Das Lehrstellenproblem nicht dramatisieren

Ein staatlicher Fonds soll den Lehrstellenmangel entschärfen. Die Idee hat einen Haken: Sie verärgert ausgerechnet jene, die Lehrlinge ausbilden sollten.

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Nach der obligatorischen Schulzeit bleiben im Kanton Zürich jedes Jahr 4000 Jugendliche ohne Lehrstelle. Das sind zu viele. Jugendliche ohne Perspektive sind einer reichen Gesellschaft unwürdig. Sie sorgen für Negativschlagzeilen, belasten die Sozialwerke und beschäftigen die Justiz. Regierung und Parlament haben nun eine Idee von Linken und Gewerkschaften aufgenommen, um das Problem besser in den Griff zu bekommen. Mit einem staatlichen Berufsbildungsfonds, der von ausbildungsunwilligen Unternehmen gespeist werden soll, wollen sie neue Lehrstellen schaffen. Doch die Hoffnungen, dass dies gelingt, werden sich kaum erfüllen.

Erfolgreiches Vorbild fehlt

Hauptgrund für die Skepsis ist die Ablehnung bei der Privatwirtschaft. Diese empfindet den «Förderbeitrag» als «Strafsteuer» und als «Zwangsabgabe». Es ist in der Tat unglücklich, wenn der Staat bei der Wirtschaft Geld einzieht, um sie damit zur Kooperation mit dem Staat zu motivieren. Glaubwürdiger und erfolgversprechender wäre es, wenn der Kanton den Fonds mit eigenem Geld ausstatten würde. Denn es ist wenig sinnvoll jene zu verärgern, die nachher die Lehrstellen schaffen sollen. Weiter gibt es kein wirklich erfolgreiches Vorbild. In der Westschweiz führen mehrere Kantone einen Berufsbildungsfonds. In keinem konnte eine markante Veränderung des Lehrstellenabgebotes festgestellt werden.

Branchenregeln für schwarze Schafe

Es ist zwar ärgerlich, wenn Firmen, die Lehrlinge aufnehmen könnten, dies nicht tun und sich damit einen vermeintlichen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Doch die Wirtschaft sollte solche «schwarzen Schafe» in den eigenen Reihen wenn schon selber zur Kasse bitten, wie dies in einzelnen Branchen bereits getan wird. Zudem darf nicht vergessen werden, dass jedes Jahr viele Lehrstellen offen bleiben, weil die Firmen keine genügend qualifizierten Lehrlinge finden. Der Kanton sollte sich darum vor allem darauf konzentrieren, schwache Schulabgänger fit zu machen für eine Lehre. Zu Recht investiert er mehr in die Brückenangebote. Vielleicht müsste die Politik auch darüber nachdenken, neue Abschlüsse für die ganz schwachen Schüler zu schaffen, für die sowohl ein Lehrabschluss wie auch ein Berufsattest zu anspruchsvoll sind. Wir sollten das Lehrstellenproblem nicht dramatisieren. Wer nämlich über die Grenzen schaut, stellt fest: Nirgends ist die Jugendarbeitslosigkeit so klein wie bei uns. Zu Recht sind wir stolz auf unser einzigartiges duales Berufsbildungssystem, in dem die Jugendlichen vom Staat Allgemeinbildung und Theorie vermittelt bekommen und gleichzeitig von privaten Lehrfirmen in die praktische Arbeit eingeführt werden. Das System funktioniert, weil die Firmen ihre Verantwortung wahrnehmen. In den vergangenen Jahren der Hochkonjunktur haben sie die Zahl der Lehrstellen markant erhöht – wohl nicht aus Menschenliebe, sondern weil sie ein vitales Interesse an gutem Nachwuchs haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2008, 08:09 Uhr

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