaberell. Nur so weise der Betrieb die nötige Robustheit auf. «Wir sind der Meinung, dass die Erfahrungen bezüglich der Sicherheit, die in den vergangenen Monaten und Jahren am Flughafen Zürich gemacht wurden, mehr in den SIL einfliessen müssen.»

Bei den Stellungnahmen der Kantone wird deutlich: Beim Seilziehen der verschiedenen Regionen ist kein Ende in Sicht. Der Zürcher Regierungsrat hat sich geäussert, betont aber, dass es sich um eine vorläufige Stellungnahme handle. Die vorgeschlagenen Betriebsvarianten und deren Tragweite könnten aufgrund der aktuellen Faktenlage nicht abschliessend beurteilt werden.

Zürcher für rasche Einführung des gekrümmten Nordanflugs

Der Zürcher Regierungsrat hat die vorgeschlagenen Flugregime nach bis anhin geltenden Grundsätzen gemessen. So soll die Bündelung der Flugbewegungen über den am wenigsten dicht besiedelten Gebieten dem Schutz der Bevölkerung gerecht werden. Gleichzeitig will der Regierungsrat den Wirtschaftsstandort Zürich stärken durch einen wettbewerbsfähigen Flughafen mit Drehkreuzfunktion.

Er fordert vom Bund in seiner ersten Stellungnahme, dass er das Ostkonzept am Morgen ad acta lege. Dahinter stecken Überlegung der möglichst gerechten Lärmverteilung: «Weil die Folgen der abendlichen Ausweitung der deutschen Sperrzeiten zur Hauptsache zulasten der Gebiete im Osten gehen», teilt der Regierungsrat mit. Er spricht sich zudem deutlich für den gekröpften Nordanflug (neu gekrümmter Nordanflug genannt) und dessen rasche Einführung aus.

Aargauer wehren sich gegen gekrümmten Nordanflug von Westen

In diesem Punkt steht das Begehren der Zürcher diametral zu jenem der westlichen Nachbarn. Der Aargau müsse bei allen vorgeschlagenen Varianten mit mehr Lärm rechnen, moniert der Aargauer Regierungsrat. Er lehnt in erster Linie die Variante mit den gekrümmten Nordanflügen an Werktagen und Wochenenden ab – insbesondere wenn die Flieger von Westen her kämen. Noch hat der Bund aber die Frage offen gelassen, ob der gekrümmte Nordanflug von Westen über das aargauische Surbtal oder von Osten über das Zürcher Weinland erfolgen wird.

Wie die Aargauer Regierung mitteilt würde dieses Flugregime für das Surbtal eine «unzumutbare Doppelbelastung» bedeuten. Zudem wiesen gekröpfte Anflüge im Vergleich zu geraden Anflügen erhebliche Nachteile bezüglich Sicherheit sowie Kapazität und Stabilität auf. Eine Variante, welche an Werktagen von 6 bis 6.30 Uhr einen gekrümmten Nordanflug aus dem Osten vorsieht, könne aus Sicht der Aargauer Regierung wiederum erst geprüft werden, wenn vollständige Unterlagen vorlägen. Die Aargauer gehen bezüglich der Ostvariante mit ihren Zürcher Kollegen einig: Sie fällt wegen der einseitigen Verteilung der Flüge ausser Betracht.

Zusätzliche Varianten gefordert

Die Kantone St. Gallen und Thurgau wehren sich ebenfalls gegen Varianten, die dem Osten mehr An- und Abflüge bringen würden. Beide Regierungen pochen in ihren Stellungnahmen vom Donnerstag auf einen «fairen Lastenausgleich». Eine einseitige Verlagerung des Flugverkehrs vom Flughafen Zürich nach Osten lehnen sie ab.

Nahezu alle vorgelegten Konzepte führten zu einer Verdoppelung der Anzahl der Anflüge aus östlicher Richtung, kritisiert die St. Galler Regierung. Der Bund müsse zusätzliche Varianten prüfen, die eine Entlastung des Ostens vom Fluglärm am Abend brächten.

Gegen Pistenausbau

Der Bund favorisiere zu sehr das «Ostkonzept», das einen Ausbau der Piste 28 des Flughafens Zürich vorsehe. Diesen Pistenausbau lehnt die St. Galler Regierung ab.

