Damit Sie auf dem Weinschiff nicht abschiffen
Von Marcel Reuss. Aktualisiert am 30.10.2009
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Immerhin an den Schiffen der Zürichsee-schifffahrtsgesellschaft kann man die Jahreszeit noch bestimmen. Fahren alle, ist Frühling oder Sommer. Wenn aber die halbe ZSG-Flotte vor dem Bürkliplatz ankert, dann ist Spätherbst. Oder Expovina-Zeit. Zum 56. Mal findet die Weinmesse statt. Heuer mit 170 Ständen, an denen sich 4000 Weine degustierten lassen. Ein Auswahl, die gerade für jene Besucher zur Qual wird, die aus weinbildungsfernen Schichten stammen. Und weil der erste Schritt in neue Geschmackwelten ein kleiner für die Menschheit, aber persönlich immer ein grosser ist, im Folgenden ein paar Tipps für Laien von Experten.
Wie erkennt man den Laien? - «Er verrät sich dadurch, dass er suchend durch die Ausstellung geht, weil er nicht genau weiss, was er will. Für uns Weinhändler heisst das, wir können ihn lenken. Indem man ihm einen schönen Weiss- oder Rotwein präsentiert und so langsam findet, was er möchte.» Sascha Grille, Weinkeller Riegger
Fazit: Wer sich nicht gleich als Laie zu erkennen geben will, marschiere schnurstracks durch die Schiffe. Ansonsten gilt: Der Weg ist das Ziel. Weil man sich aber nie auf einen Experten alleine verlassen sollte, sei die Laienfrage nochmals gestellt.
Wie verrät er sich, der Laie? - «Gehen wir die Sache umgekehrt an. Der Professionelle zeichnet sich dadurch aus, dass er vom ersten bis zum 15. Tag immer da ist. Der Laie hingegen fällt oft mit einem Halbwissen auf, das er vom Hörensagen hat. Wir werten das aber nicht und beantworten gerne alle Fragen.» Helmut Hanisch, Haecky Rheinach
Fazit: Wenn Sie den Önologen markieren wollen, nehmen Sie Messe-Ferien. Ansonsten stellen Sie Fragen und vertrauen auf die Geduld der Händler.
So viel zu den Basics. Aber auch wenn man einen Stand nun zielstrebig ansteuert, irgendwann steht man vor dem Händler, und der will wissen, was man möchte. Dann sitzt man auf dem Trockenen, den Weine sind eine Wissenschaft, und die Sprache ist es auch.
Wichtige Begriffe, um mitreden zu können, von «Rotwein», «Weisswein» und «Rosé» mal abgesehen? - Komplexität: «Wenn sehr viele Nuancen zusammenspielen. Fruchtig, elegant, weich . . .» - Terroir: «Das Zusammenspiel der Bodenbeschaffenheit, des Mikroklimas, die grossen Einfluss darauf haben, wie die Traube rauskommt.» - Herb: «Da gehts ums Tannin, den Gerbstoff, der einem die Schnurre zusammenzieht. Es konserviert den Wein, gibt ihm Stabilität, kann aber auch die Frucht kaputtmachen.» Zapfen: «Der Weinfehler, der meist daher stammt, dass der Korken mit Chemikalien gegen Schädlinge behandelt und nicht sauber ausgewaschen wurde.» Ralf Wider, Mövenpick Weine
Fazit: Über ein «Je m’appelle Jean»-Niveau sind wir noch lange nicht hinaus. Aber nun lockt die Praxis:
Wie degustiere ich richtig? - «Zuerst den Weissen, dann den Roten, zum Schluss den Dessertwein. Und nicht zu viel Brot essen. Rein technisch, halten Sie das Glas nicht am Bauch, sondern am Stiel oder Fuss. Dann schwenken, schnüffeln, immer wieder schnüffeln.» Heidi Büttikofer, Nauer Weine
Fazit: Wechseln Sie nie von Rotwein auf Weisswein. Eselsbrücke dafür: Nach Rot ist Weiss tot! Ansonsten gehts frisch gestärkt in den zweiten Theorieteil:
Was ist breitschultriger Wein? - «Der Begriff kommt von den Schulterpolstern, die einen Menschen voluminöser erscheinen lassen. Und so ists auch beim Wein. Ein Primitivo, böse gesagt, ein einfacher Pizzawein, wird mit trockenen Trauben zum breitschultrigen Primitivo, der seine Mitwerber überragt.» Marius Ammann, Caratello Weine
Fazit: Ein breitschultriger Primitivo ist also wie ein tiefer gelegter Golf und die Sprache eine, die man sich aneignen kann, aber nicht muss. Den entscheidend seien die Emotionen, sagt Weinhändler Ammann. Dann schenkt er einen Torre di Beati ein. Der schmecke nach «Leder, Stall, Pferde, Schweiss». Ich rieche nur Sattel.
Expovina bis 12. November. Bürkliplatz, Mo-Sa 12 bis 22 Uhr; Sonntag 12 bis 19 Uhr. Eintritt: 20 Franken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.10.2009, 12:34 Uhr


































