Zürich

Beschimpft, bespuckt, geschlagen

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 23.01.2012 53 Kommentare

Die Zürcher Rettungssanitäter sind bei ihren Einsätzen oft das Ziel von Übergriffen alkoholisierter oder unter Drogeneinfluss stehender Patienten. Jetzt sollen sie mit stichsicheren Westen ausgerüstet werden.

«Fast während jeder Schicht geschieht etwas»: Sanitäter im Einsatz in Zürich.

«Fast während jeder Schicht geschieht etwas»: Sanitäter im Einsatz in Zürich.
Bild: PD

Telefon 144 wurde öfter angerufen
als im Vorjahr

Schutz und Rettung Zürich, die grösste Rettungsorganisation der Schweiz, rückte vergangenes Jahr über 36'000-mal aus. Der Rettungsdienst (Telefonnummer 144) wurde zu 32'249 Einsätzen in der Stadt Zürich, auf dem Flughafen und in den 25 Vertragsgemeinden gerufen. Das sind etwas mehr als im Vorjahr. Die Feuerwehr (Telefon 118) hingegen musste mit 4130 Einsätzen weniger häufig ausrücken. Dies vor allem, weil es zu keinen grösseren Unwettern gekommen ist. Sie kam aber häufiger wegen Bränden zum Einsatz (plus 16 Prozent) und rettete mehr in Not geratene Haustiere. (jho)

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Auf der Wache Neumühlequai stehen noch alle vier Rettungsfahrzeuge in der Garage. Es ist ruhig in der Stadt, der Samstagabend hat erst begonnen. Aber es kann noch alles passieren: Die Sanitäterinnen und Sanitäter werden während ihrer Einsätze beschimpft, angerempelt, gebissen, geohrfeigt und geschlagen, manche mit einem Messer bedroht. «Fast während jeder Schicht geschieht etwas», sagt eine 29-jährige Rettungssanitäterin. Und sei es nur, dass ein Patient sie «Arschloch» schimpft – «noch eines der schöneren Wörter». Sie sitzt mit ihren Arbeitskollegen über der Garage im Aufenthaltsraum und wartet, bis es in ihrem Hosensack piepst.

Alle, die etwas länger dabei sind, wurden schon tätlich angegriffen oder bedroht. Ein Sanitäter erzählt, dass an der Street-Parade ein blutender Mann unter Drogeneinfluss mit einem Messer auf ihn losgehen wollte. Ein anderer sollte im Rettungsfahrzeug einen anfänglich friedlichen Mann betreuen. Der aber rastete plötzlich aus, stürzte sich auf ihn und drohte: «Ich schlage dich zu Tode.»

Brille gegen Spucke

Die Arbeit der Rettungssanitäter ist gefährlich geworden. Für ihre Einsätze ziehen sie sich Gummihandschuhe und Brillen an; sie werden immer wieder angespuckt und könnten sich so mit Hepatitis anstecken. Am Gurt tragen sie ein Funkgerät mit einer Notruftaste, manche auch ein Pfefferspray. Und nun sollen sie zusätzlich mit stichsicheren Westen ausgerüstet werden. Der Stadtrat hat dafür bereits einen Zusatzkredit von 139'000 Franken bewilligt. Dies, nachdem ein junger Mann einen Sanitäter spitalreif geschlagen hatte.

Dieser war im Mai 2010 nach Kloten gerufen worden, es hiess, ein Mann habe akute Probleme. Der «Patient» erwies sich aber als äusserst aggressiv. Der Sanitäter wollte ins Rettungsfahrzeug zurückgehen und auf die Polizei warten. Der Mann aber folgte ihm und schlug ihn nieder. Als er am Boden lag, traktierte der Mann den Sanitäter mit Fäusten und Füssen. Dabei brach sein Nasenbein, die Haut im Gesicht riss, und er trug massive Prellungen davon. Bei Schutz und Rettung überlegte man sich darauf, wie man die Angestellten noch besser schützen kann.

Die Gruppe auf der Rettungswache wechselt ständig. Plötzlich piepst es in einem Hosensack, und schon sind zwei Sanitäter weg, andere kehren vom Einsatz zurück. Am frühen Abend werden sie wegen Stürzen, Schwächeanfällen und Selbstmordversuchen gerufen, und bald sitzen nur noch zwei Sanitäter am Tisch. Hätten stichsichere Westen schon Schlimmeres verhindern können? Sie seien sich im Team nicht einig, ob sie etwas bringen oder ihnen im Gegenteil zum Verhängnis werden könnten, sagt Björn D. Die einen sagen, die Westen schützten vor überraschenden Angriffen und dämpften Schläge. Andere sind der Ansicht, die Sanitäter wähnten sich damit in falscher Sicherheit, brächten sich eher in heikle Situationen.

