Das gehört unter Denkmalschutz

Was die TA-Leserinnen und -Leser schützen wollen, gefällt meist auch den Fachleuten. Für die offene Rennbahn treten sie sogar in den Fettnapf.

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«Was würden Sie unter Schutz stellen?», fragte der «Tages-Anzeiger» vor den Sommerferien. Rund fünfzig Vorschläge gingen ein. Gleich mehrfach genannt wurde die offene Rennbahn in Oerlikon. Peter Baumgartner, stellvertretender kantonaler Denkmalpfleger, bekommt glänzende Augen, als er dies erfährt. Schon erzählt er von der Aera Kübler und Koblet, schiebt dann aber seine Bubenträume zur Seite und wird zum Fachmann: «Ein hochgradiges Schutzobjekt, meiner Meinung nach sogar in einem nationalen Kontext von Bedeutung, da es kaum mehr so authentische Sportstätten in der Schweiz gibt.»

Ihm ist klar, dass er mit seinen Worten mitten im Fettnapf steht, denn die Stadt Zürich hat mit diesem Areal immer wieder mal anderes vor - zurzeit laufen Diskussionen um ein Eishockeystadion. Die Interessengemeinschaft Offene Rennbahn, welche dort in den warmen Monaten jeden Dienstag Rennen organisiert, hat mit der Stadt einen Pachtvertrag bis 2010 - laut Alois Iten mit einer Option bis 2012. Was dann kommt, steht in den Sternen. Die offene Rennbahn steht auf der roten Liste des Heimatschutzes, doch hat diese keine Verbindlichkeit. Der Stadtrat hatte die Rennbahn unter Federführung von Ursula Koch aus dem städtischen Denkmalschutz-Inventar entlassen.

Alter Güterbahnhof

Peter Baumgartner spricht nun diplomatisch von einer «Güterabwägung», welche Sache der Politik und nicht des Denkmalschutzes sei. Eine solche Güterabwägung habe auch dazu geführt, dass der alte Güterbahnhof an der Hohlstrasse dem neuen Polizei- und Justizgebäude weichen müsse. Auch dieser wurde von mehreren Tagi-Lesern als Schutzobjekt vorgeschlagen. Baumgartner: «Die Denkmalpflege hat sich - als eine Unterschutzstellung zur Frage stand - sehr dafür eingesetzt und ist unterlegen.» Die Sache sei leider gelaufen. Genauso wie das ebenfalls mehrfach vorgeschlagene Wohlfahrtsgebäude der Sulzer in Oberwinterthur - es weicht einer Wohnüberbauung.

Verschiedene Leserinnen und Leser schlugen ganze Siedlungen vor, die geschützt werden sollten. Am interessantesten scheint Baumgartner die Kolonie Zelg in Witikon. Das Thema ist aktuell, denn viele der vorab in den 30er-Jahren erbauten Siedlungen sind heute renovationsbedürftig und weichen daher Neubauten. Doch habe die Denkmalpflege der Stadt Zürich recht viele solche Wohnsiedlungen ins Inventar aufgenommen, sagt Baumgartner. Der Erismannhof, das Riedtli. Dass das ein schwacher Trost für jene Mieterinnen und Mieter ist, die ihre meist bescheidenen, aber günstigen und stimmungsvollen Wohnungen verlassen müssen, ist ihm klar.

Ein Tearoom erhalten

Ins Schwärmen geraten Baumgartner und der Historiker Markus Stromer, der auch in der Wettbewerbsjury sitzt, beim Anblick des Spychers an der Hörnlistrasse in Dällikon (Bericht rechts). «Ein schönes Objekt, das eine gefährdete Gattung darstellt, die der Wirtschaftsgebäude.» Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Häuser verschwinden, ohne dass man bei der kantonalen Denkmalpflege davon erfahre, sei sehr gross.

Die Bahnstation Ettenhausen-Emmetschloo müsse unbedingt erhalten bleiben, schreibt ein Leser. Er trifft auf offene Ohren: «Das ist die letzte noch im Original vorhandene einstöckige und reine Bahnstation der Uerikon-Bauma-Bahn.» Handlungsbedarf orten die beiden Fachexperten auch im Zusammenhang mit dem Vorschlag, das Café Ernst an der Bahnhofstrasse ins Inventar aufzunehmen. «Ein oder zwei dieser typischen Tea-Rooms aus den Fünfzigern sollten unbedingt erhalten bleiben.» Baumgartner nennt auch das Café Kern beim Milchbuck.

