«Das Mädchen beisst in die Matratze und kratzt sich selbst»
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 02.08.2011 65 Kommentare
Umfrage
Soll man Asylsuchende mit Kleinkindern bis 60 Tage in der Transitzone festhalten dürfen?
Ja, gleiches Recht für alle
Nein, das ist für Kinder unzumutbar
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1810 Stimmen
49 Tage ohne frische Luft: Die zwei Mädchen der fünfköpfigen palästinensischen Asylbewerberfamilie. (Bild: zvg)
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Die drei Kinder waren während der gesamten Zeit in der Asylunterkunft nie richtig draussen. Hat dies die Kleinen verändert?
Zwar bin ich kein Kinderpsychologe, aber ich denke, das Spielverhalten der Kinder ist nicht mehr dasselbe. Auf der ganzen Welt haben Kinder eines gemein: Sie brauchen Freiheit, haben Lust aufs Spielen an der frischen Luft. In der Asylunterkunft schauen sie immer die gleichen Wände an und müssen auf dem nackten Betonboden spielen. Ich glaube, bei ihnen setzte eine Art hoffnungslose Langeweile ein.
Verhielten sich die Kinder mit der Zeit auffällig?
Das Baby merkt vielleicht noch nicht viel. Es kann ja noch kaum laufen. Der Platz reicht für das Baby auch aus. Der dreieinhalbjährige Junge ist völlig still. Er redet nicht, schaut oft ins Leere. Er ist einfach komplett traurig. Das zweieinhalbjährige Mädchen ist unbeherrscht und aggressiv. Es schreit oft sinnlos, beisst in die Matratze oder kratzt sich selbst. Zwar nicht bis es blutet, aber dies kann ein Zeichen von Belastungsstörung sein.
Gibt es denn spezielle Angebote, um den Kindern den Aufenthalt zu erleichtern?
Die gibt es nur sehr beschränkt. Aber mehr ist auch kaum möglich. Die Angestellten im Asylzentrum leisten einen grossartigen Job. Sie schauen, dass die Familie selbst für sich das Essen bereitstellt, sie bringen Spielzeug für die Kleinen. Aber Sie müssen sich die Arbeit als sehr lebendig und anspruchsvoll vorstellen. Neben der Betreuung der Asylbewerber gibt es viel Administratives zu erledigen. Ständig kommen E-Mails und Faxe mit neuen Informationen zu den einzelnen Menschen herein. Es müssen Abklärungen gemacht werden. Da bleibt kaum Zeit, mit den Kindern zu spielen. Auch die anderen Asylbewerber wollen sich nicht mit Kindern abgeben. Deren wichtigstes Ziel ist es, in der Schweiz zu bleiben. Für die Beamten ist es auch nicht einfach, mit solchen Situationen umzugehen. Sie haben vielleicht auch Mitleid, dürfen dieses aber nicht zeigen.
Und die Eltern?
Der Vater ist nun in Ausschaffungshaft. Die Mutter ist meiner Meinung nach depressiv. Sie kann nichts machen, weder putzen noch kochen. Sie sitzt oft apathisch auf ihrem Bett oder tigert nervös herum. Die Kinder spüren dies natürlich auch und können nicht begreifen, weshalb es ihrer Mutter so schlecht geht.
Wird die Mutter psychologisch behandelt?
Nein, aber dies wäre auch sehr schwierig. Sie müssen sehen, dass viele Kulturen eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung gar nicht kennen. Für sie ist dies ein völliger Kulturschock. Sie fühlen sich von diesen eindringlichen Fragen bedroht. Ich habe dies selbst erlebt, wenn ich früher bei Notfällen zum Einsatz kam. Menschen in patriarchalen Strukturen sind oft nicht gewohnt, zu anderen über ihre wahren Gefühle zu sprechen.
Nun ist die Familie – ohne den Vater – in einer Notunterkunft untergebracht. Wird dies die Situation der Kinder verbessern?
Ich denke ja. Sie müssen zwar auch dort bleiben, dürfen nun aber regelmässig an die frische Luft, haben mehr Bewegungsfreiheit. Ich denke, das ist positiv. Bei der Mutter bin ich allerdings unsicher. Es scheint, als sei sie im Moment völlig unselbstständig.
Kommt es oft vor, dass Kinder so lange in der Unterkunft festgehalten werden?
Nein, zum Glück sehr selten. Das ist der erste Fall, den ich erlebt habe. Es gab aber auch schon einen achtjährigen Jungen, der ohne Verwandte am Flughafen Zürich strandete. Seine Schlepper hatten ihn einfach stehen lassen. Dem ging es auch sehr schlecht. Das Rote Kreuz konnte dann aber einen Onkel ermitteln. Das leistet auch grossartige Arbeit und findet oft Leute, die praktisch verschollen sind.
Weshalb verkürzt man die Aufenthaltszeit bei Familien nicht?
Man muss klar sagen, dass es nicht im Interesse der Behörden ist, die Asylbewerber lange festzuhalten. Oft lügen diese, um in der Schweiz bleiben zu können. Sie machen falsche Angaben zu ihrer Person oder haben gefälschte Papiere. So ist es sehr schwierig die wahre Identität zu ermitteln. Den Asylbewerbern ist es egal, wenn es lange dauert. Sie wollen ja in der Schweiz bleiben.
Aber müsste man bei Kindern nicht eine Lösung finden, damit sie regelmässig draussen spielen können?
Ich denke tatsächlich, dass man eine wesentlich verfeinerte Politik anwenden und Familien vielleicht anders behandeln sollte als die übrigen Asylsuchenden. Aber dies birgt die Gefahr in sich, dass Asylbewerber ihre eigenen oder gar fremde Kinder dazu missbrauchen, in der Schweiz besser behandelt zu werden. Hier darf sich der Staat nicht erpressen lassen. Sie wissen ja, dass Asylbewerber alles tun, um hier zu bleiben. Es wäre sehr schwierig, hier die Spreu vom Weizen zu trennen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.08.2011, 12:22 Uhr
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65 Kommentare
War ja klar, dass das noch kommt. Nur schade für die Red., dass es nicht mehr Fotos zur Auswahl hatte, ansonsten hätte man bestimmt noch eines finden können, auf welchem das Mädchen weint (Kinder weinen auch mal ab und zu). Das hätte noch viel besser zur Meinungsmachung beitragen können. Antworten
Ich hatte als Kind oft Hunger, weil ich mich geweigert habe das Essen was auf den Tisch kam zu essen. Oft waren dies Innereien von Schweinen oder anderes grusliges Zeugs, weil wir als arme CH Arbeiterfamilie kein Geld hatten (oder zumindest zuwenig). Nun wollen uns die Medien und CH Politik weismachen mit jeder hergereisten ausländischen Familie besser zu verfahren, als wir es einst hatten.....??? Antworten

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