Alkoholisiert und ohne Anstand

Kurz vor Mitternacht piepst es in der Tasche von Slobodan T. Um diese Zeit sind oft Alkoholvergiftungen der Grund, auch jetzt. Als er das Rettungsfahrzeug beim Hauptbahnhof stoppt, stehen bereits drei Polizisten um einen bleichen Mann mit einer grossen Wollmütze. Er kauert zwischen Velos am Boden und riecht streng nach Alkohol. Könnte er aggressiv werden? Er wirkt eher eingeschüchtert, aber darauf, so sagt Slobodan T., könne man nicht zählen. «Manche rasten erst aus, wenn wir ihnen sagen, dass wir sie ins Spital bringen.» Der junge Mann aber nickt ergeben, als das Wort Spital fällt. Er kann sich ohnehin nicht mehr auf den Beinen halten, auf dem Weg zum Auto, links und rechts von den Sanitätern gestützt, knickt er immer wieder ein. Und als der Sanitäter vor dem Waidspital die Schiebetür des Fahrzeugs öffnet, hat der Mann einen ganzen Plastiksack mit seinem Mageninhalt gefüllt.

Weshalb aber müssen sich die Helfer für ihre Einsätze schützen, als würden sie in den Krieg ziehen? «Das Problem ist oft der Alkohol», sagt Teamleiter Marco N. «Betrunkene wissen nicht mehr, was sie tun, und vergessen jeden Anstand.» Sie können auch nicht mehr zwischen Rettungsdienst und Polizei unterscheiden – beide kommen mit Blaulicht, beide tragen Uniform.

Wenn der Sanitäter zweimal während einer Schicht dumm angemacht wird, steckt er das weg. Wenn er aber einen ganzen Abend nichts anderes hört, hat er genug. Es sei aber heikel, wenn er zurückgeben würde. Schliesslich trage er eine Uniform, die für Helfen und Retten steht. Einzelne Sanitäter haben schon Anzeige erstattet, wenn «Patienten» handgreiflich geworden sind.

Oft geschieht aber nichts, weil zu Rettende als unzurechnungsfähig gelten. «Das ist frustrierend», sagt Björn D. Wiederholungstäter wüssten genau, dass ihnen nichts geschehe – und verhielten sich entsprechend. 2011 registrierte Schutz und Rettung 372 Übergriffe, 43 davon waren körperliche Angriffe. Die Zahl blieb damit etwa gleich hoch wie 2010, als Zwischenfälle erstmals detailliert erhoben wurden.

Es gibt aber auch die schönen Einsätze, welche die unangenehmen aufwiegen. Björn D.s erster Einsatz des Abends war so einer. Um 19.46 Uhr piepste es – Schwächeanfall in einer Seebacher Reihenhaussiedlung. Die 83-jährige Frau sass weiss wie ein Tuch auf dem Sofa und hielt sich ein Becken vor den Mund. Es würgte sie. Sie hatte bereits auf ein Tellerchen erbrochen. Und in die Schuhe, die sie hätte anziehen sollen. «Aber chifle kann sie immer noch», sagte ihr Partner, mehr, um sich selber zu beruhigen. Der Sanitäter setzte der Frau im Rettungsfahrzeug eine Infusion, brachte das Paar auf der Fahrt ins Waidspital sogar zum Lachen, und als er dort der Frau zum Abschied die Hand gab, hielt sie sie etwas länger fest und bedankte sich. «Von dem lebe ich wieder eine Weile», sagte er auf dem Weg zurück zum Rettungsfahrzeug. «Egal, was heute Abend noch geschieht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2012, 22:10 Uhr

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53 Kommentare

Renzo Giambonini

23.01.2012, 07:56 Uhr
Melden 83 Empfehlung

Unglaublich wie sich unsere Gesellschaft entwickelt hat. Leute, welche sich für ihre Mitmenschen, unser Leben und unsere Gesundheit ensetzen und aufopfern, werden von hilfebedürftigen Mitmenschen derart verunglimpft und behandelt. Soche "Elemente" müsste man sofort anzeigen, in Zukunft härter anpacken und ihnen eventuell sogar jede Hilfe verweigern! Antworten


Werner Wüest

23.01.2012, 08:56 Uhr
Melden 55 Empfehlung

Irgendentetwas stimmt bei unseren Strafverfolgungsbehörden nicht: bei Autofahrern ist Alkohol strafverschärfend - was auch richtig ist. Bei diesen Leuten macht Alkohol "unzurechnungsfähig" also man kann dafür nicht belangt werden. Aber diese Leute haben sich freiwillig besoffen. Also bestrafen und Schmerzensgeld für die Sanitäter! Antworten



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