«Das ist wie eine fristlose Entlassung»
Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 25.10.2011 35 Kommentare
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Seine roten Backen täuschen. Urs Hany hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Kürbissuppe, die ihm seine Frau Maya anbietet, lehnt er ab. Seit gestern Abend isst er nicht mehr. Seit ihn Kollegin Barbara Schmid-Federer überholt und auf den dritten Platz der CVP-Liste durchgereicht hat. Am Ende fehlten 394 Stimmen oder ein Promille zur Wiederwahl. Und das trotz Ständeratskandidatur und zweitem Listenplatz.
Noch schlimmer: Für Urs Hany, den 56-jährigen Bauingenieur mit dem gemütlichen Äusseren und zupackenden Stil, ist die Abwahl eine mehrfache Niederlage. Er war Wahlkampfleiter der CVP Zürich und Vizewahlkampfchef der CVP Schweiz. Hany war schon Wahlkampfmanager von CVP-Regierungsrat Hans Hollenstein, der im Frühling ebenso überraschend abgewählt wurde. «Politik kann brutal sein», sagt er.
Auf dem Zielstrich abgefangen
Urs Hany, seit 30 Jahren in der Politik und seit fünf Jahren in Bern, hat mit seiner Abwahl nicht gerechnet. Für seine Auftritte an den Podien bekam er gute Noten: bodenständig, volksnah, ein versierter Verkehrspolitiker. Als Ständeratskandidat hätte er den ersten oder zweiten Platz auf der Nationalratsliste verteidigen müssen. Doch Barbara Schmid-Federer, die zehn Jahre jüngere Senkrechtstarterin, hat ihn auf dem Zielstrich abgefangen. Ihren Vorsprung holte Schmid-Federer in der Stadt Zürich. «Sie verkörpert eine neue, urbanere Generation – und das ist gut so», sagt Hany. «Für Barbara wäre die Abwahl ein mindestens so grosses Desaster gewesen.»
Der Nationalrat war für Hany ein 70-Prozent-Job, weil er in drei Kommissionen sitzt. Den Nationalratssaal, den er am 30. September verliess, wird er nie mehr von innen sehen. Ab 5. Dezember, dem Beginn der nächsten Session, ist Hany Alt-Nationalrat. «Eine Abwahl ist wie eine fristlose Entlassung», sagt er – mit dem Unterschied, dass man nicht einmal auf einen Chef oder eine Firma sauer sein kann. Dem Volk kann er nicht zürnen. «Im Gegenteil», sagt Hany, «für Wähler, die etwas Neues probieren, habe ich ein gewisses Verständnis.»
Wenigstens hat Hany keine Existenzängste. Er hat seine Baufirma, die auf Tunnelsanierungen spezialisiert ist, vor zweieinhalb Jahren verkauft. Heute ist er noch Präsident der Infra, der Organisation von 250 Bauunternehmen im Infrastrukturbau. Und er sitzt im Zentralvorstand des Schweizer Baumeisterverbands. Das alles entspricht etwa einem 25-Prozent-Job. «Reich bin ich nicht», sagt Hany, «und ich könnte es mir nicht leisten, bis ans Ende des Lebens Däumchen zu drehen.»
Autovignette als Stolperstein?
Was Urs Hany mit den Hunderten von Stunden freier Zeit macht, weiss er noch nicht. «Jetzt kannst Du wenigstens ans Humorfestival Arosa mitkommen», sagt seine Frau Maya. Nicht schaden würde es auch, so Hany, ein paar Stunden für Sport und Erholung zu investieren. «An meiner Gesundheit habe ich in den letzten Monaten etwas Raubbau betrieben.» Gut gemeinte Ratschläge wie «neue Chance» und «neue Herausforderung» mag Urs Hany gar nicht mehr hören. «Ich bin 56 Jahre alt. Da ist alles nicht mehr so einfach.»
Eines ist klar und «Ehrensache»: An sämtlichen Kommissionssitzungen nimmt er noch teil. Zum Beispiel, wenn es in der Verkehrskommission um die Bahnreform geht. Sein Engagement für eine zukunftsträchtige Verkehrsfinanzierung hat Hany möglicherweise die Wiederwahl gekostet. Denn die Verteuerung der Autobahnvignette von 40 auf 100 Franken ist seine Idee. Er hat sich auch klar gegen einen Ausbau der Pisten am Flughafen ausgesprochen. Bei ACS, TCS und im Gewerbeverband kamen diese Engagements nicht gut an.
«Die 394 Stimmen sind ein Zufallsmehr», sagt Hany. Im Gegensatz zu Barbara Schmid-Feder, die auf Facebook 3663 Freunde hat, ist Hany in den sozialen Medien nicht präsent. «Ich finde solche Sachen oberflächlich», sagt er, «und ich hätte dafür auch gar keine Zeit.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.10.2011, 10:22 Uhr
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35 Kommentare
Mitleid ist keines angebracht. Hany war ein Blocher-Abwähler. Jetzt soll er die Erfahrung mal selber machen. Für Parlamentarier eines anderen Kantons als Zürich wäre es undenkbar, einen Bundesrat des eigenen Kantons abzuwählen. Er hat damit Zürich geschadet. Auch sein stures Flughafen-Bauverbot schadet Zürich als Wirtschaftsstandort. Ich hoffe, er bleibt der Politik in Zukunft fern. Antworten

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