Den Fischotter ziehts nach Zürich

Im Kanton kann man den Fischotter in drei Anlagen sehen. Über kurz oder lang wird das Tier aber von selber einwandern.

Vor 20 Jahren gab es in der Schweiz keine frei lebenden Fischotter mehr – im Zoo Zürich waren die putzigen Raubtiere stets Publikumslieblinge. Foto: Reto Oeschger

Vor 20 Jahren gab es in der Schweiz keine frei lebenden Fischotter mehr – im Zoo Zürich waren die putzigen Raubtiere stets Publikumslieblinge. Foto: Reto Oeschger

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Heinrich Wintsch ist enttäuscht. Der Bauer und langjährige SVP-Gemeinderat von Gossau hatte eine schöne Idee, um seine Gemeinde attraktiver zu machen: In einem der alten Müliweiher in der Aussenwacht Ottikon sollten Fischotter angesiedelt werden, ein Männchen und zwei Weibchen, geschützt durch einen Zaun. Der Otter ist das Wappentier von Gossau, denn das Gebiet zwischen Greifensee und Pfäffikersee war früher einmal eine Sumpflandschaft, in der sich die Tiere wohlfühlten. Wintsch kam mit seiner Idee an. Der Gemeinderat als Ganzes begrüsste sie und trieb sie voran, das Veterinäramt befand den Standort für geeignet, und der Zoo Zürich wäre bereit gewesen, Tiere aus seiner Zucht nach Ottikon zu geben. Alles schien gut.

Doch nun ist das Projekt sistiert. Die kantonale Baudirektion hat das Baugesuch aus Gossau negativ beurteilt. Die Anlage bräuchte einen Zaun von gut 100 Meter Länge. Dafür gebe es keinen zwingenden Grund, weshalb das Fischottergehege ausserhalb der Bauzone gebaut werden müsse. Die Standortgebundenheit gemäss Artikel 24 des Raumplanungsgesetzes, die eine Ausnahmebewilligung erlauben würde, sei nicht gegeben. Man könnte auch einen künstlichen Teich im Dorf bauen, so wie das Männedorf schon vor über 30 Jahren gemacht hatte. Die Zürichseegemeinde führt den Otter ebenfalls im Wappen, weil sie einst von demselben Adelsgeschlecht regiert wurde wie Gossau.

Für Heinrich Wintsch ist diese Argumentation realitätsfremd, sie komme von einem «Schreibtischtäter», der sich die Situation vor Ort nicht einmal angeschaut habe. Die Idee, eine Fischotteranlage zu bauen, sei ja gerade wegen der besonderen Eignung des Müliweihers entstanden: «Es ist der richtige Lebensraum für den Otter.» Der Teich gehört zu einer Weiherlandschaft, die früher gewerblich genutzt und dann von der Gemeinde als Naherholungsgebiet für die Bevölkerung erworben wurde. Am grössten Weiher hat sich vor einiger Zeit schon ein Biber niedergelassen. Offenbar stören ihn die Leute nicht, die ab und zu an der Feuerstelle picknicken. «Dem Biber ist es vögeliwohl», sagt Wintsch. «Und die Fischotter wären eine zusätzliche Bereicherung gewesen.»

Als Botschafter erwünscht

Dass die Anlage nicht zustande kommt, findet auch Hans Schmid schade. Der Leiter Tierpflege im Zoo Zürich ist Präsident der Stiftung Pro Lutra, die sich für den Fischotter in der Schweiz einsetzt. Das Tier galt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als ausgestorben, in den letzten Jahren sind aber hin und wieder einzelne Tiere in der Schweiz aufgetaucht. Schmid ist sicher, dass der Fischotter zurückkommt, und Pro Lutra möchte die Bevölkerung darauf vorbereiten – nicht dass es zu Konflikten kommt wie bei Bär, Luchs und Wolf. «Ein Fischottergehege ist gut, weil die Leute das Tier sehen und kennen lernen können», sagt Schmid. Derzeit ist das im Kanton Zürich nur im Zoo, im Naturzentrum Sihlwald und in Männedorf möglich.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war der Fischotter in der Schweiz gezielt bejagt worden war, insbesondere von den Fischern, die den Nahrungskonkurrenten hassten. 1952 kam er unter Schutz. Doch der Restbestand konnte nicht überleben, auch weil sein Lebensraum zusehends schrumpfte. Bäche und Flüsse wurden begradigt und verbaut, es gab immer weniger Fische. 1989 wurde der letzte frei lebende Fischotter am Neuenburgersee nachgewiesen. 30  Jahre später dann die Überraschung: Eine Videoaufnahme vom Fischaufstieg des Kraftwerks Reichenau GR zeigte eindeutig einen Fischotter. Das war am 7. Dezember 2009. Am 28. Februar 2010 gelang nochmals eine Aufnahme, vermutlich vom selben Tier.

