Das Kloster Fahr nahm jüdische Frauen auf

Recherchen im Archiv brachten ein lange gehütetes Geheimnis ans Licht: Während des 2. Weltkrieges lebten Flüchtlinge im Frauenkloster. Dass darunter auch fast ein Dutzend Jüdinnen waren, passte nicht allen.

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Frater Thomas Fässler interessiert sich für Geschichte - und er kann als Einsiedler Mönch aus dem Vollen schöpfen. Im Archiv des Klosters, welches zurzeit neu geordnet wird, stiess er auf Akten, die eine bislang kaum bekannte Geschichte erzählen: In dem zu Einsiedeln gehörigen Frauenkloster Fahr lebten während des 2. Weltkriegs verschiedene Flüchtlinge - darunter auch 11 jüdische Frauen.

Schwester Regula Wolf ist die Seniorin im Benediktinerinnenkloster Fahr. Sie ist 93 Jahre alt und bei guter Gesundheit. Vor allem aber strahlt sie eine Zufriedenheit aus, die nur denjenigen eigen ist, die in sich selbst ruhen. Erinnert sie sich an die Flüchtlinge im Fahr? «Wir hatten nicht so viel mit ihnen zu tun, denn wir lebten ja in der Klausur.» Aber doch: Sie habe mit den Frauen aus Maisblättern Türvorleger gezöpfelt. «Ich habe ihnen gezeigt, wie das geht, und sie haben sich gefreut, dass sie etwas zu tun hatten.» Wie hat sie denn mit den Frauen geredet? «Mit Händen und Füssen, das ging ganz gut. Ich hab ihnen halt alles vorgemacht.»

Die von Frater Thomas gefundenen und im «Salve», der Zeitschrift der Gemeinschaften Einsiedeln und Fahr, zusammengefassten Akten sind etwas ausführlicher. Am 26. Oktober 1943 bestätigte ein Oberleutnant Spoendlin dem Fahrer Propst Anselm Knüsel, dass das Kloster sich bereit erklärt habe, per 1. November 14 weibliche Flüchtlinge aufzunehmen. Betreut würden sie vom Frauenhilfsdienst, der dem Kloster auch einen Beitrag von 5.50 Franken/Tag für Kost und Logis bezahlen werde.

Vermerk «hebr.» für hebräisch

Zwei Tage später ging beim Offizier für Flüchtlingswesen ein kurzes Schreiben des Propstes ein, in welchem er «für die Unterbringung der Leutchen» um Wolldecken bat, «da wir leider diese nicht stellen können». Die 14 Wolldecken wurden per Bahnfracht prompt geliefert. Zusammen mit der Bitte, den leeren Sack, in dem sie transportiert wurden, zu retournieren.

Am 2. November trafen sieben Frauen aus dem Flüchtlingsauffanglager Ringlikon (bei Uitikon) im Kloster Fahr ein. Drei über 60 Jahre alte Witwen, aber auch eine Frau mit ihrem drei Jahre alten Kind Giorgio. Bei fünf von ihnen wurde am Schluss «hebr.» vermerkt, hebräisch. Woher die weiteren sieben Frauen kamen, ist nicht bekannt. Die Priorin des Klosters, Oberin Elisabeth Galliker, schreibt bei einer späteren Gelegenheit, dass ursprünglich «vorwiegend ältere und gebrechliche Frauen, die den Aufenthalt in den Flüchtlingslagern gesundheitlich nicht aushalten», angekündigt waren.

Laut offizieller Mitteilung handle es sich mehrheitlich um Italienerinnen. Dann sei die Frage gestellt worden, ob es «untragbar wäre, wenn auch die eine oder andere Jüdin» dabei sei. Gekommen sind laut der Oberin Flüchtlinge aus fünf oder sechs Nationen, darunter 10 bis 11 Jüdinnen.

«Irgendwie haben wir das schon gewusst»

Wussten Regula und ihre Mitschwestern, dass die Mehrheit der Ankömmlinge jüdischen Glaubens waren? «Irgendwie haben wir das schon gewusst.» Und hat das sie gestört? «Das war bei uns kein grosses Thema - ich erinnere mich nur, dass Sr. Martha einmal so ungefähr gesagt hat: Aus Sicht dieser Juden sind wir halt jetzt die Heiden.»

Gestört hat es aber offenbar Leute in der Umgebung. So schreibt die General-adjutantur am 4. Januar 1944 an die Frau Oberin, man habe von dritter Seite vernommen, dass dem Kloster anstelle von «armen Frauen mit vielen Kindern, jüdische Frauen mit wenig Kindern, die anscheinend über Geldmittel verfügen» zugeteilt worden seien.

Die Oberin antwortete ausführlich: Das Kloster werde durch das «Flülager» so wenig behelligt «als ob es gar nicht existieren würde». Die Reklamationen stammten wohl eher von auswärts, «wo man sich z. T. etwas aufregte und auch uns des oeftern fragte: Warum duldet das das Kloster Fahr, dass man ihnen einfach das Haus voll Judenfrauen steckt.» Der FHD habe zudem Ordnung mit den Leuten - und das Ersuchen einiger Flüchtlinge, gegen Bezahlung gelegentlich ein Extra-Plättli zu erhalten, habe man strikt abgelehnt. «Wir geben allen gleich und gratis aus der Klosterküche, die genau gleiche Kost, wie sie wir auch haben.»

Da das Kloster Fahr am 1. Februar 1944 seine Bäuerinnenschule eröffnete und dafür Platz benötigte, mussten die 14 Flüchtlingsfrauen Anfang Februar anderswo untergebracht werden. Über ihren weiteren Verbleib ist nichts vermerkt. Sr. Regula erinnert sich nur, dass sie in Windeseile die Räume putzen musste - «die ich für die Schülerinnen schon tiptop parat gemacht hatte, bevor die Flüchtlinge kamen».

Hat sie gewusst, welches Schicksal die Juden in den von den Nationalsozialisten besetzten Ländern erlitten? So etwas gehört habe sie schon. «Doch wussten wir nicht richtig, was ausserhalb des Klosters vor sich ging. Wir hatten einfach Angst, dass wir auch drankommen.» Unter der Anleitung einer Schwester hatten sie aus Unterröcken Rucksäcke genäht und darin das Nötigste verstaut, um für einen plötzlichen Aufbruch bereit zu sein. Wohin wären sie denn gegangen? «Wir wussten nicht, wohin man uns gebracht hätte.»

Eine geheimnisvolle Gräfin

Bis zum Ende des Krieges kamen gelegentlich Kinder aus Deutschland und der Tschechoslowakei zur Erholung ins Fahr. «Ich habe mit ihnen Lieder gesungen», erzählt Sr. Regula. «Damit sie ein bisschen unsere Sprache lernen.» Und dann taucht in einem Brief des Propstes eine geheimnisvolle Gräfin auf. Er wehrt sich: Unter gar keinen Umständen wünsche man die «gen. Gräfin». Wenn schon Flüchtlinge, dann lieber eine «absolut seriöse ruhige Persönlichkeit, womöglich ein Mann, dessen Charakter und Verhalten nicht zum vornherein schon Anlass zu Besorgnis» biete. Der Propst fand offenbar kein Gehör. «Ja, eine Gräfin sei einmal hier gewesen», sagt Sr. Regula. Wer war sie? «Das wussten wir nicht, sie sprach englisch, wenn ich mich richtig erinnere. Und war eine ganze liebe Frau.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.04.2010, 14:46 Uhr)

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