Zürich
Verlorener Kampf gegen das Quietschen am Bahnhof Stadelhofen
Von Jürg Rohrer. Aktualisiert am 29.07.2010 8 Kommentare
Sanierung kostet 1,8 Milliarden Franken
Bis Ende 2015 muss gemäss Bundesgesetz die Lärmsanierung der Eisenbahnen abgeschlossen sein. Das Bundesamt für Verkehr rechnet mit Kosten von 1,8 Milliarden Franken für Lärmschutzwände, Schallschutzfenster, Rollmaterialsanierungen und Ähnliches. Im Kanton Zürich betragen die Kosten 75 Millionen Franken für Lärmschutzwände und 15 Millionen Franken für Massnahmen an Gebäuden wie Schallschutzfenster oder Schalldämmlüfter.
Das schreibt der Regierungsrat auf eine Anfrage der SP-Kantonsrätinnen Eva Torp (Hedingen) und Sabine Ziegler (Zürich). Beim Strassenlärm werden die Sanierungskosten im Kanton Zürich auf 280 Millionen Franken geschätzt, die Hälfte davon fällt in den Städten Zürich und Winterthur an, die andere Hälfte in den Landgemeinden.
Neben diesen direkten Kosten gibt es auch die indirekten oder externen Kosten des Verkehrs. 90 Prozent sind Wertverluste von Liegenschaften, 10 Prozent Kosten im Gesundheitswesen. Schweiz-weit betragen diese indirekten Kosten rund eine Milliarde Franken pro Jahr, wovon 87 Prozent oder 869 Millionen Franken vom Strassenlärm herrühren und 13 Prozent oder 129 Millionen vom Schienenverkehr. Für den Kanton Zürich rechnet der Regierungsrat mit indirekten Lärmkosten von 190 Millionen Franken. «Die tatsächlichen Kosten dürften einiges höher sein, zumal die ganzen durch den Flugbetrieb hervorgerufenen externen Lärmkosten in den 190 Millionen Franken nicht berücksichtigt sind und auch weitere Angaben über externe Lärmkosten in den Bereichen Gewerbe und Industrie, Freizeit und Tourismus sowie Raumplanung fehlen.» (jr)
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Die Amerikaner, heisst es, versuchten, ihre Guantánamo-Häftlinge mit überlauter Heavymetal-Musik zum Sprechen zu bringen. Sie hätten es besser mit Kurvenkreischen probiert – das schmerzt viel mehr.
Zürichs akustische Folterkammer ist der Bahnhof Stadelhofen: drei Gleise nebeneinander in einer Kurve, darüber zur Hälfte ein geschwungenes Betondach, auf der Rückseite eine hohe Betonwand – Traumverhältnisse für den Lärm. Ohrenprobe gestern Vormittag: S 6, Gleis 1: ein Zischen, das bei der Abfahrt immer greller wird – wie der dünne Bohrer beim Zahnarzt. S 9: giftiges Zischeln, fast aggressiv. S 6, Gleis 2: gelbgiftiges Zischen, das wehtut. S 12, Gleis 1: zunehmendes Kreischen wie eine nervöse Kreissäge. S 15, Gleis 3: manierliche Einfahrt, einige verhaltene Quietscher zur Abfahrt. S 16, Gleis 1: hässliches, aggressives Kreischen zum Abschied. S 16, Gleis 2: anständiges Gerumpel. S 15, Gleis 1: Dauerzischen, richtig böse wie die Ringgeister im «Herr der Ringe».
Quietschdauer verkürzt
Kurz: Man hört und spürt fast bei jedem Zug, dass sich Eisenschiene und Eisenrad nicht mögen. Oder dass der Gott der Eisenbahnen taub ist. Dabei war der gestrige Tag gar nicht so schlimm, eher warm und leicht feucht. Richtig schlimm wirds bei kalter Trockenheit, dann halten sich die Fahrgäste am Stadelhofen sogar die Ohren zu und fragen sich: Wieso tun denn die SBB nichts gegen diesen Höllenlärm?
Sie haben sehr wohl etwas getan, nur merkt man das kaum. Seit Ende 2007 werden die drei Gleise im Bahnhof Stadelhofen automatisch geschmiert, das heisst, es wird eine dünne Flüssigkeit auf die Schienen gesprüht, die dann von den Rädern über die Schienen verteilt wird. Pressesprecher Roman Marti beteuert, dass die Anlagen immer noch in Betrieb seien – und funktionieren: «Gemäss akustischen Messungen hat sich die Quietschdauer im Mittel um 50 Prozent reduziert. Bei nicht eingeschalteter Schmieranlage erzeugen 40 Prozent der Zugfahrten Geräusche über 70 Dezibel, mit eingeschalteter Anlage sind es 20 Prozent.» Zum Vergleich: 70 Dezibel sind auch mit Schreien erzeugbar, mit einem Rasenmäher oder einem Staubsauger. Die Alarmgrenzwerte des Strassen- und Eisenbahnlärms liegen gemäss eidgenössischer Lärmschutz-Verordnung zwischen 60 und 75 Dezibel.
Gleise im Stadelhofen sind gefedert
Dass es im Bahnhof Stadelhofen quietscht und kreischt, erklärt Roman Marti so: «Kurvenquietschen ist bedingt durch ein Zusammenspiel von zahlreichen Faktoren. Ein wichtiger Faktor sind die Witterungsverhältnisse. Dazu kommen individuelle, fahrzeugbezogene Bedingungen: Muss der Zug in der Kurve bremsen, welche Geschwindigkeit fährt der Zug, wie sind die Räder des Zugs beschaffen sowie zahlreiche weitere technische Faktoren. Weil ein so komplexes Zusammenspiel von vielen Faktoren Kurvenquietschen auslöst, kann es mit der heutigen Technik leider nicht vollständig eliminiert werden – auch nicht mit Schmieranlagen.»
Die Gleise im Stadelhofen sind zwar mit sogenannten Unterschottermatten gefedert. Das dämpft Vibrationen, hat aber keinen Einfluss aufs Quietschen. Das Gleiche gelte für Schallschlucker an den Wänden. Sie würden zwar den Widerhall dämpfen, aber nicht das Quietschen selbst. Auch gäbe es für solche Wände kaum Platz, und die preisgekrönte Ästhetik der Betonkonstruktion von Santiago Calatrava wäre dahin.
Starre Achsen quietschen in Kurven
Schaut man sich im Internet unter «Kurvenquietschen» um, stösst man auf unzählige Artikel. Ursache ist letztlich eine «systemtypische Unzulänglichkeit des Rad-Schiene-Systems». In Kurven laufen die mit starren Achsen verbundenen Räder nicht parallel zur Schiene, weshalb sich Eisen an Eisen reibt. Das Problem ist lösbar mit einzeln aufgehängten und angetriebenen Rädern wie beim Cobra-Tram. Cobras quietschen in den Kurven nicht, dafür neigen die Räder im komplizierten Fahrwerk zur Verformung. Man ist das Quietschen los und hat dafür das Rumpeln am Hals.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.07.2010, 22:21 Uhr
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8 Kommentare
Es is ja ganz einfach: Bahnwagen-Bremsen werden mit Luftdruck betrieben. Die einzelnen Räder sind nicht mit Geschwindigkeitsmesser bestückt. In einer Kurve, dreht das innere Rad längsämer als das äussere Rad, der Bremsdruck is jedoch genau gleich für beide Räder einer Achse (ca. 20 psi). Damit bremst das innere Rad stärker als das Aeussere, was dann das Quietschen auslöst. Live with it....lol! Antworten
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