Auf Kunst schwimmen

Zürich erhält im Sommer ein spektakuläres temporäres Seebad: ETH-Studenten bauen in Winterthur an einem Floss für die Kunstbiennale Manifesta.

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Mit ausgefallenen Dachkonstruktionen hat man in der Grüze Erfahrung. Vor mehr als 60 Jahren waren es die SBB, die im Winterthurer Industriegebiet Einmaliges bauten: ein neues Standard-Perrondach. Heute werkeln hier Studenten der ETH an etwas Einmaligem: am Floss für die Manifesta, einer Holzkonstruktion mit markanten Dächern.

30 Architektur-Studentinnen und -Studenten der ETH Zürich bauen unter der Leitung des englischen Professors Tom Emerson das Floss. Ihr Semesterprojekt, der «Pavillon of Reflections», misst 23 mal 32 Meter, ist 150 Tonnen schwer. Von Juni bis September dann wird das Floss für die 102 Tage dauernde Kunstbiennale knapp 50 Meter vor der Uferpromenade am Bellevue schaukeln. Acht Pontons halten es einen Meter über dem Wasserspiegel, der Tiefgang beträgt etwa 80 Zentimeter. Am Tag ist es ein spektakuläres Seebad, am Abend wird es zum Kino. «What People Do for ­Money» ist das Oberthema der Manifesta; rund um dieses werden sich die Filme drehen.

Konstruktion im Zündholz-Look

Während der Kunstbiennale wird das Floss zu einem Highlight. Die auffällige Fachkonstruktion, die Space-Frames, ist schon im Modell beeindruckend, das im Baubüro steht, Massstab 1:33, zusammengeleimt aus Zehntausenden Holzstäbchen, feiner als Streichhölzer. Drüben in der Halle schrauben die Studenten gerade das imposante Bardach zusammen; danach folgen Tribünendach, Sonnendeck, Turm, die Tribüne selber. Die Optik ist in Originalgrösse ebenfalls streichholzartig, viel Luft, wenig Holz. Die Aufbauten werden aus 50 mal 50 Millimeter feinen Stäben zu einem rie­sigen Fachwerk verschraubt.

Es ist beste Do-it-yourself-Architektur – das ist nicht abwertend gemeint. Die Konstruktion ist so simpel gehalten, dass die Studenten wirklich alles selber machen können. Das beginnt beim Konstruktionsholz: rund 350 Kubikmeter Holz aus den Zürcher Wäldern sind ein Geschenk des Kantons. Das Holz hat einen leichten Blaustich; Zeichen dafür, dass der Borkenkäfer am Werk war. Die Flossbauer haben es in einer Sägerei selber zugesägt, dann gehobelt, abgelängt und durchnummeriert. Fast zwei Drittel des Volumens gingen dabei «verloren»: 130 Kubikmeter sind es jetzt, die verbaut werden, mehr als 10'000 Teile, die mit mehr als 100'000 Schrauben verbunden werden.

So ist es denn auch das Surren der ­Akkuschrauber, das in der Montagehalle dominiert. Was auffällt: Wie ruhig es sonst in der Halle ist. Die Studenten, die sich seit August von einer wilden Gruppe zu einem gut funktionierenden Team entwickelt haben, arbeiten ruhig und konzentriert. Eine Stimmung übrigens, die sich drüben im Baubüro spiegelt. Hier werden die nächsten Konstruk­tionsschritte geplant und die letzten ­Details der Konstruktion besprochen. Fleissig sind die Studenten allemal. Davon zeugen der riesige Berg von leeren Schraubenschachteln in der Montagehalle und die zahlreichen Modelle von Details, etwa der Bar im Baubüro.

Im vergangenen August haben sich die Studenten zum ersten Mal getroffen. Der Semesterstart für das Studio Tom Emerson wurde wegen des Grossprojekts etwas vorverschoben. Das «Studio» hat bereits Erfahrungen mit Holzkonstruktionen. In Zollikon etwa steht seit Sommer 2013 das Werk «Belvedere», eine Holztreppe auf einer leicht abschüssigen Wiese. Die Aussichtsplattform liegt auf acht Meter Höhe, das Spezielle an der Konstruktion: Sie kommt fast ohne ­Metallverbindungen aus; sie sieht rustikal aus, ihre Teile sind mehrheitlich ­hochpräzise mit computergesteuerten Maschinen gefräst worden.

Wohin mit dem Prototyp?

Die kritische Phase erreichte das Manifesta-Floss vor Weihnachten, «die Mitte des Tunnels», sagt Boris Gusic, einer der beiden Assistenten von Tom Emerson, die das Projekt in Winterthur begleiten. Die kreative Zeit mit dem Entwurf war vorbei, der Beginn der Bauarbeiten noch weit weg. «Fleissarbeit», sagt ­Gusic. Das Wissen darum, den Leuchtturm für eine grosse Ausstellung zu ­fertigen, war in diesen Momenten ­wichtig für die Motivation.

Nun sind alle wieder voll dabei. Trotzdem hinkt man dem Zeitplan ein wenig hinterher. Dass die Tage «verloren gingen», ist nicht so schlimm, da das Floss sowieso noch zwischengelagert wird. Und der Ort für diese Zwischenlagerung noch nicht gefunden ist.

Der Perrondach-Prototyp der SBB, Baujahr 1955, ist seinerzeit gescheitert. Zu teuer war die Konstruktion am Bahnhof Grüze des bekannten SBB-Architekten Hans Hilfiker (er entwarf auch die Bahnhofs­uhr mit dem roten Sekundenzeiger, für deren Design Apple 2012 rund 20 Millionen an die SBB überwies). ­Hilfikers Idee: Aus einem zentralen Rohrträger kragen links und rechts Träger aus. Über Winterthur hinaus schafften es die Perrondächer nie; immerhin stehen sie heute unter Denkmalschutz.

Die Ausstrahlung der ETH-Konstruktion mit den luftigen Dächern hingegen reicht weit über die Schweiz hinaus. Das steht schon fest, bevor sie fertig gebaut, geschweige denn aufgebaut ist: Architek­tur-Magazine, Designblogs und Medien aus aller Welt interessieren sich für den Holzbau. Das mit dem Denkmalschutz hingegen wird wohl nichts. Noch ist nicht einmal sicher, dass die Konstruktion diesen Herbst überlebt. Was passiert nach der Manifesta mit dem Holzfloss? Das wissen weder die Flossbauer noch die Bienneale-Macher.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.02.2016, 23:30 Uhr)

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Manifesta 11

102 Tage Kunstbiennale

Vom 9. Juni bis zum 18. September kommt mit der Manifesta die renommierte Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst nach Zürich. Die künstlerische Leitung um Direktorin Hedwig Fijen und Kurator Christian Jankowski hat als Motto der Zürcher Manifesta «What People Do for Money: Some Joint Ventures» herausgegeben.

Die Ausstellung beschäftigt sich unter diesem Thema vorrangig mit Fragen rund um Arbeit und Beruf in der heutigen Gesellschaft. Das Floss auf dem Zürichsee gilt als zentrale Ausstellungsplattform der Manifesta. Weitere wichtige Orte sind das Migros-Museum für Gegenwartskunst, der Luma Westbau, die Kunsthalle sowie das Helmhaus. Die erste Manifesta fand 1996 in Rotterdam statt. (bra)

www.manifesta11.org

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