Das Rätsel der schlaflosen Zürcher

Unabhängig voneinander wurden Frauen und Männer im ganzen Kanton um ihren Schlaf gebracht. So viel vorweg: Der Vollmond war diesmal nicht schuld.

Der Mond leuchtete in den fraglichen Nächten nur mit halber Intensität. Bild: Reuters

Der Mond leuchtete in den fraglichen Nächten nur mit halber Intensität. Bild: Reuters

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Ein ordentliches Mass Skepsis gegenüber vermeintlich mysteriösen Vorfällen ist eine Tugend, gewiss. Aber man müsste schon ziemlich kaltschnäuzig sein, den aktuellen Zürcher Fall einfach mit dem grobstofflich gewobenen Wischtuch der Vernunft vom Tisch zu fegen, ohne zumindest einen Augenblick zu zögern. Wenn fünf unverdächtige Zeitgenossen unabhängig voneinander vom Gleichen berichten: Ist das nicht mehr als nur ein Zufall? (Für den Journalisten, von Statistik und Wahrscheinlichkeit unbeeindruckt, ist sowieso klar: Fünf sind ein Massenphänomen.)

Passiert ist es in der Nacht vom 4. auf den 5. Januar und dann erneut in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar. In vielen Betten im Kanton Zürich lagen die Menschen zunehmend verkrampft und fochten einen stillen Kampf bis in die frühen Morgenstunden. Sie suchten den Schlaf und fanden ihn nicht. Um Missverständnisse auszuschliessen: Wir sprechen nicht von Leuten, die unter Schlafstörungen leiden. Im Gegenteil. Eine der Betroffenen beteuert, dass sie sonst immer einschlafe, bevor sie die Bettdecke ganz nach oben gezogen habe.

Das Magnetfeld bewegt sich

Wir nehmen deshalb die Sache ernst und forschen nach Ursachen. Systematisch, vom Erdkern bis ins Weltall. Erste Verdächtige ist jene gewaltige Metallkugel im Zentrum unseres Planeten, die den Erdmagnetismus verursacht. Den können Bienen, Vögel und Kühe wahrnehmen – warum also nicht auch Menschen? Zumal sich das Magnetfeld in jüngster Zeit rasend schnell verändert hat: Der magnetische Nordpol wandert derzeit fast 50 Kilometer pro Jahr. Da stimmt vielleicht die Ausrichtung des Körpers im Bett plötzlich nicht mehr. Bloss: Von einem Zwischensprint des Pols um den 5. Januar ist nichts bekannt.

Die Verdächtige Nummer zwei ist die Erdkruste. Wenn die sich bewegt und der Planet quasi subkutan rumpelt, könnte das feinfühlige Geister sicher um den Schlaf bringen. Und tatsächlich registrierte der Erdbebendienst in den besagten Nächten Erschütterungen im Engadin und im Wallis. Sie waren aber so gering, dass sie als nicht wahrnehmbar gelten – nichts, was es in anderen Nächten nicht auch gibt.

Von Druckabfall und Alpinismus

Dritte Verdächtige ist die Erdatmosphäre. Genauer: Das Wetter, das in ihr stattfindet. Der Meteorologe warnt zwar davor, das sogenannte Biowetter, mit dem er viele Zeitungen beliefert, allzu ernst zu nehmen. Die wissenschaftliche Grundlage sei dünn. Aber es gibt ja auch harte Fakten wie den Luftdruck. Just zum Jahreswechsel ist jenes Hochdruckgebiet zusammengefallen, das Zürich den ganzen Dezember im Griff hatte. Tiefstwerte folgten um den 4. Januar.

Nun weiss jeder Berggänger mit Höhenerfahrung: Bei tiefem Druck fällt das Schlafen schwer. Allerdings betrug der Druckabfall in Zürich gerade mal 40 Hektopascal. Das entspricht einer Höhendifferenz von gut 300 Metern. Wer deshalb unruhige Nächte verbringt, müsste sich schon auf dem Uetliberg im Schlaf wälzen wie andere am Fuss des Everest.

Krank vom Apogäum

Als Viertes ist der übliche Verdächtige in Fällen qualifizierter Schlafberaubung an der Reihe, der Mond. Voll war er in den fraglichen Nächten nicht, so viel vorweg. Aber etwas anderes fällt auf: Auf seiner eigenwilligen Umlaufbahn um die Erde ist er uns mal näher, mal ferner. Und so weit raus ins All wie Anfang Januar wagt er sich nur alle vier Wochen. Über 404’000 Kilometer waren es diesmal – der hübsche Fachbegriff dafür heisst «Apogäum» und er klingt wie etwas, was krankmacht.

Wenn uns die Erdanziehung mangels lunarem Ausgleich plötzlich tiefer in die Matratze drückt als sonst, kann es schon sein, dass man plötzlich von akuter Mondverlustangst gepackt wird. (Ein Syndrom allerdings, das noch der Entdeckung durch die Wissenschaft harrt. Bei der Zürcher Urania-Sternwarte jedenfalls ist die Antwort auf die Frage nach schlafraubenden Himmelskörpern: schallendes Gelächter.)

Kommen wir also vom schwarzen Kosmos zurück ins traute Heim. Denn dort vermuten die Schlafexperten der Zürcher Kliniken die Lösung des Rätsels. Wer während der ausgedehnten Festtagszeit seinen Schlafrhythmus nach Art der Eule verschoben hat, müsse sich nicht wundern, dass der Körper in der ersten Arbeitswoche mit der plötzlichen Wiederumstellung Mühe bekundet. Diese Arbeitswoche begann – genau – am 4. Januar. Und wenn dann noch eine Prise Mondverlustangst hinzukommt ... (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.01.2016, 11:54 Uhr)

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