Ähnlich tönt es aus dem Thurgau: Schon heute führten etwa ein Drittel aller An- und Abflüge über den Thurgau, schreibt die Regierung. Das seien 90'000 Flugbewegungen. Es komme nicht infrage, «dass der Osten die aus dem Staatsvertrag resultierenden zusätzlichen Lasten weitgehend allein tragen» müsse.

Für eine genaue Beurteilung fehlten immer noch konkrete Angaben, bemängelt die Regierung. Zu prüfen sei auch eine Betriebsvariante ohne Ausbau der Flughafen-Infrastruktur. Auch der St. Galler Exekutive genügen die bisherigen Angaben des Bundes nicht. Die Varianten könnten so noch nicht definitiv beurteilt werden.

Kritik auch aus Schaffhausen

Der Regierungsrat des Kantons Schaffhausen fordert eine gleichmässige Verteilung der Flugverkehrsbelastungen auf alle betroffenen Kantone. Er kann sich aber für keine der sechs Flughafenbetriebsvarianten entscheiden, die das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) vorgelegt hat.

Die bisher vorgelegten Dokumente seien ungenügend, moniert die Schaffhauser Regierung laut einer Mitteilung vom Donnerstag. Eine seriöse Abklärung der Varianten sei so nicht möglich. Der Regierungsrat könne deshalb «aktuell keine Zustimmung zu einzelnen Varianten abgeben». Erst einmal solle der Bund die Unterlagen komplettieren.

Feststellbar sei allerdings bei sämtlichen Varianten eine erhebliche Erhöhung der Anzahl Starts in Richtung Norden, heisst es weiter. Dies widerspreche dem Grundsatz der fairen Verteilung der Flugbewegungen. Die Regierung pocht auf eine gleichmässige und angemessene Aufteilung der Belastungen auf die betroffenen Kantone.

Flughafen langfristig für gekrümmten Nordanflug

Der Flughafen wiederum spricht sich für ein drittes Regime aus. Bei diesem fliegen die Maschinen werktags während der morgendlichen Sperrstunden gekrümmt von Norden an, am Wochenende hingegen von Süden. Am Abend kommt jeweils ab 18 Uhr der Ostanflug zum Zug. «Mit dieser Variante wird eine Region am Wochenende entlastet, die werktags am Morgen überflogen wird», sagt Flughafen-Sprecherin Sonja Zöchling. Mit dieser Variante würde es dem Flughafen zudem am besten gelingen, auch nach der Umsetzung des Staatsvertrages mit Deutschland das heutige Flugaufkommen zu bewältigen.

«Langfristig wollen wir raumplanerisch die Variante mit dem gekrümmten Nordanflug sichern», sagt Zöchling. Vorausgesetzt, die technischen Entwicklungen, wie beispielsweise auf GPS basierende Anflüge, stünden zur Verfügung. Fest stehe, dass die Verlängerung der Piste 28 nach Westen und der Piste 32 nach Norden zwingend sei, damit das heutige Verkehrsaufkommen weiterhin abgewickelt werden kann. (pia/sda) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.11.2012, 11:11 Uhr)

Artikel zum Thema

Muss Zürich länger auf die leisen CSeries-Flugzeuge warten?

Swiss expandiert in Genf. Wie in Zürich sollen auch dort neue Flugzeuge des Typs CSeries eingesetzt werden. Was das in Sachen Fluglärm für den Flughafen Zürich bedeutet. Mehr...

Politiker von links bis rechts wollen Fluglärm-Vertrag auf Eis legen

Deutschland soll den Staatsvertrag vor der Schweiz ratifizieren, fordern Parlamentarier aus SP, BDP, SVP. Die Schweiz soll «einen Gang zurückschalten». Mehr...

Ostschneiser blitzen vor Gericht ab

Der Bürgerprotest Fluglärm Ost wollte mit einer Beschwerde für die Bevölkerung ein Mitspracherecht im neuen Flugregime erwirken. Die Richter gingen auf ihr Anliegen nicht ein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Marktplatz

Die Welt in Bildern

Sommer in Nordkorea: Diese Mädchen besuchen das Internationale Kinderlager in Songdowon, Nordkorea. Das Lager, welches vor dreissig Jahren ursprünglich dazu ins Leben gerufen wurde, die Beziehungen zwischen kommunistischen Staaten zu vertiefen, steht nun offenbar Kindern aller Nationen offen. (29. Juli 2014)
(Bild: Wong Maye-E (AP, Keystone)) Mehr...