Biber setzt einen ganzen Wald unter Wasser

Im Weinland dürfen Biber seit kurzem tun, wie sie wollen. Sie stauten den grössten Bibersee der Schweiz.

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Es ist zum Verrücktwerden. Immer wenn Urs Spychiger den Bibersee im Wald bei Marthalen besucht und den Damm zeigen will, mit dem alles begann, kommt er ins Grübeln. War es der grosse überwachsene Asthaufen dort drüben, der den Mederbach zum ersten Mal über die Ufer treten liess? Oder war es der kleinere zu seinen Füssen? Der Chef des kantonalen Gewässerunterhalts im Weinland erkennt die Landschaft – ein Gewirr von Dämmen, Bächlein und Tümpeln – bereits nach Monaten kaum wieder.

Der Biber hat hier ganze Arbeit geleistet. Genauer: eine Biberfamilie mit zwei Erwachsenen und einigen Jungtieren. Es ist der grösste bekannte Bibersee der Schweiz, 3,8 Hektaren gross. Die Fläche von vier Fussballfeldern haben die Tiere unter Wasser gesetzt.

Fische und Krebse sterben

Als vor drei Jahren der Mederbach plötzlich kein Wasser mehr in die Thur trug, war Spychiger schnell klar, was los war. Er ist Biberspezialist. Er wurde es eher unfreiwillig: Von den rund 260 Tieren im Kanton Zürich leben 200 in Spychigers Hoheitsgebiet, vermutet er. «Sie finden im Weinland einfach den passenden Lebensraum.» In den Thurauen und entlang der Flussufer gibt es für die Nager genügend Nahrung und geeignete Plätzchen, um Baue und Burgen zu errichten. Und Wasser zum Schwimmen. Dämme brauchen sie deshalb keine zu errichten.

Zu Staumeistern werden Biber dort, wo Wasser rar ist. Und damit fallen sie unangenehm auf, etwa im Waldstück im Niederholz. Deshalb kam Spychiger mit seinem Team und schuf Abhilfe: Die Männer legten ein Rohr durch den Damm, damit Krebse und Fische im Unterlauf nicht verendeten. Daraufhin schaltete sich der Bund ein und verfügte, dass der Biber hier das schützenswerte Tier sei. Seither kommt Spychiger nur noch aus persönlichem Interesse zum Bibersee im Niederholz. Das Bauen überlässt der Chef Gewässerunterhalt den Tieren.

Waldreservat geplant

Die Biber haben Glück: Der Wald, den sie überfluten, ist im Besitz der Gemeinde Marthalen. Und geht es nach dieser, den Tierschützern von Pro Natura und dem Amt für Landschaft und Natur, dürfen die Nager im Niederholz dies auch in den kommenden 50 Jahren tun. Ein Vertrag der drei Parteien über das Bibergebiet steht kurz vor dem Abschluss, wie die Verantwortlichen einen Bericht des «Landboten» bestätigen.

Rund um den Bibersee soll ein fünf Hektaren grosses Waldreservat entstehen. Der Kanton entschädigt die Gemeinde Marthalen dafür, dass sie den Wald in dieser Kernzone nicht nutzt. In einer Randzone sind zudem Eingriffe nur in Rücksprache mit Pro Natura möglich. Etwa, wenn Förster entlang eines Weges Bäume aus Sicherheitsgründen entfernen müssen. Auch die Naturschutzorganisation will die Gemeinde für diese Einschränkungen entschädigen. Wie gross die Zahlungen ausfallen werden, darüber schweigen sich die Beteiligten noch aus, weil einige Details noch nicht abschliessend geregelt sind.

30 stolze Eichen gefällt

Christof Angst, Biberexperte beim Bund, hat den Kontakt mit Pro Natura Ostschweiz und deren Programm «Hallo Biber» eingefädelt und ist erfreut über die schnellen Fortschritte bei den Verhandlungen in Marthalen. «Das gibt eine super Sache», sagt er. Was am Mederbach entstehe, sei landesweit einmalig. «Ich bin froh, dass es geklappt hat.» Dank dem Nutzungsverzicht habe die Gemeinde etwas von der Sache. Es sei aber auch die einzige vernünftige Lösung. Würde man die Biber entfernen – oder gar schiessen, was seit der Revision der Jagdverordnung des Bundes in diesem Sommer möglich ist –, wäre der Effekt nur von kurzer Dauer. Monate später fände ein neuer Biber den Weg von der nahen Thur an den Mederbach.

«Die Tiere haben ein Herrenleben hier», sagt Urs Spychiger. Gefällte Tännchen und riesige Laubbäume rotten im seichten Wasser des Bibersees vor sich hin. Die zugespitzten Enden der Stämme zeugen vom Werk der Nager. Doch das wahre Ausmass ihrer Tätigkeit zeigt sich weiter hinten. Wo vor wenigen Monaten noch wertvoller Nutzwald stand, klafft eine Lichtung, so gross wie ein Zirkuszelt. Über 30 einst stolze Eichen – ihr Wert geht in die Tausende von Franken – liegen wild durcheinander im Wasser. «Als hätte einer grosse Streichhölzer ausgeleert», sagt Spychiger.

Der Anblick tut ihm ein bisschen weh. Er hat einst Förster gelernt. Aber die Tiere faszinieren ihn. «Sie züchten hier ihr Futter», erklärt er. Biber mögen nämlich kein Hartholz. Sie ernähren sich von den Trieben der Silberweiden, die nun am Wasser spriessen. Und sie fressen die Sumpfgräser, die wachsen, wo einst Pilze sprossen, als noch nicht so viel Licht auf den Boden drang. Die Tiere werden nicht müde, das Niederholz nach ihrem Geschmack zu gestalten. Seit sie den Bach weiter unten ein zweites Mal gestaut haben, stehen Dutzende Fichten im Wasser. Unter den sterbenden Kronen treibt ein Teppich aus Wasserlinsen, wie im Urwald. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.08.2012, 10:18 Uhr)

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Erfolgreich wieder angesiedelt

Der Biber, einst im ganzen Land verbreitet, wurde im 19. Jahrhundert fast vollständig ausgerottet. Seines dichten, hoch geschätzten Pelzes wegen. 1958 begannen Naturfreunde an verschiedenen Orten in der Schweiz mit der Wiederansiedlung von rund 140 Bibern. Der WWF Thurgau etwa siedelte 1969 neun Biber aus Norwegen im Nussbaumer- und Hüttwilersee an. Von dort eroberten die Tiere das Thurtal, und heute kommen sie bis zur Thurmündung und am Rhein vor. Landesweit zählte man 2010 wieder über 1600 Individuen.

Zu den auffälligsten Merkmalen des Bibers zählen die grossen, nachwachsenden Schneidezähne, der flache, beschuppte Schwanz sowie die grossen, entenartigen Hinterpfoten mit Schwimmhäuten. Biberpaare bleiben ihr ganzes Leben lang zu­sammen und bilden damit eine Ausnahme unter den Säugetieren. Eine Biberfamilie besteht in der Regel aus den Elterntieren und zwei Generationen von Jungtieren.

Die Tiere benötigen einen Lebensraum mit ausreichend Weichhölzern als Winternahrung, genügender Wassertiefe und grabbaren Ufern. Als reine Vegetarier ernähren sie sich von Kräutern, Gräsern, Trieben und Wasserpflanzen – im Winter zusätzlich von Weichholzrinden. Ihre Bauten haben unterschiedliche Formen. Die Eingänge liegen jedoch immer unter Wasser. Biber gestalten und verändern ihren Lebensraum oft beträchtlich. Sie fällen Bäume und bauen Dämme. (lop)

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