«Auf dem Land können die Mieten sinken»

Giuliana De Rinaldis sieht bessere Zeiten auf die Mieter zukommen. Der Wohnungsmarktbericht von CSL Immobilien kommt zum Schluss, dass sich der Markt in der Region Zürich entspannt.

Entspannung in Sicht: Entwicklung der Immobilienkaufpreise (links) und der Mietpreise (rechts) in der Region Zürich.

Entspannung in Sicht: Entwicklung der Immobilienkaufpreise (links) und der Mietpreise (rechts) in der Region Zürich. Bild: TA-Grafik ek / Quelle: CSL-Wohnmarktbericht

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie kommen in Ihrem Bericht zum Schluss, dass sich die Situation auf dem Zürcher Wohnungsmarkt entspannt. Diesen Eindruck hat allerdings nicht, wer im Internet eine Wohnung sucht; es wird kaum eine unter 2000 Franken angeboten. Wie erklären Sie sich das?
Es gibt Regionen, in denen die Mieten nach wie vor sehr hoch sind: um den Zürichsee etwa oder an zentralen Lagen in der Stadt Zürich. Aber in Altstetten, Affoltern oder im Glattpark zwischen Zürich und Opfikon findet man durchaus erschwinglichen Wohnraum, ausserhalb der Stadt in Wetzikon oder Winterthur.

Weshalb entspannt sich die Situation?
Gegenwärtig herrscht ein richtiger Bauboom. Die Investoren bringen aussergewöhnlich viele Wohnungen auf den Markt. Gleichzeitig kommen allerdings wegen der Eurokrise deutlich weniger Leute in die Schweiz. So sind im Wirtschaftsraum Zürich erstmals seit Jahren mehr Wohnungen auf den Markt gekommen, als dass neue Haushalte gegründet wurden. Die Mieten stiegen zwischen Mitte 2011 und Mitte 2012 weniger stark als im Vorjahr, nicht einmal um 1 Prozent. Zuvor waren es immerhin 5 Prozent.

Glauben Sie, dass die Entwicklung anhält? Schliesslich hat auch die Finanzkrise keine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt gebracht.
Die Frage ist, ob genug Wohnungen gebaut werden können. Das Bauland wird knapper, auch bedingt durch die Kulturlandinitiative. Dichter zu bauen, ist jedoch schwierig; grundsätzlich sind alle dafür – nur nicht, wenn es vor der eigenen Haustür geschieht. Die Bevölkerung wurde zu wenig darüber informiert, welche Folgen ein Ja zur Kulturlandinitiative letztlich hat.

Welche Folgen?
Wenn weniger Bauland verfügbar ist, können viele Wohnprojekte nicht realisiert werden. Das Angebot wird knapper, die Preise steigen. Die Politik muss meiner Meinung nach zwei Dinge tun: Sie muss helfen, dass genügend Bauland zur Verfügung steht. Und sie muss Bauherren nicht nur eine maximale Ausnutzung eines Grundstücks vorgeben, sondern auch eine minimale.

Schreibt man heute am Zürichberg eine Wohnung aus, werden nach wie vor Offerten eingereicht, die deren Wert bei weitem übersteigen.
Der Wohneigentumsmarkt ist getrieben von den tiefen Zinsen. Aber seit die Banken Eigentum zurückhaltender finanzieren, schiessen die Preise weniger in die Höhe. Bisher war es möglich, fast ohne Eigenmittel eine Wohnung zu kaufen: Die Banken vergaben manchmal schon Hypotheken, wenn ein Käufer ein gutes Einkommen hatte und etwas Geld aus der Pensionskasse. Das geht heute nicht mehr. Wir wissen von Interessenten, die eine Wohnung nicht kaufen konnten, weil die Bank den Preis als zu hoch erachtete und nicht so viel Geld leihen wollte wie benötigt. Aber wer soll am Ende der Preis machen: der Markt oder die Banken?

