Zürich

«Das ist staatlich gefördertes Littering»

Von Hélène Arnet. Aktualisiert am 10.08.2009

Die neuen S-Bahnen werden in den Zweitklassabteilen keine Güselkübel mehr haben. Der ehemalige kantonale Abfall-Chef zeigt dafür gar kein Verständnis.

Ein Experte warnt davor, die Zahl der Abfallkübel in der S-Bahn zu reduzieren.

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Bild: Nicola Pitaro

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Christoph Maag, einst Chef des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel), fährt dem ZVV und den SBB hart an den Karren. In einem Brief an den Verkehrsrat und an ZVV-Direktor Franz Kagerbauer ärgert er sich über das Vorhaben von SBB und ZVV, bei den neuen S-Bahnen, die ab 2012 in Betrieb gehen, auf Abfallkübel in den Zweitklassabteilen zu verzichten. «Auf einen kurzen Nenner gebracht kann das, was geplant ist, nicht anders als staatlich organisiertes Littering bezeichnet werden.» Damit werde der Abfall einfach auf den Sitzen und auf dem Boden liegen bleiben oder nach dem Aussteigen auf den Perrons entsorgt, ist der pensionierte Abfall-Chef des Kantons überzeugt.

«Der Konflikt ist vorprogrammiert»

Insbesondere schneide sich der ZVV damit ins eigene Fleisch, weil in den Bonus/Malus-Verträgen mit den SBB nicht nur der Pünktlichkeit, sondern auch der Sauberkeit in den Zügen ein grosses Gewicht beigemessen werde. Maag: «Der Konflikt ist vorprogrammiert.»

Laut Beatrice Henes, Mediensprecherin des Zürcher Verkehrsverbundes, werden auch solch harsche Reaktionen von Experten den Entscheid, in den neuen Zügen auf die Abfallkübel zu verzichten, nicht umstossen. «Es handelt sich dabei jedoch um einen Test, der zudem momentan nur die neuen S-Bahnen betrifft.» Momentan? «Sollte sich der Testlauf bewähren, könnten wir uns durchaus vorstellen, auch in der bestehenden Flotte auf Abfallkübel in den Zweitklassabteilen zu verzichten.»

Nicht zu Littering erziehen

SBB und ZVV argumentieren, dass die Fahrgäste damit mehr Beinfreiheit erhalten. Ausserdem vermerkt die SBB-Zeitung, dass es kostengünstiger sei, den Boden zu säubern, was ohnehin täglich anstehe, als zusätzlich noch all die kleinen Abfallkübel zu leeren. «Alle Züge weisen aber Abfallkübel auf den Zwischendecks und beim Eingang auf», betont Henes. «Wir gehen daher nicht davon aus, dass der Abfall auf dem Perron entsorgt wird, weil jeder Fahrgast beim Verlassen des Zugs an einem Kübel vorbeikommt.»

Christoph Maag warnt aus Erfahrung davor, auch nur versuchsweise auf die Abfallkübel zu verzichten. «Ist das Publikum einmal zum Wegschmeissen erzogen, ist der Rückweg mehr als steinig.» Littering sei ein gesellschaftliches Problem, dem man leider ziemlich hilflos gegenüber stehe. «Umso mehr müssen wir uns bemühen, durch leicht zugängliche Einrichtungen mindestens den gutgesinnten Teil unserer Gesellschaft zu veranlassen, unsere Umwelt nicht zu verschmutzen.»

Im Minimum Plastiksäcke

Maag verweist auf die Berner S-Bahn, welche in den Abteilen Halter mit abreissbaren Plastiksäcken für den Abfall aufweisen. «Die Variante Plastiksack mit Mülltonnen auf allen Fahrzeugebenen ist das Minimum.»

«Die SBB und der ZVV haben verschiedene Abfallkonzepte geprüft», betont Henes. «Keines war zufriedenstellend.» Ausserdem habe man 2003 einen Versuch mit abreissbaren Plastiksäcken in der S-Bahn durchgeführt. «Mit dem Resultat, dass wir eine neue Abfallquelle schufen, weil einzelne Fahrgäste alle Säcke abgerissen und wild verstreut hatten.»

Bewährt sich der Test, verschwinden die Güselkübel auch aus den alten Zügen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2009, 23:27 Uhr

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