Baut Botta Baden um?

Von Simon Schmid. Aktualisiert am 25.01.2012 35 Kommentare

«Bäderdrachen» oder «Bad für jedermann»: Stararchitekt Mario Bottas Projekt eines Thermalbades spaltet Baden. Ende Januar fällt das Stadtparlament einen wichtigen Entscheid.

1/7 Quelle von Diskussionen: Mario Bottas Thermalbad in der Visualisierung.
Bild: zvg

   

Chronologie der Ereignisse

2006: Bei der Verenahof AG wechseln die Besitzverhältnisse. Man beauftragt das Ingenieurbüro Kannewischer, eine Machbarkeitsstudie für ein neues Thermalbad auszuarbeiten. Das resultierende Konzept sieht bis zu 500'000 Besucher pro Jahr vor. Kritiker bemängeln dieses Konzept heute für seine «einseitig betriebswirtschaftliche Ausrichtung».

2008/09: Basierend auf der Machbarkeitsstudie wird ein Studienauftrag durchgeführt. Neben dem Siegerprojekt Mario Bottas reichen die Architekten Max Dudler, Christian Kerez und Bétrix & Consolascio Entwürfe ein. Diener und Diener werden eingeladen, ziehen sich aus dem Verfahren jedoch zurück.

2010/11/12: Die städtebaulichen Planungsinstrumente werden angepasst, um den Bau des Thermalbads zu ermöglichen. Als einer der letzten Meilensteine entscheidet der Einwohnerrat Baden am 31. Januar 2012 über die modifizierte Baunutzungsordnung.

2012: Falls die Politik grünes Licht gibt, wird im Verlauf des Jahres ein Gestaltungsplan ausgearbeitet und das Baugesuch eingereicht. Nach Bearbeitung möglicher Einsprüche könnte Anfang 2013 mit dem Bau begonnen werden.

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Aus administrativer Sicht ist es nichts weiter als eine «Teilrevision einer quartierlichen Baunutzungsordnung». Faktisch entscheidet Badens Stadtparlament am 31. Januar jedoch über Sein oder Nichtsein eines kontroversen Projekts: Es geht um den Neubau des Badener Thermalbads, der gemäss Entwürfen des Tessiner Architekten Mario Botta ab 2013 realisiert werden soll.

Hoffen Investoren und Stadtregierung auf eine Annahme, so melden Kritiker städtebauliche Bedenken an. Sie verlangen, dass die Rahmenbedingungen für Bauten im Bäderquartier noch einmal überdacht werden.

Warmes Wasser heizen

Zu den vehementen Kritikern gehört die IG Schöner Baden, ein Zusammenschluss junger Architekten und Badenerinnen. Sie hält der Stadt vor, die Aufwertung des Bäderquartiers auf einer falschen Basis zu verfolgen. In Baden geplant sei ein «Bäderdrache», so die Interessengemeinschaft – ein Bad, das mit seiner Zielgrösse von 500'000 Gästen auf die grüne Wiese, nicht aber ins kleinräumige Bäderquartier passen würde.

Dass das mineralreiche Badener Thermalwasser – es sprudelt aus einer der seltenen natürlichen Quellen mit einer Temperatur von über 40°C – in einem Bad dieser Grösse zusätzlich aufgeheizt werden müsste, bewertet die IG als weiteren Nachteil des geplanten Unterfangens.

«Kosmetische Regeln»

«Mit Mario Bottas Thermalbad will die Stadt um jeden Preis einen politischen Erfolg verbuchen», sagt IG-Mitglied Christoph Lüber zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Lüber kritisiert das Vorgehen der Stadt bei der Planung von Bottas bunkerartigem Bau mit den vier «Fingern» (siehe Bildstrecke): In der vorliegenden Baunutzungsordnung stehe zu wenig konkret, was die Stadt unter einer «zeitgerechten Fortschreibung des Bäderquartiers» verstehe. Entsprechende Forderungen der IG seien im Mitspracheverfahren nicht beachtet worden. Die vorgesehene Revision hält Lüber denn auch für Kosmetik: Anstatt sinnvolle Leitlinien aufzustellen, räume die Vorlage städtebauliche Regeln zugunsten des Bauvorhabens aus dem Weg.

Aufseiten der Stadt zeigt man für diese Einwände wenig Verständnis. Beim zuständigen Amt heisst es, dass die vorliegende Teilrevision für ein Projekt der geplanten Grössenordnung grundsätzlich notwendig, nicht aber an den konkreten Botta-Entwurf angepasst worden sei. Die Notwendigkeit, bestehende Bauvorschriften anzupassen, hätte sich bereits anhand der Vorabklärungen und mehrerer gescheiterter Projekte gezeigt.

Auch der Badener Einwohnerrat – so heisst die Legislative in der Limmatstadt – habe 2008 schon einmal Ja gesagt zu einem Bauvorhaben in dieser Grössenordnung, hält FDP-Fraktionssprecher Lukas Breunig fest. Er hofft darauf, dass die Politik nun Farbe bekennt zum geplanten Thermalbadprojekt – und den Investoren ihrerseits nicht zu stark in die Pläne hineinredet. Denn schliesslich würden diese auch das ökonomische Risiko beim Betrieb des Thermalbads tragen.

Springt der Investor ab?

