Carlos und der Islam, das passt

Der bekannteste Jugendstraftäter im Land wechselt zu jenem Glauben, der sich perfekt für kämpferische Underdogs eignet.

Der Neomuslim als Pilger: Muhammad Ali. Foto: Bettmann (Corbis, Dukas)

Der Neomuslim als Pilger: Muhammad Ali. Foto: Bettmann (Corbis, Dukas)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eben hat «20 Minuten» gemeldet, dass Jugendstraftäter Carlos sich neu als Muslim sieht; er hatte das auf Facebook verkündet. Der Schritt leuchtet ein, ganz unabhängig davon, dass Carlos seinem Thaiboxtrainer Shemsi Beqiri anhängt. Von dem überzeugten Muslim bekam Carlos einen Koran überreicht; das Sportidol ist in diesem Fall zugleich Vorbild im Glauben.

Doch auch grundsätzlich passt Carlos zum Islam. Ende 2013 gab er der «Weltwoche» ein Interview. Der 18-Jährige, der einst einen jungen Mann niedergestochen hat, klagte, er fühle sich «verarscht und hintergangen». Niemand sei «gerne eingesperrt». Und: «Es ist traurig, wie das Ganze gelaufen ist.» Carlos verstand sich als einer, dem Unrecht widerfuhr. Als Opfer, nicht als Täter. Das dürfte sich seither nicht geändert haben.

Islam gleich Stolz

Früher definierte Carlos sich als Christ. Und auch das hatte Logik: Jesus ist der grosse Leider der Menschheit. Allerdings war Jesus gleichzeitig ein Frauenversteher. Eine softe Figur. Ein Antimacho, gemäss dem man, wird man geschlagen, die andere Wange hinhalten soll. Jesus starb am Kreuz.

Carlos will als beinharter Kampfsportler reüssieren; Mohammed dürfte für ihn auf Dauer interessanter sein. Der Prophet des Islam war, modern gesagt, ein klassischer Underdog. In der Handelsstadt Mekka stand er auf und rief die Geldscheffler, die Raffzähne, die Witwenpreller zur Besinnung und Umkehr auf. Auf Dauer riskierte er den Tod, er musste fliehen.

Das ist die eine Seite Mohammeds. Die andere: Mohammed als Kriegsherr. Von Medina aus nahm er den Widerstand auf. Nach acht Jahren hatte er gesiegt. Mohammed ist weich und hart. Eine Gestalt des Stolzes. Ein Paradigma des Sich-Respekt-Verschaffens.

Der Koran als Leiterzählung

Die amerikanischen Gefängnisse sind voll von Muslimen; meist sind es Schwarze, die in der Haft konvertierten. Mohammed ist für sie schlicht die bessere Lebensschule als der Dulder Jesus. Mohammed lehrte, dass man vieles hinnehmen soll. Aber auch, dass irgendwann das Mass voll ist. Dass man zurückschlagen darf. Um am Ende ein grossmütiger, ein edler Sieger zu sein.

«Und einem jeden soll für das vergolten werden, was er begangen hat. Und ihnen wird dabei nicht Unrecht getan», sagt der Koran. Das heilige Buch der Muslime bietet Leuten wie Carlos das beste Narrativ. Jene Gerechtigkeit verheissende Leiterzählung, in der sie sich erkennen. Die Bibel, über Jahrhunderte entstanden, ist im Vergleich wirr. Sie enthält jüdische Speiseregeln, tolle Geschichten wie die von Noahs Arche, blumige Poesie, Jesu Leben in vier Versionen und verstörende Apokalyptik.

Aus Cassius wird Muhammad

Der Koran, der in gut zwanzig Jahren entstand, ist einfacher fassbar. Er kreist obsessiv um wenige Themen: das Jenseits. Die Heuchler. Tyrannen und Tyrannisierte. Gottes Mahnungen und Warneingriffe. Der Tag des Gerichts. Und immer wieder geht es um die, die fälschlicherweise unterdrückt, gedemütigt, bestraft werden.

Von diesem Buch, das direkt und deutlich spricht und viel kürzer ist als die Bibel, fühlt Carlos sich offenbar verstanden. Viele andere Kämpfer vor ihm hat es inspiriert. Etwa den US-Bürgerrechtler Malcolm X. Oder Cassius Clay. Dieser wuchs in Amerikas Südstaaten auf, Schwarze wie er waren Menschen zweiter Klasse. 1964, da war er schon Boxweltmeister, trat Clay zum Islam über. Er nannte sich fortan Muhammad Ali.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.05.2014, 07:04 Uhr)

Artikel zum Thema

Carlos posiert mit Ex-Posträuber

Der straffällig gewordene junge Mann zeigt sich auf Facebook mit einem ehemaligen Fraumünsterpost-Räuber auf der Langstrasse. Mehr...

Die Fehler der anderen

Kommentar Die Carlos-Debatte im Kantonsrat war nicht schlecht – hinterlässt aber einen schalen Nachgeschmack. Mehr...

Deutliche Worte an die Adresse von Justizdirektor Martin Graf

Der Kantonsrat sprach sich aber gegen eine parlamentarische Untersuchungskommission im Fall Carlos aus. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Der Morgen nach dem Brexit: Pendler sitzen in einem Bus, der über die Waterloo Bridge in London fährt. (24. Juni 2016)
(Bild: Toby Melville) Mehr...