«Das Bistum Chur wird zur Sekte»

Von Michael Meier. Aktualisiert am 12.03.2010 7 Kommentare

Der Volketswiler Pfarrer Marcel Frossard bedauert den fehlenden Widerstand gegen Weihbischof Eleganti. Die offiziellen Vertreter der Zürcher Staatskirche würden kuschen, sagt er.

Erklärter Gegner von Eleganti: Marcel Frossard.

Erklärter Gegner von Eleganti: Marcel Frossard. (Bild: Doris Fanconi)

Artikel zum Thema

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Herr Frossard, Sie waren zu Haas’ Zeiten in der kantonalkirchlichen Exekutive, die dem ungeliebten Churer Bischof den Geldhahn zudrehte. Heute hat die Zürcher Kirche mit Vitus Huonder und Marian Eleganti konservative Bischöfe im Doppelpack. Warum regt sich kein Widerstand?
Es ist heute schlimmer als zu Haas’ Zeiten. Damals durfte ich feststellen, dass viele glaubwürdige Priesterkollegen gleich dachten wie ich. Ein grosser Teil des Klerus trug den Widerstand gegen Haas mit. Heute ist meine Generation nicht mehr da, einige haben geheiratet, andere sind gestorben oder nicht mehr aktiv in der Kirche. Ich wäre sofort bereit gewesen, wieder auf die Barrikaden zu gehen, diesmal gegen Marian Eleganti. Trotzdem wage ich das nicht mehr. Weil aus dem Klerus nichts kommt.

Und warum kommt nichts?
Die jüngeren Priester sind viel konservativer als früher. Kein junger Mann schlägt heute die priesterliche Laufbahn ein, der nicht sehr fromm und konservativ ist. Auch die vielen ausländischen Priester aus Polen oder Indien sind sehr hierarchiebewusst und konservativ. Und unter den Laientheologen gibt es viele Deutsche; die sind zwar nicht unbedingt konservativ, aber sehr vorsichtig. Sie haben Angst, dass ihnen gekündigt wird.

Auch an der Basis der Gläubigen regt sich kaum Widerstand.
Viele denken sich: Gegen Haas waren wir stark. Trotzdem ist die Restauration zurückgekehrt. Warum also sollte ich mich noch in dieser Kirche engagieren und gegen sie kämpfen? Lieber bin ich für mich selber unterwegs. Auch haben wir keine Jugendvereine wie Blauring und damit kein Rekrutierungsreservoir mehr. Die jungen Erwachsenen gehen eh weg von der Kirche. Zum Glück, muss man sagen. Denn in 100 Jahren wird es Rom hoffentlich nicht mehr geben. Die Kirche im Bistum Chur wird zur Sekte und dann auch verschwinden.

Der TA hat neulich publik gemacht, dass Eleganti 15 Jahre lang zu einer kirchlich verbotenen Gemeinschaft gehörte, die sich auf Privatoffenbarungen stützte und einem apokalyptischen Marienglauben huldigte. Ist ein solcher Mann überhaupt tragbar?
Sicher nicht. Muss sich jemand auf Offenbarungen berufen, ist das immer ein Mangel an Eigenverantwortung und Ich-Stärke. Für mich ist das schlimmste Dogma jenes der Inspiration. Schon wer die heiligen Schriften wörtlich nimmt, und noch schlimmer, wer sich auf Privatoffenbarungen beruft, nimmt Gott in Geiselhaft. Alle heiligen Schriften, ob Altes und Neues Testament oder der Koran, sind Produkte des Menschen und damit subjektiv.

Eleganti sagt gegenüber der Presseagentur Kipa, wer nicht selber im religiösen Dschungel ums Überleben gekämpft habe, der könne auch nicht die Rolle eines sicheren Führers übernehmen. Muss, wer ein guter Hirte sein will, mal in einer Sekte gewesen sein?
Das ist doch absurd. Überdies glaube ich nicht, dass sich die Frömmigkeit eines Menschen wandelt. Das Eingebundensein in bestimmte Frömmigkeitsformen ist ein Wesensbestandteil eines Menschen, da ändert er sich nie. Man kann das zwar überspielen und ein anderes Bild von sich geben, aber man bleibt immer derselbe. Eleganti wird gewiss überall nett und freundlich auftreten.

