«Das schlimmste Szenario»

Die Präsidentin der Kesb Winterthur erklärt, weshalb der Fall Flaach so aussergewöhnlich war. Heute könne zudem jeder Kesb-Entscheid zur medialen Skandalstory werden, sagt sie.

Das Dorf Flaach im Bezirk Andelfingen steht für einen der schlimmsten sich vorstellbaren Fälle von Familientragödie. (5. Januar 2015)

Das Dorf Flaach im Bezirk Andelfingen steht für einen der schlimmsten sich vorstellbaren Fälle von Familientragödie. (5. Januar 2015) Bild: Urs Jaudas

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Frau Fischer, wie haben Sie als Präsidentin der Kesb Winterthur-Andelfingen den Fall Flaach vor rund einem Jahr erlebt?
Ein Kindesschutzverfahren, während dem die Mutter ihre zwei Kinder tötet, ist das schlimmste Szenario, das man sich als Behördenmitglied vorstellen kann. Zur Bestürzung über den Tod von zwei Kindern und das Leid der Angehörigen kamen unmittelbar danach Drohungen an die Behörde und massivste Schuldzuweisungen hinzu. Die Belastung war ausserordentlich hoch.

Die Kesb war im Zusammenhang mit diesem Fall medial stark präsent. Wie wirkt sich das seither auf Ihre Arbeit aus?
Die Auswirkungen sind leider vor allem in den ohnehin schwierigen und komplexen Fällen gross. Betroffene Eltern misstrauen uns, weil sie mit einer unmenschlichen und allmächtigen Behörde rechnen. Zuerst müssen wir ihre Ängste und falschen Vorstellungen abbauen, bevor wir konstruktiv arbeiten können.

Wie gehen Sie das an?
Wir informieren sie beispielsweise darüber, dass jeder Entscheid der Kesb an die nächsthöhere Instanz weitergezogen werden kann. Nur schon diese Botschaft ist von grosser Bedeutung.

War grosser Kritik ausgesetzt: Die Kesb Winterthur-Andelfingen. (Bild: Urs Jaudas)

Können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen?
Eine Mutter wird zu einem Gespräch eingeladen, weil die Kesb einen Polizeirapport über einen Gewaltvorfall des Vaters gegenüber der Mutter erhielt. Die Mutter hat deshalb grosse Angst, dass ihr umgehend ihr Kind weggenommen wird. Es braucht sehr viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen, um der Mutter ihre Ängste zu nehmen und sie zu einer Zusammenarbeit mit der Kesb zu bewegen – zum Wohle ihres Kindes.

Konkret stand Ihre Sektion in der Kritik. Wie hat sich der Umgang mit schwierigen Klienten verändert?
Indem sich diese bestätigt fühlen in ihrer Angst oder Ablehnung gegenüber der Kesb. Schon früher wurde uns mit dem Gang an die Öffentlichkeit gedroht, wenn jemand mit einem Entscheid der Kesb beziehungsweise der damaligen Vormundschaftsbehörde nicht einverstanden war. Heute dürfen diese Personen jedoch damit rechnen, dass ihre Version als weitere «Skandalstory» tatsächlich veröffentlicht wird.

Sind schwierige Fälle seit dem Fall eher Chefsache geworden?
Nein. Die Leitung von schwierigen Verfahren liegt bei jeweils einem unserer Behördenmitglieder. Diese besprechen schwierige Fälle mit den mitentscheidenden Behördenmitgliedern und im eigenen Team. Sobald es aber zu Drohungen kommt oder ein Fall mediale Aufmerksamkeit erregt, übernehme ich als Chefin die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden und der Öffentlichkeit und leite die notwendigen Schritte ein.

«Es gab keine Hinweise, dass die Mutter ihre beiden Kinder gefährden könnte.»

Der Untersuchungsbericht zum Fall Flaach entlastet die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde in fast allen Punkten. Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie für sich und die Kesb Winterthur-Andelfingen aus dem Bericht?
Für uns ist wichtig, dass die beiden Gutachten und die Aufsichtsbehörde klar zum Schluss gelangen, dass die Handlungen der Kesb in keinem ursächlichen Zusammenhang zur Extremtat vom 1. Januar 2015 stehen. Die Untersuchungen des Falles zeigen: Es gab zu keinem Zeitpunkt Hinweise darauf, dass die Mutter ihre beiden Kinder gefährden könnte.

Wie schwierig war es für Sie, sich in dem Fall einen Überblick zu verschaffen?
Die Kesb hatte aufgrund der damaligen Informationsgrundlage keine Chance, die Dynamik der Persönlichkeitsproblematik der Mutter zu erkennen. Dies zeigt die ganze Tragik dieses Falles. Wir sind erleichtert darüber, dass das Verfahren nun abgeschlossen ist und es für die Aufsichtsbehörde keinen Anlass gibt, spezifische aufsichtsrechtliche Massnahmen gegenüber der Kesb Winterthur-Andelfingen zu ergreifen.

Nun hält der Untersuchungsbericht zum Fall Flaach aber auch fest, dass die Kesb den Informationsfluss während eines solchen Verfahrens optimieren muss. Was sagen Sie dazu?
Seit die Kesb vor drei Jahren ihre Arbeit aufgenommen hat, haben sich die Verfahren stetig verbessert. Bei der Kommunikation von Platzierungsentscheiden zieht die Kesb Winterthur-Andelfingen seit letztem Jahr die Krisenintervention Schweiz als Unterstützung für die betroffenen Eltern bei. Wir begrüssen zudem jede Unterstützung für das Gesamtsystem. Wir begrüssen jede Unterstützung, welche zu einer weiteren Verbesserung der Kindesschutzverfahren führt. Die aufsichtsrechtlichen Massnahmen zur Entwicklung von Qualitätsstandards sind daher willkommen und werden wir selbstverständlich umsetzen. Die Kesb – und alle anderen Akteure im Kindesschutz – möchten vor allem eins: einen wirkungsvollen und guten Kindesschutz.

Das Interview wurde schriftlich geführt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.01.2016, 09:18 Uhr)

Karin Fischer ist seit 2012 Präsidentin der Kesb Winterthur-Andelfingen. Die 48-jährige Juristin und einstige Friedensrichterin hat die Kesb Winterthur-Andelfingen mitaufgebaut. (Bild: PD)

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