Zürich

«Blocher wird fertiggemacht»

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 29.11.2011 222 Kommentare

Der Präsident der Zürcher SVP will nicht zurücktreten und weiter machen wie bisher. Die Schuld an der Niederlage seiner Partei sieht er bei den Medien. Von parteiinterner Kritik will er nichts gehört haben.

Hat auch schon glücklichere Zeiten erlebt: Der Zürcher SVP-Präsident Alfred Heer will seiner Partei trotzdem keine Vorwürfe machen.

Hat auch schon glücklichere Zeiten erlebt: Der Zürcher SVP-Präsident Alfred Heer will seiner Partei trotzdem keine Vorwürfe machen.
Bild: Dominique Meienberg

Alfred Heer: Zürcher SVP-Präsident

Der 50-jährige Alfred Heer ist in der Stadt Zürich aufgewachsen und dort heute als Kleinunternehmer tätig. Für die SVP sass er von 1994 bis 1998 im Stadtparlament. Von 1995 bis 2007 war er Kantonsrat, dann wurde er in den Nationalrat gewählt. Seit 2009 ist Heer Zürcher SVP-Präsident. (sch)

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Die Zürcher SVP hat alle Wahlziele verfehlt: Sie büsste einen Sitz im Nationalrat ein, hat einen Wähleranteil unter 30 Prozent, und Christoph Blocher wurde auch nicht Ständerat. Warum ist sie zur Verliererpartei geworden?
Alle haben verloren. FDP und CVP proportional noch viel mehr. Wir hatten Konkurrenz von zwei Neuparteien, die zusammen 15 Prozent Wähleranteile holten. Dass wir darunter leiden mussten, ist unerfreulich, aber eine Tatsache.

Dass die anderen verloren haben, macht die Niederlage nicht besser.
Nein. Aber der Widerstand in den Medien und auch im «Tages-Anzeiger» gegen die SVP war sehr gross.

Früher haben Sie gesagt, negative Berichterstattung mache die SVP stark. Warum gilt das nicht mehr?
Wir haben dieses Mal keinen thematischen Wahlkampf führen können. Die EU und kriminelle Asylbewerber waren kein Thema, und alle anderen standen angeblich plötzlich für die Schweiz ein.<

Was haben Sie falsch gemacht?
Wir müssen die Wahlen analysieren. Wir dürfen uns aber nicht selber zerfleischen. Wir sind immer noch die stärkste Kraft im Kanton und im ganzen Land. Im Wahlkampf gingen wir davon aus, dass wir alles richtig machten, waren engagiert und hatten bei Standaktionen viel Zuspruch. Ich muss sagen, die Niederlage hat uns überrascht. Die Politologen haben sie auch nicht vorausgesagt.

Warum gelang es Ihnen diesmal nicht, Ihre Themen zu setzen?
Die Medien haben sie weniger aufgenommen. Es wurde viel über Nebengeleise berichtet, wie zum Beispiel über die Bundesratswahlen.

Nebensächliche Bundesratswahlen? Vor vier Jahren waren sie noch das Hauptthema der SVP im Wahlkampf.
Mit der gefährdeten Wiederwahl von Christoph Blocher war aber die Ausgangslage auch ganz anders.

Ein Fussballtrainer würde bei einer solchen Reihe von Misserfolgen zurücktreten. Und Sie?
Bei den Kantonsratswahlen waren wir gut, unsere Regierungsräte wurden wieder gewählt. Zudem hat die SVP auch in anderen Kantonen Wähleranteile verloren. Dies ist kein zürcherisches Problem. Ein Rücktritt ist für mich kein Thema. Ich fühle mich von den SVP-Wählern getragen. Ich bin bei den Nationalratswahlen fünf Plätze vorgerückt. Das ist für mich ein Vertrauensbeweis.

Sie würden also zurücktreten, wenn Sie fünf Plätze verloren hätten?
Dann wäre ich abgewählt worden und unverzüglich zurückgetreten.

Die Niederlage ist für Sie persönlich erträglich?
Es ist nie gut, wenn man verliert. Aber man muss die Relationen sehen.

