Bei den Sargmachern in Oerlikon

In einem Teillohnprojekt stellen 70 Männer und Frauen jedes Jahr 3500 Särge aus Pappelholz her. Über 85 Prozent der Stadtzürcher werden in ihnen beerdigt.

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Daniel Schaltegger* liefert Särge aus. Früher war er Chauffeur in einer privaten Firma, doch die ging in Konkurs, und er stand auf der Strasse. Heute ist der 56-Jährige ausgesteuert und arbeitet bei den Sargmachern der Stadt Zürich.

Gegen 3500 Särge pro Jahr stellen die rund 70 Männer und Frauen in der Schreinerei der Tramont-Halle in Oerlikon her. Das Standardmodell besteht aus Pappelholz, weit über 85 Prozent der Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher werden in ihm bestattet. Die Stadt gibt ihren Einwohnern den Sarg gratis ab. Es gibt ihn in vier Grössen: 175, 185, 200 und 215 Zentimeter. Zusammengesetzt ist er aus zehn Teilen, die aus Sperrholzplatten zugeschnitten werden. Danach werden die Holzstücke geschliffen, lackiert und zusammengeleimt.

Särge unter Tüchern versteckt

Kazim Geroush* bindet die fertigen Särge zusammen, damit sie sein Kollege Schaltegger in die Friedhöfe und Spitäler transportieren kann. Zu Beginn haben die Schreiner Tücher über die Särge gelegt, wenn sie sie nach draussen zum Lieferwagen brachten. Im ersten Stock der Tramont-Halle ist die Asylorganisation Zürich eingemietet, und Asylbewerbern, die zum Teil Kriege und Katastrophen miterlebt hatten, wollte man den Anblick von Särgen nicht zumuten.

Schon bald hat man auf die Tücher verzichtet. Niemand hat reklamiert. Auch die Mitarbeiter gewöhnen sich schnell an das Produkt, das sie anfertigen. Nur etwa einer pro Jahr sagt, er höre auf, weil er die tägliche Konfrontation mit dem Tod nicht ertrage. Mühe haben viele mit der Herstellung der Kindersärge. Sie sind weiss lackiert, zwischen 60 und 160 Zentimeter gross und werden im hintersten Gestell des Lagers aufbewahrt. Wer mit ihnen nichts zu tun haben will, muss bei ihrer Fertigung auch nicht mitmachen.

Früher kamen sie aus Polen

Zwischen 2003 und 2006 wurden die Särge in Polen hergestellt. Die damalige Sozialvorsteherin Monika Stocker (Grüne) beschloss, den Auftrag in die Stadt zurückzuholen – als eines der Teillohnprojekte, die sie damals neu einführte. In ihnen arbeiten Sozialhilfebezüger, um einen geregelten Tagesablauf zu haben und wenn möglich wieder eine Stelle zu finden.

Nicht alle freuten sich 2006 über das neue Teillohnprojekt. Eine Schreinerei ging vor Gericht, weil der Sargauftrag nicht mehr öffentlich ausgeschrieben wurde. Sie unterlag. Um Spannungen vorzubeugen, gründete die Stadt in der Folge eine Kommission mit Vertretern aus Gewerbe, Gewerkschaften und Stadt, die darüber wacht, dass die Teillohnprojekte einheimische Betriebe nicht übermässig konkurrenzieren.

Stoff darf keine Falten werfen

Der Sargauftrag macht etwa die Hälfte des Auftragsvolumens der Schreinerei aus. Daneben stellt sie Tischblätter, Hocker oder Holzspielsachen her. Wichtig ist, dass es sich nicht um komplizierte Einzelanfertigungen, sondern um Serienarbeiten handelt. Die wenigsten Mitarbeiter sind gelernte Schreiner.

Josip Dukic* zum Beispiel hat früher in einem Lager gearbeitet. Heute schaufelt er Sägespäne in einen fertig zusammengeleimten Sarg und spannt anschliessend weissen Stoff darüber, auf den die Toten gebettet werden. Dabei achtet er genau darauf, dass der Stoff keine Falten wirft. Särge mit Mängeln werden von den Friedhöfen oder Spitälern zurückgewiesen.

«Das ist gut so», sagt Werkstattleiter Alfred Langenegger. Die Leute müssen genau arbeiten, sich an Termine halten, gefordert sein, etwas herstellen, das auch benötigt wird. Dann steigt ihr Selbstwertgefühl, weil sie merken, dass sie gebraucht werden. Und sie lernen Verbindlichkeit.

Betreut werden die Teilnehmer des Teillohnprojekts von ausgebildeten Schreinern mit einer Zusatzausbildung im sozialen Bereich. Ihre Arbeit sei ein ständiger Spagat, sagt Langenegger. Zum einen müssen die Aufträge termingerecht erfüllt werden. Zum andern will man den Teilnehmern Unterstützung bieten, damit sie wieder Fuss im Arbeitsmarkt finden. Rund 30 Prozent finden eine neue Stelle.

Neuer Auftrag: Urnen

Einige bleiben in der Schreinerei. Selim Kandar* zum Beispiel. Er leidet unter Herzproblemen. Mittlerweile ist er einer der erfahrensten Mitarbeiter und bedient eine komplexe Maschine. Mit ihr stellt er Urnen für die Stadtzürcher her. Jede von ihnen besteht aus einem einzigen Stück Holz, das innen ausgehöhlt und aussen abgeschliffen wird. Den Auftrag hat die Schreinerei an der Tramont-Halle erst vor kurzem erhalten. Pro Jahr wird sie 1500 Urnen herstellen. Wenn diese fertig sind, werden sie ins Lager gebracht. Oder gleich zu Chauffeur Daniel Schaltegger, der sie dorthin bringt, wo sie gebraucht werden.


* Namen geändert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2013, 10:08 Uhr

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