Der Heilsarmee-Offizier, der den Teufel austreibt
Von Michael Meier. Aktualisiert am 03.02.2012 19 Kommentare
Umstrittene Praktiken: Heilsarmee-Offizier Beat Schulthess. (Bild: pd)
Im besten Fall ein Placeboeffekt
Der Befreiungsdienst zur Lossprechung von Dämonen hat in der reformierten Landeskirche keinen guten Ruf. Georg Otto Schmid von der Evangelischen Informationsstelle nimmt an, dass der Grossteil der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer ihn ablehnt. Für sie sei der im Neuen Testament ausgeprägte Dämonenglaube ein vorwissenschaftlicher Versuch zur Beschreibung von psychopathologischen Krankheiten. Die auffällige Persönlichkeitsveränderung, die mit psychischen Leiden einhergehen kann, wurde als Einwirken eines bösen Geistes gedeutet. Schmid zufolge rechnen manche evangelikal-charismatischen Pfarrer mit der Existenz von Dämonen im neutestamentlichen Sinne. Wobei unter ihnen Dissens bestehe, ob auch ein Christ von Dämonen besessen sein könne. Für dämonische Belastungen gebe es für die Befreiungsdiener verschiedenste Gründe: eine Sucht oder der Umstand, dass ein Ahne Freimaurer war.
Schuldgefühle bei Versagen
Schmid hört vom Befreiungsdienst vor allem dann, wenn dieser negative Wirkungen zeitigt. Er hat es mit Leuten zu tun, die von Befreiungsdiener zu Befreiungsdiener pilgern und keine Erleichterung erleben. «Weil sich bei ihnen keine Besserung einstellt», sagt der Religionsexperte. Kritisch betrachtet, funktioniere der Befreiungsdienst wohl durch einen Placeboeffekt. Zeige die Behandlung keine Wirkung, werde die Schuld gern dem Hilfesuchenden zugeschoben. «Offenbar hat er einen besonders starken Dämon oder einen zu schwachen Glauben», heisse es dann. Gerade bei Psychotikern, die Mühe mit der Wahrnehmung der Realität hätten, seien alle Heilversuche gefährlich, bei denen Geister im Spiel seien. Laut Schmid treten die meisten Befreiungsseelsorger nüchtern und seriös auf und grenzen sich gerne von extremen Kollegen ab.
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Ein schmuckloses Bürogebäude mitten in Uster: Im zweiten Stock feiern hundert Gläubige einen Heilungsgottesdienst und lobpreisen Gott. Heilsarmee–Offizier Beat Schulthess predigt an diesem Sonntag über die Auferweckung des schon halb verwesten Lazarus durch Jesus. «Wie Lazarus dürfen wir alle heute Morgen, die wir von der Sünde gebunden und gefesselt sind, zum Grab heraussteigen.»
Dann sitzt man im Kreis und betet in Fünfergruppen. «Jesus, mache unsere blutrote Sünde wieder weiss», fleht eine Frau. Acht Gläubige, die an Angstzuständen und anderen Drangsalen leiden, gehen nach vorne, sprechen sich mit den Seelsorgern im Stillen aus. Schulthess legt ihnen die Hände auf, salbt sie mit Öl und betet für sie.
Rettung für Sodomisten
«Wir sind eine Rettungsstation für Gestrandete», erklärt der vierfache Vater im Gespräch. Die Heilsarmee Zürcher Oberland sei nicht vorrangig für Clochards oder Alkoholiker zuständig. Vielmehr kümmere sie sich um wenig beachtete Randgruppen. Etwa um Sodomisten. In der Predigt sagt Schulthess, dass Sodomie viel häufiger vorkomme, als man meine. Tatort Bauernhof: Junge Männer, aber auch Frauen hätten nicht selten Verkehr mit Tieren.
Der Heilsarmist erzählt von einem jungen Bauern, der mit einem Rind verkehrt habe, mit Hunden und anderen Tieren. «Solche gebundenen Leute kommen teils von weit her, haben den Mut, ihre Sünde zu bekennen und werden frei.» Darum gibt es die Heilungsgottesdienste. Sie sind eine neue Einrichtung, damit Hilfesuchende nicht mehr so lange warten müssen. Denn das Heilsarmee-Seelsorgezentrum Hesekiel in Uster wird überrannt: Schulthess ist mit seiner Frau Monika und einem 30-köpfigen Team über 8000 Stunden jährlich im Einsatz. Er berät Menschen bei Internet- und Pornosucht.
In erster Linie aber «sind wir eine Rettungsstation für Menschen aus dem Okkultismus und Satanismus». Für Leute, präzisiert Schulthess, die Satan anrufen oder in «Blutsverschreibungen» gar ihr Leben dem Teufel verschreiben. Heute machten 5 bis 7 Prozent aller 15- bis 20-Jährigen Erfahrungen mit Satanismus. Wobei viele bloss mal aus Neugier Anleitungen im Internet anschauten und das oftmals mit Angstzuständen bezahlten. Zwar redet der Heilsarmist nicht von einer Satanistenszene, wohl aber von Satanskirchen und kleinen Zirkeln, die im Verborgenen aktiv seien.