Ob ebendiese Investoren das Projekt bei einem negativen Entscheid weiter verfolgen würden, scheint mehr als fraglich. Als Investorin und Projektentwicklerin trat bislang die Badener Verenahof AG auf; bekannt ist weiter, dass die Zurzacher Rehaclinic das Bad betreiben wird. Wer den Löwenanteil der Finanzen beisteuert, darüber weiss die Öffentlichkeit hingegen noch nichts. Wie Verenahof-Mehrheitsaktionär Benno Zehnder auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt, kommen als Investoren zwei «grundsolide Schweizer Gesellschaften» infrage. Ihnen werde Zehnder gegebenenfalls in drei bis vier Wochen das Projekt verkaufen, selbst werde er einen Anteil von 20 Prozent behalten.

Wie Zehnder weiter sagt, würde er sich bei einer Ablehnung der revidierten Baunutzungsordnung «ernsthaft überlegen», aus der Sache auszusteigen. Als Möglichkeit bliebe Zehnder auch das Volksreferendum gegen den Beschluss. Dieses würde er mithilfe zustimmender Politiker zweifellos ergreifen, so der Investor: In der Bevölkerung geniesse das Projekt grossen Rückhalt.

Eine Redimensionierung des Thermalbads schliesst Zehnder indes ebenso wie Architekt Botta aus. Als Begründung hatte dieser an einer Informationsveranstaltung im Herbst gesagt, der Bau würde durch eine Verkleinerung «aus dem Gleichgewicht gebracht». Investor Zehnder verweist seinerseits auf die Geschichte und darauf, dass das Bäderquartier mit dem Grand Hotel – es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen – schon einmal einen grosszügigen Bau beherbergt hat. Ein kleineres Bad hält Zehnder auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht für sinnvoll: Weniger Besucher würden höhere Eintrittspreise und mehr Exklusivität bedeuten. Ein «Bad für jedermann» bekäme Baden in diesem Fall nicht.

Widersprüchliche Aussagen

Wenn am 31. Januar im Badener Stadtparlament über eine Baunutzungsordnung entschieden wird, so steht damit auch das Engagement des Hauptprotagonisten auf dem Spiel. Gerade an persönlichen Abhängigkeiten dieser Art stören sich jedoch manche Politiker in Baden. «Der Investor gab stets Grösse und Fläche vor, und die Stadt richtete sich danach», sagt Hannes Streif, der das lokale Team Baden im Einwohnerrat vertritt. Die betriebswirtschaftlichen Grundlagen und Kenngrössen seien demgegenüber nie breit diskutiert worden, so Streif. Im Gegenteil: Erst seit einer Woche läge die 2007 erstellte Machbarkeitsstudie, auf der die gesamte Planung beruhe, offen auf dem Tisch.

Projektinitiant Zehnder widerspricht dieser Sicht der Dinge. Jeder hätte die vom Bäderspezialisten Kannewischer angefertigte Studie beziehen können; und auch die Vorbereitung und Durchführung des Studienauftrags, der 2009 zur Juryauswahl des Botta-Projektes führte, sei sehr transparent verlaufen. Er persönlich hätte auch mit einem anderen der Projekte leben können, so Zehnder. Mangelnde Transparenz wirft er indes den Gegnern seines Themalbadprojekts vor: So sehe das Bad nicht die oft genannte Zahl von 500'000, sondern jährlich nur 437'000 Eintritte vor – etwas mehr als doppelt so viel, wie das bestehende Thermalbad zu Spitzenzeiten aufwies.

Aus Zehnders Schilderungen wird deutlich: Der Mann freut sich auf die Zeit, wenn das beinahe ausgestorbene Bäderquartier durch neue Hotels, Wohnungen, Restaurants und ein Gesundheitszentrum neues Leben erhält. Ebenso deutlich scheint jedoch, dass auch die Gegenseite nicht klein beigeben will: Kommt die revidierte Baunutzungsordnung im Einwohnerrat durch, so sagt Lokalpolitiker Streif, werde eine der Gegenparteien wohl das Referendum mit anschliessender Volksabstimmung suchen. Gut möglich, dass am Ende die Badener Bevölkerung entscheidet, ob sie Bottas Thermalbad will oder nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2012, 10:28 Uhr

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35 Kommentare

Aran Fitzgerald

25.01.2012, 11:40 Uhr
Melden 22 Empfehlung

Oh je! Leute, glaube die Zeichnungen und Abbildungen nicht. Wie oft ist das uns Badener passiert, dass die tatsächliche Fassade rein Beton ist, und den tatsächlichen Belag rein Asphalt ist. Es wird immer hässlicher wie abgebildet. Ausserdem ist hier Klar (siehe bild 2) dass die Sonne in den Norden scheint. Diese lichtdurchflutete Finger werden in leider die falsche Richtung gebaut. Antworten


Thomas Ingold

25.01.2012, 10:43 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Ein Unding! Plump und banal, wie die meisten der neueren Botta-Bauten. Die gleiche Fassade wie beim Tinguely-Museum. Das Bäderquartier würde durch diesen Koloss erdrückt. Es handelt sich nämlich um eine städtebaulich einmalige Anlage, die einen adäquaten Massstab erfordert. Botta ignoriert, wie so oft, deren Kontext. Ich hoffe die Badener stemmen sich dagegen. Antworten



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