Erotikshop ist geschützt

Man soll den Kubus am Limmatquai, Höhe Rudolf-Brun-Brücke unter Schutz stellen (einstiges Hug-Gebäude), in dem ein Erotikladen seine Ware feilbietet. Der Vorschlag ist allerdings ironisch gemeint: «Dass dieser Bau überhaupt bewilligt worden ist, wundert mich seit Jahren», ereifert sich der Leser. Baumgartner schmunzelt: «Der Kubus steht schon unter Schutz.» Es gehe nicht darum, ob der Bau schön oder hässlich sei. «Das Haus ist zeugnishaft für seine Zeit.» Ebenfalls kaum ernst gemeint war der Vorschlag, das Globus-Provisorium in das Inventar aufzunehmen. Doch hier gerät der Denkmalpfleger ins Feuer: «Unbedingt schützenswert, geschichtsträchtig - wir haben sonst kaum etwas, was die 68er-Jahre repräsentiert.» Er sei zudem aus architektonischer Sicht von Bedeutung, gebaut vom gleichen Architekten wie das Hallenstadion. «Auch steht er für die Dauerhaftigkeit von Provisorien.»

Kurzkommentare zu andern Leser-Vorschlägen: Das Restaurant Schönau Erlenbach soll öffentlich zugänglich bleiben: «Es steht unter Schutz, doch die Nutzung können wir nicht vorschreiben.» Schipfe: «Ist nicht gefährdet, das Ortsbild ist geschützt.» Unteres Seebecken: «Gespräche zwischen Stadt und Kanton über planungsrechtliche Grundlagen sind im Gang.» Das werde sicher wieder zu reden geben, wenn sich das Plattformrestaurant konkretisieren sollte. Der Bunker an der Bergellerstrasse in Wipkingen: «Schade, dass das darin eingerichtete Zivilschutz-Museum so wenig bekannt ist.» Doch seien einige Bunker oder Festungsanlagen geschützt: Der Bunker unter dem Hardturm, die Bunker im Arboretum, die Festungslinie in Birmensdorf/Urdorf.

Man solle das Gesamtwerk des 2007 verstorbenen Architekten André Studer unter Schutz stellen, heisst es in einer gut dokumentierten Einsendung. Studer hat so augenfällige Bauten wie die Andreas-Kirche in Uster und die Elisabethen-Kirche in Kilchberg entworfen. Eine Inventarisierung des Gesamtwerkes sei aber unrealistisch, meint Baumgartner. Doch sei es möglich, dass Referenzbauten eines bedeutenden zeitgenössischen Architekten geschützt würden. Baumgartner ärgert sich darüber, dass in jüngster Zeit beachtenswerte Bauten aus den 50er-Jahren umgebaut werden, ohne deren meist noch lebende Architekten beizuziehen.

Weitere Vorschläge: Das 100-jährige Ensemble mit Schreinerei an der Kreuzung Greblerweg/Diggelmannstrasse in Albisrieden. Der Tessinerkeller. «Die Räuberhöhle!», rufen Baumgartner und Stromer unisono. «Bei solchen Objekten geht es aber mehr um die Ambiance als um die Baustruktur.» Und diese Ambiance lebe primär von den Menschen, die dort wohnten - und diese könne man leider nicht unter Schutz stellen.

Fotoautomat und Regentonne

Mehrfach als unbedingt schützenswert genannt wurde die Polizeikanzel am Central, die Baumgartner im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» selbst ins Gespräch gebracht hatte. Solche Alltagsobjekte seien als Zeugen für eine bestimmte Zeit äusserst wichtig und bildhaft. Deshalb gefällt ihm auch der Vorschlag, den Schwarz-Weiss-Fotoautomaten an der Goldbrunnenstrasse 128 unter Schutz zu stellen. Allerdings sei dies kaum möglich, da man den Betreiber nicht dazu verpflichten könne, ihn zu erhalten, wenn er nicht mehr rentiere. Markus Stromer regt daher an: «Ins Fotomuseum Winterthur damit.»

Als schützenswert vorgeschlagen wurden auch verschiedene einzelne Gegenstände: Von der Schleusenkurbel bis zur Regentonne. Peter Baumgartner verweist mit sichtlichem Vergnügen auf die Studiensammlung der kantonalen Denkmalpflege: Dort steht ein original Ochsnerkübel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2008, 11:27 Uhr

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