«Im Namen Jesu Christi»
All diese Leute ermuntert Schulthess, ihr Leben mit Gott in Ordnung zu bringen und es Jesus Christus zu übergeben.Der Heilsarmist arbeitet seit 20 Jahren mit dem Befreiungs- und Heilungsdienst sowie Lossprechungen. Damit ist die Befreiung von dämonischer Gebundenheit gemeint. Bei einer Lossprechung legt er manchmal die Hände auf den Kopf oder salbt die Stirn mit Öl und sagt: «Im Namen Jesu Christi löse ich dich raus aus dem Machtbereich des Dämons.» Oder zum Dämon selber: «Gehe dorthin, wo Gott dich haben will.» Klar, dass Schulthess an Mächte und Dämonen glaubt. Schliesslich seien für Jesus Dämonen selbstverständlich gewesen. Der Befreiungs- und Heilungsdienst ist Exorzismus. Schulthess nennt sich selber aber nicht Exorzist, obwohl er die Dienste der katholischen Exorzisten anerkennt.
Der Befreiungsdiener schwört auf die Unterscheidung der Geister: Ist eine Krankheit nur psychisch oder okkult bedingt? So gelte es herauszufinden, ob starke körperliche Symptome wie Zittern, Zucken, Erbrechen oder Umsichschlagen auf einen Dämon zurückzuführen seien. «Frauen, die sexuell missbraucht wurden, haben oft körperliche Reaktionen, die rein seelisch bedingt sind, ohne dass ein Dämon dahintersteckt.» Bei Anhängern aus einer Satanskirche, die Geister angebetet hätten, könne es aber sein, dass eine Macht von ihnen Besitz ergriffen hätte. Wie beim Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Dann sei ein geistlicher Gebetskampf mit der dämonischen Macht angesagt.
Der Befreiungsdienst ist äusserst umstritten. Was Schulthess nicht leugnet. Ja, sagt er, es kämen Leute zu ihm, die «befreiungsdienstgeschädigt» seien. «Menschen, die von Seelsorgern manipuliert, blossgestellt oder in die Enge getrieben wurden». Es sei verfehlt, bei Menschen, die nahe an einem psychotischen Schub seien, nochmals eins draufzugeben. Für sich nimmt Schulthess in Anspruch, seriös vorzugehen, die Diagnose gründlich abzuklären, «in die Nöte reinzubeten» und innere Heilung anzustreben, bis das ganze Leben aufgearbeitet sei. Dabei arbeite er auch mit Ärzten und Psychiatern zusammen. Gerade weil der Befreiungsdienst heikel sei, praktiziere man ihn nie öffentlich. «Wenn jemand im Gottesdienst Symptome dämonischer Belastung zeigt, tragen wir ihn sofort hinaus.» Es seien immer drei bis vier Befreiungsdiener zugegen, weil es bei Alleingängen zu Zusammenbrüchen von Seelsorgern kommen könne. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht überall den Teufel sehen.»
Unerlöste Seelen vertreiben
Schulthess lässt sich auch zu Häuserbefreiungen rufen, von Menschen, die glauben, dass es bei ihnen zu Hause spukt. Dann geht er betend und segnend durch die Räume, in denen unerlöste Seelen oder Wiedergänger ihr Unwesen treiben. Auch dort, wo einst Pendler und Rutengänger gewirkt hätten, nisteten sich finstere Mächte ein.
So wie er an Dämonen glaubt, sind für ihn auch Heilungen und Wunder real. Beat Schulthess ist selber zweimal von Krebs geheilt worden, wie er sagt. Wobei er nicht weiss, ob die Tumorerkrankung einen Zusammenhang mit seiner Arbeit hatte. Was er damit meint, illustriert er an der Geschichte seines Sohnes, der vor 20 Jahren als kleines Kind an Leukämie erkrankt sei. «Die Ursache dafür war eine Verfluchung. Jemand aus einem okkulten Zirkel hatte eine Verwünschung über uns ausgesprochen. Wir konnten den Fluch durch Gebet lösen, in einer Woche wurde mein Sohn geheilt.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.02.2012, 10:17 Uhr
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19 Kommentare
Kommen wir aus dem Mittelalter eigentlich nie raus? Bis diese finstere Epoche überwunden sein wird geht es wohl fast wieder nahtlos in ein neues Zeitalter der Dunkelheit - Fundamentalisten, religiöse Eiferer aller Couleur, Kreationismus, radikale, orthodoxe, fanatische Vertreter aller Religionen usw. usw. ... Antworten
Ja, ja: "Im Namen Christi" oder: "Im Namen des Herrn", oder "Gott mit uns" Mit solchen infantilen Sprüchen wurden ganze Kriege gerechtfertigt! Heilsarmee bleibt bei euren Leisten und verzichtet auf solche verdummenden, den gesunden Menschenverstand beleidigenden Aussagen. Antworten
Zürich
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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