Wird die SVP dick und bequem, wie die «Weltwoche» schreibt?
Diese Gefahr besteht. Aber ich kann der Partei eigentlich keine Vorwürfe machen. Die Widerstände waren diesmal grösser. Sie haben wahrscheinlich im «Tages-Anzeiger» auch die Champagnerflaschen geöffnet.

Halten Sie es wie der FCZ-Trainer Urs Fischer: Sie machen weiter, bis die SVP absteigt?
Wir sind immer noch Tabellenführer, einfach nicht mehr mit 20, sondern nur noch mit 10 Punkten Vorsprung.

Man hört in der SVP, Sie hätten zu wenig Kampfgeist, seien unmotiviert und würden in der Fraktion im Kantonsrat oft fehlen. Stimmt das?
Das habe ich nie gehört.

Dann ist das nicht wahr?
Wahr ist, dass ich nicht immer in der Kantonsratsfraktion sein kann, da ich oft in Bern bin. Aber die Vizepräsidenten Gregor Rutz und Ursula Moor sind immer in der Kantonsratsfraktion. Kein Zürcher SVP-Präsident war je so viel in der Fraktion.

Warum macht es Ihnen noch Spass, Parteipräsident zu sein?
Das ist keine Spassarbeit. Es wäre für mich persönlich schöner, dies nicht mehr zu tun, dann hätte ich mehr Freizeit und mehr Zeit für das Geschäft.

Sie fühlen sich aber verpflichtet, das Amt weiter auszuüben?
Ja. Ich setze mich seit 1994 für die Anliegen der SVP-Wähler ein. Wenn es nun nicht mehr so gut läuft, ist das kein Grund, den Bettel hinzuschmeissen.

An der Albisgüetlitagung halten Christoph Blocher und Oswald Grübel die Reden. Sie begrüssen die Leute nur. Wer führt eigentlich die Zürcher SVP – Sie oder Blocher?
Bei den nationalen Wahlen haben wir die Strategie der SVP Schweiz umgesetzt. Und im Albisgüetli ist es Tradition, dass Christoph Blocher der Hauptredner ist. Er hält immer sehr gute Reden, die auf Resonanz stossen.

Wer führt jetzt die Zürcher SVP?
Ich bin Präsident. Aber wir arbeiten als Kantonalsektion auch eng mit der SVP Schweiz zusammen. Zudem war Christoph Blocher 20 Jahre erfolgreicher Zürcher Parteipräsident. Darum hole ich gerne seine Meinung ein.

Die Unzufriedenen in der SVP machen Blocher und Christoph Mörgeli für die Wahlniederlage verantwortlich und die Stimmberechtigten wollen Blocher auch nicht mehr. Wann tritt die alte Garde ab?
Die angeblich Unzufriedenen äussern sich nur anonym im «Tages-Anzeiger». Ich kenne sie nicht. Blochers Wahlresultat ist gut. Er konnte zwei Bisherige in einen zweiten Wahlgang zwingen.

Sie reden seine Niederlage schön. Er machte im zweiten Wahlgang weniger Stimmen als im ersten. Das ist ein blamables Resultat.
Christoph Blocher wird auch seit Jahr und Tag fertiggemacht in den Medien.

Warum haben Sie Blocher nicht ausgewechselt, um ihm diese Kanterniederlage zu ersparen?
Weil er im ersten Wahlgang ausgezeichnet abschnitt und ein vorbildliches Engagement zeigt.

Wann tritt jetzt die alte Garde ab?
Wir haben mit Ernst Schibli und Ulrich Schlüer zwei Nationalräte, die abgewählt wurden. Die sogenannt alte Garde arbeitet nach wie vor sehr gut. Christoph Blocher hat sich jahrzehntelang für die Schweiz eingesetzt und ist allen anderen Politikern immer noch meilenweit überlegen. Ich bin der Letzte, der seinen Abgang fordern würde.

Die Strategie der SVP war es bisher, alle anderen Parteien in den Topf der Netten und Heimatmüden zu werfen. Wie sieht die Strategie der Zukunft aus?
Wir kommen immer mehr unter Druck von der EU und haben das Bankgeheimnis aufgegeben, die Ausschaffungsinitiative wird nicht umgesetzt. Wir stellen fest, dass sich die anderen Parteien nicht für die Schweiz einsetzen. Wir werden dies weiter tun. Die Zeit wird uns recht geben.

