Zürich

Angehende Lehrer studieren die falschen Fächer

Von Liliane Minor. Aktualisiert am 06.04.2010 11 Kommentare

Für Französisch oder Physik finden sich kaum noch Sekundarlehrer. Jetzt verlangen die Zürcher Schulleiter, dass die Politik endlich Gegensteuer gibt - und kritisieren die «führungslose Bildungsdirektion».

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Gut 110 offene Stellen an Sekundarschulen sind derzeit in der Stellenbörse des Volksschulamts ausgeschrieben. Das klingt erst einmal nicht nach sehr viel, angesichts der Tatsache, dass mehr als 3000 Lehrkräfte an der Zürcher Sek unterrichten.

Aber diese Stellen sind ausgesprochen schwer zu besetzen. Schulleiter, die mehr als zwei oder drei Bewerbungen auf eine Stelle erhalten, können von Glück reden. «Noch herrscht keine Alarmstimmung», sagt Barbara Grisch, Vizepräsidentin der Schulpflege des Zürcher Schulkreises Letzi, «aber es ist schwierig.» Schulen sehen sich zusehends gezwungen, Lehrer einzustellen, die eigentlich zweite Wahl sind. Hermann Wyss, Schulleiter der Sek Freiestrasse in Uster, sagt offen: «Ich muss heute Unzulänglichkeiten akzeptieren, die ich nicht hinnehmen würde, wenn der freie Markt spielen würde.»

«Die Hälfte nicht ausgebildet»

Zusätzlich verschärft wird der Lehrermangel durch die neu gestaltete Seklehrerausbildung. Früher mussten sich die angehenden Lehrerinnen und Lehrer zwischen einem sprachlichen und einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächerprofil entscheiden. Heute können die Studierenden an der Pädagogischen Hochschule (PH) die vier Fächer, die sie später unterrichten wollen, relativ frei zusammenstellen. Die Folge: Für unbeliebtere Fächer wie Französisch oder Physik finden sich seit vier Jahren kaum mehr Lehrer.

Nicht selten müssen Schulen Bewerber abweisen, weil sie nicht die richtige Fächerkombination unterrichten können. Immer öfter aber sehen sich Schulen gezwungen, Lehrer Fächer unterrichten zu lassen, für die sie gar nicht ausgebildet sind. Im besseren Fall handelt es sich wenigstens um Sekundarlehrer - im schlechteren sind es Primarlehrer, oft direkt ab Ausbildung. «An unserer Schule ist rund die Hälfte der Lehrer nicht für das ausgebildet, was sie unterrichten», schätzt Sek-B-Lehrer und Bildungsrat Hanspeter Amstutz (EVP). Wie die Rate im gesamten Kanton ist, weiss die Bildungsdirektion nicht. Bekannt ist nur, dass rund 300 Primarlehrerinnen und -lehrer an Sekundarschulen unterrichten. Der Schulleiterverband ist derzeit daran, die fehlenden Zahlen mittels Umfrage zusammenzutragen; vorliegen werden sie in einigen Wochen.

Eigentlich dürfen Seklehrpersonen nur dann ein fremdes Fach unterrichten, wenn sie gleichzeitig die entsprechende Nachqualifikation absolvieren - faktisch aber scheint das nicht immer der Fall zu sein. Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts, räumt ein: «Es kann sein, dass da Dinge laufen, von denen wir nichts wissen.»

Einig sind sich die Fachleute, dass das der Qualität der Volksschule nicht dienlich ist. Zwar reicht ein durchschnittliches Maturawissen im Prinzip aus, um jedes Fach an der Sek zu unterrichten. «Das Problem ist aber die Fachdidaktik, also die Frage, wie man den Schülern den Stoff vermittelt», sagt Schulleiter Wyss. «Auch wenn viele Lehrmittel sehr gut sind - man kann sie nicht einfach anwenden wie ein Betty-Bossi-Kochbuch.»

Wer weg ist, ist weg

Was die Fachleute besonders alarmiert: In den nächsten Jahren dürfte sich die Situation dramatisch zuspitzen. Nicht einmal die Wirtschaftskrise hilft der Schule aus der Patsche. Im Gegensatz zu früheren Rezessionen kehren derzeit kaum ehemalige Lehrer in den Schuldienst zurück, sagt Anton Manser, Schulleiter der Schule Käferholz in Schwamendingen. Auch die PH hat nicht mehr Anmeldungen als sonst. Nur 80 Prozent der Studienplätze sind belegt.

Dabei steigt der Bedarf an Lehrern in den nächsten Jahren noch an: Auf die Volksschule kommt eine Pensionierungswelle zu. Die Zahl der PH-Absolventen würde gerade mal reichen, um die Hälfte der frei werdenden Sekundarlehrerstellen zu besetzen - wenn alle Vollzeit arbeiten würden. Das tun heute aber nur noch die Wenigsten. Zudem ist die Verlustquote hoch. Laut Walter Bircher, Rektor der PH, sucht jeder Fünfte nach der Ausbildung keine Stelle als Lehrer. Etliche weitere steigen nach zwei, drei Jahren im Beruf aus.

Rolf Gerber, Schulleiter in Bülach und Präsident des Schulleiterverbands, fürchtet in den nächsten Jahren ein Desaster. Er fordert als Gegenmassnahme, die Zahl der Lektionen zu senken. Und die PH müsse besser steuern, welche Fächer die Studierenden wählen. Die Bildungsdirektion kritisiert er harsch: «Sie ist führungslos.»

In der Tat ist die Bildungsdirektion einigermassen ratlos, gibt Volkschulamtschef Wendelspiess zu: «Es gibt wenig Lösungsansätze, die Erfolg versprechen.» Man könne niemanden zwingen, Lehrer zu werden. Ebenso wenig könne man den Studierenden die Fächerkombination vorgeben. Die Grundstruktur der Ausbildung ist von der Erziehungsdirektorenkonferenz beschlossen worden und dürfte nicht so einfach zu verändern sein. «Mittelfristig könnte es viel bringen, die Ausbildung für Quereinsteiger zu vereinfachen», glaubt Wendelspiess. Dagegen wehrt sich PH-Rektor Bircher aber: «Ich bin dezidiert gegen eine Schnellbleiche.»

Kurzfristig will die Bildungsdirektion nun vor allem die Junglehrer von Zusatzaufgaben entlasten, um sie bei der Stange zu halten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2010, 09:22 Uhr

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11 Kommentare

Thomas Schmid

06.04.2010, 10:55 Uhr
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Der Beginn des Schlusssatzes zeigt exemplarisch, woran die Bildungsdirektion krankt: "KURZFRISTIG will die Bildungsdirektion...". Und dies seit 20 Jahren. Inzwischen springen teuer ausgebildete Sek-Lehrkräfte weiterhin in Massen ab. Lückenfüller sind Primar-LPs und Unfähige, die eigentlich nichts mehr im Beruf zu suchen hätten. Das macht die Volksschule kaputt. Macht den Beruf wieder attraktiver! Antworten


Stefan Meier

06.04.2010, 10:19 Uhr
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Das ist doch unglaublich, da kann man sich auf die PISA Studien der naechsten Jahre freien, Skandinavien alleine an der Spitze (wenn wunderts) und die Schweiz mehr und mehr abgeschlagen. Fuer Franzoesisch gibt es eine einfach Loesung, rekrutieren von Lehrkraeften aus der Romandie, die koennen kein Deutsch und das ist auch nicht notwendig, um Franz. zu lernen! Antworten



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