Immerhin tragen die Banken so dazu bei, dass sich der Immobilienmarkt nicht überhitzt.
Ja, das Risiko ist gesunken, dass die Immobilienblase platzt. Es gibt zwar durchaus Regionen, in denen die Gefahr höher ist, etwa an guten Lagen in der Stadt Zürich und in Gemeinden am Zürichsee, nicht aber im ganzen Wirtschaftsraum. Denn was geschieht, wenn eine Blase platzt? Bekommt eine Bank den Eindruck, dass eine Liegenschaft überbewertet ist, fordert sie den Besitzer auf, Geld nachzuzahlen. Wenn er das nicht kann, muss er sie verkaufen.

Viele Leute tragen sich mit dem Gedanken, eine Wohnung zu kaufen. Ist es besser, damit zuzuwarten?
Es kann sein, dass die Preise in den Boomregionen bald günstiger werden. Es gibt aber Objekte, die bezahlbar sind, auch in der Stadt Zürich – in Zürich-West, in Oerlikon oder im Glattpark.

In den vergangenen Jahren sind viele Personen von Zürich in die umliegenden Gemeinden gezogen – worauf dort die Mieten stiegen. Ja, die Nachfrage ist auch ausserhalb der Stadt gestiegen, das Angebot aber auch. Schlieren etwa verfügt über Bauland, und in Winterthur entstehen Wohnungen auf dem ehemaligen Sulzer-Areal.

Sinken die Mieten? Höchstens in ländlichen Gebieten. In der Stadt und in gut erschlossenen Gemeinden in Stadtnähe wird dies nicht passieren – dort steigen die Mieten aber weniger stark als in den letzten Jahren oder verharren auf hohem Niveau. Die Nachfrage nach städtischen Wohnlagen bleibt hoch, auch wenn das Angebot durch die Verdichtung wächst; dann kommen jene Leute zurück, die in den vergangenen Jahren in die Agglomeration ausgewichen sind. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.11.2012, 07:39 Uhr)

Stichworte

Entwicklung des Wohnungsbestandes in der Region Zürich. (Bild: TA-Grafik ek / Quelle: CSL-Wohnmarktbericht)

Hier könnten die Mieten bald sinken: Neue Mehrfamilienhäuser in Lindau ZH. (Bild: Keystone )

Zweiter Wohnmarktbericht

CSL Immobilien AG (C steht für Colliers, S für Spaltenstein und L für Lerch) hat seinen zweiten Wohnmarktbericht für den Wirtschaftsraum Zürich vorgestellt. Dazu gehören neben dem Kanton Zürich auch Zug, Schaffhausen und der östliche Teil des Aargaus. CSL Immobilien entwickelt und verkauft Liegenschaften in der Region Zürich. (jho)

Artikel zum Thema

Knappes Ja zu transparenten Mieten

Der Abstimmungskampf blieb bis zuletzt spannend. Nun wurde die Initiative «Transparente Mieten» mit 52 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Mehr...

Wie der Mieterverband die Wohnungsnot entschärfen will

Drei Vorschläge für Volksinitiativen hat der Schweizerische Mieterverband diskutiert, alle drei will er 2013 weiterverfolgen. Im Zentrum steht unter anderem ein verbesserter Kündigungsschutz. Mehr...

Die Sorgen der Vermieter

Die Stadt Zürich hat eine Anlaufstelle geschaffen, um Wohnungskündigungen und Ausweisungen zu vermeiden. 191 Anfragen sind im ersten Jahr eingegangen. Ein Problem trat dabei am häufigsten auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Publireportage

International Radio Festival

Die 5. Ausgabe findet vom 21. August bis 7. September im Zürcher Kaufleuten statt.

Blogs

Welttheater Die Hipster und Herr Louis
Politblog Die Lücken im «System Schweiz»

Die Welt in Bildern

100 Jahre Schweizer Luftwaffe: Zuschauer verfolgen den Landeanflug einer Frachtmaschine Typ 64-GK von der Franzoesischen Armee anlaesslich der Air 14, am Freitag, 29. August 2014, in Payerne.
(Bild: Peter Schneider) Mehr...