Woher der Otter gekommen war, konnte nie herausgefunden werden. Vielleicht war es Bolek, der 2007 aus dem Gehege in Männedorf abgehauen war. Oder es handelte sich um einen Einwanderer aus der Steiermark, wo es seit einigen Jahren wieder eine recht grosse Population gibt. Auch Frankreich hat eine wachsende Population. Von Savoyen her sind auch schon Fischotter über die Schweizer Grenze gekommen. 2011 und 2012 wurden Spuren im Wallis gefunden, im Frühling 2014 geriet ein Tier in eine Fotofalle in Genf.

Flüchtlingskinder in Bern?

Der jüngste Nachweis von frei lebenden Ottern gelang im Frühling 2015 in der Aare zwischen Bern und Thun. Dort gerieten ein Alttier und zwei Jungtiere in eine Fotofalle. Vermutlich sind es Nachkommen des Otterpaars, das 2005 beim Aarehochwasser aus dem Tierpark Dählhölzli entwischt war. Fischotterspezialistin Irene Weinberger hält es aber auch für möglich, dass der Vater oder die Mutter der Jungen ein wildes Tier ist, das sich auf der Durchwanderung befand. «Fischotter können sehr weit wandern, sie legen 10 bis 20 Kilometer am Tag zurück», sagt die Zoologin.

Sie vermutet, dass auch die beiden Jungtiere inzwischen von Bern weggewandert sind, die Aare aufwärts oder abwärts. Denn Fischotter sind Einzelgänger mit relativ grossen Territorien. Die Mutter vertreibt die Jungen, wenn sie circa ein Jahr alt sind. Wo die Berner Otter jetzt sind, weiss Weinberger nicht. Gut möglich, dass demnächst einer am Bielersee auftaucht. Oder dass einer via Aare und Limmat irgendwann in den Kanton Zürich gelangt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.01.2016, 21:56 Uhr)

Stichworte

Fischotter, Biber und Co.

Verwechslung mit Nutria

Der Fischotter (Lutra lutra) könnte in der Schweiz schon weiter verbreitet sein, als man weiss. Denn das Tier ist sehr schwierig zu sichten. Die Stiftung Pro Lutra erhält immer wieder Meldungen von Leuten, die meinen, einen Otter gesichtet zu haben. Oft sei es dann aber ein Biber oder gar ein Nutria, sagt Zoologin Irene Weinberger. Alle drei Tiere leben mehrheitlich im Wasser, sind ähnlich gross und haben ein bräunliches Fell. Das Nutria, ein südamerikanisches Nagetier, sieht aus wie eine Meersau – «eine sehr grosse Meersau», so Weinberger. Es ist in ganz Mitteleuropa verbreitet. Im Kanton Zürich wurde es schon in der Glatt beobachtet. Der Fischotter, der auch Wassermarder genannt wird, ist schlanker. Er hat ein extrem dichtes Fell und einen spindelförmigen Körper, was ihn zum schnellen Schwimmer macht. Mit dem Biber, der im Kanton Zürich mittlerweile wieder weit verbreitet ist, würde sich der Otter gut vertragen. Sie besiedeln denselben Lebensraum, ernähren sich aber verschieden. Der Biber ist Vegetarier, der Fischotter ein Fleischfresser. Laut Zoologe Hans Schmid vom Zoo Zürich bevorzugt der Otter Fische, bei Gelegenheit frisst er aber auch gerne Amphibien, Kaninchen und Vögel – selbst grosse. So habe der Fischotter im Zoo schon zweimal Graureiher überwältigt, die in sein Gehege gekommen waren. (an)

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