Also wird man einen Modus vivendi mit ihm anstreben?
Der Modus vivendi liegt in der Hand von Eleganti. Wenn er sich elegant durchschlängelt und sein Innerstes vor der Öffentlichkeit verbirgt, wird man ihm kaum etwas vorwerfen können. Es gibt bereits Leute genug, die sagen: Er ist doch ein umgänglicher Mensch, man muss ihm eine Chance geben.

Selbst der Synodalrat heisst Eleganti willkommen. Ist es nicht penibel, dass sich die kantonalkirchliche Exekutive zur sektiererischen Vergangenheit des Bischofs einfach ausschweigt?
Vielleicht ist noch zu wenig Zeit verstrichen seit der Publikation der Vorwürfe. Ich habe keinen Kontakt mehr zum Synodalrat. Aber es ist schon schlimm, wie jetzt alle kuschen. Hoffentlich kommt noch etwas. Ich bin allerdings skeptisch, ob der Synodalrat den Mut aufbringt, etwas zu machen.

Zum Beispiel dem Bischof den Finanzhahn zudrehen?
Das wäre schön. Nur glaube ich kaum daran. Bischof Haas in Chur konnten wir problemlos den Hahn zudrehen. Eleganti in Zürich den Finanzhahn zuzudrehen, das geht fast nicht. Man müsste ihn aus Zürich hinausjagen. Es wäre aber interessant, zu beobachten, wie die Zürcher Katholiken reagieren würden, wenn man dem Weihbischof den Geldhahn zudrehte. Eine gewaltige Mehrheit würde das sicher begrüssen, davon bin ich überzeugt, allerdings erst wenn es passiert ist. Auch traue ich dem Synodalrat den Mut zu diesem Schritt nicht zu.

Wie gehen Sie nun mit dieser Situation um?
Ich bin Priester in Volketswil und Greifensee. Und ich will hier glaubwürdig mit glaubwürdigen Menschen unterwegs sein. Ich mache das, was ich glaube verantworten zu können. So stelle ich mich auch gegen die Kirche. Kollektive Bussfeiern zum Beispiel biete ich trotz Verbot weiterhin an. Ich sehe nicht ein, warum das, was bei uns über Jahre legal war, plötzlich nicht mehr geht. Sollte Bischof Huonder zur Firmung in Volketswil weilen, wäre Marcel Frossard gewiss nicht da. Und Eleganti wird in Volketswil nie firmen, dafür werde ich sorgen. Sollte er sich ankündigen, darf er sicher sein, dass ich die Gläubigen vorgängig über seine Vergangenheit informieren werde. Und ich würde versuchen, die Firmlinge davon abzubringen, sich von ihm firmen zu lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2010, 07:50 Uhr

7

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

7 Kommentare

jonas graf

12.03.2010, 10:44 Uhr
Melden 1 Empfehlung

die kath. kirche entwickelt sich immer mehr zu einer rückwärts gewandten sekte. vor mehr als dreissig jahren zog ich die konsequenz und gab den austritt. die verlogenheit, die realitätsfremden ansichten, der umgang mit den befreiungstheolgen die sich für das volk einsetzten, das anbiedern der kirchenoberen mit diktaturen und der umgang mit andersdenkenden und –lebenden waren die auslöser… Antworten


Urs Dudli

12.03.2010, 09:26 Uhr
Melden

Danke Herr Frossard für Ihre klaren Worte. Ich gehöre seit längerem nicht mehr der katholischen Kirche an (Papst, Bischof Haas, etc.). Wenn die Kirche mehr Männer wie Sie hätte, die sich trauen Klartext zu reden, würde ich wieder beitreten. Aber ich gehe auch mit Ihnen einig, dass, wenn es so weitergeht, der Katholizismus keine Überlebenschance hat. Zum Glück. Hoffentich hören Sie viele Gläubige. Antworten



Zürich

Meistgelesen in der Rubrik Zürich

Lokalverzeichnis

Werbung

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?



Telefonbuch

Marktplatz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Dachdecker gelernt Bellini Personal AG, ZH

Dachdecker/-in Bellini Personal AG, ZH

Strategischer Einkäufer - Lead Buyer (m/w) yellowshark, Bern