Das heisst, Sie wollen weitermachen wie bisher und den Stil gegen Kritiker und Konkurrenz nicht ändern?
«Heimatmüde» haben Sie ja von uns schon lange nicht mehr gehört. Aber es geht nicht um den Stil, sondern um die Probleme der Schweiz. Die SVP ist die einzige Partei, die vor dem Euro gewarnt hat. Wenn es uns nicht gäbe, wären wir schon längst in der EU.

Wie wollen Sie künftig mit der FDP zusammenarbeiten?
Die FDP steht uns politisch am nächsten, das ist klar. Wir haben ihr die Zusammenarbeit angeboten, aber sie hat leider entschieden, allein in die Wahlen zu ziehen und keine Listenverbindung mit uns zu machen. Das ist schade, denn die SP hat davon profitiert.

Sehen Sie andere neue Partner, zum Beispiel die BDP?
Die haben keine klare Haltung, vor allem was die EU betrifft. Eine Listenverbindung mit der BDP wird es nicht geben. Die BDP hat nur ein Programm, und das heisst «Widmer Schlumpf». Damit können wir uns nicht identifizieren. Ich bezweifle, ob es die BDP in vier Jahren noch gibt.

Warum? Das sind doch die grossen Wahlsieger.
In Deutschland würden die fünf Prozent, welche die BDP erreichte, nur knapp reichen für den Einzug ins Parlament. Wenn man bei null beginnt, ist man schnell der grosse Wahlsieger.

Welches sind die Hoffnungsträger in der Zürcher SVP?
Gregor Rutz und Thomas Matter haben sehr gute Wahlresultate gemacht. Sie sind die ersten Ersatzleute und werden irgendwann in den Nationalrat nachrutschen können. Aber auch Hans-Ueli Vogt zähle ich zu den Hoffnungsträgern.

Sie schlagen den fast 60-jährigen Bruno Zuppiger für den Bundesrat vor. Warum nicht die 35-jährige Natalie Rickli? Sie hat in der SVP das beste Wahlresultat gemacht.
Zuppiger ist im Parlament mehrheitsfähig. Er wurde schon von anderen Parteien als Wunschkandidat genannt. Als Präsident des Gewerbeverbandes ist er über die SVP hinaus gut verankert. Natalie Ricklis Zeit wird noch kommen.

Warum überlässt die Zürcher SVP diesen Bundesratssitz nicht den anderen Kantonalsektionen? Ihr habt schon einen Bundesrat aus dem Zürcher Oberland.
Wir können keine Rücksicht auf den Kantönligeist nehmen. Wir brauchen die besten Leute in der Landesregierung. Dass Bruno Zuppiger aus Hinwil ist, können wir auch nicht ändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2011, 06:35 Uhr

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222 Kommentare

Lucien Michel

29.11.2011, 08:05 Uhr
Melden 152 Empfehlung

Wenn mein Sohn, vor einigen Jahren noch, gegen eine Tischkante rannte und sich eine Beule holte, schlug er jeweils auf das Möbelstück ein und beschimpfte den Tisch, dieser hätte ihm weh getan. Natürlich hat das Kind diese Art von Beurteilung der Welt so ab etwa drei- vierjährig abgelegt. Die Führungsspitze der SVP reagiert aber - in der gestandenen Altersgruppe bis über 70 - immer noch genau so. Antworten


Michael Sold

29.11.2011, 07:58 Uhr
Melden 112 Empfehlung

Irgendwie wollen die Zürcher und Aargauer und St. Galler SVP Mannen einfach nicht kapieren, dass das Volk die anmassende und arrogante Art und Weise dieser Politik nicht wünschen. Man fühlt sich vielleicht nicht gerade von einer anderen Partei optimal vertreten, aber lieber eine Partei des Konsenses statt ewiges Neinsagen und Drohgebärden wählen. Nicht die Schweiz, die SVP muss sich ändern. Antworten



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