Zürich

Startseite · Abo · Immobilien · Job · Auto · Kleinanzeigen

Der Pfarrer liest Dorf die Leviten

Von René Staubli. Aktualisiert am 04.12.2009 32 Kommentare

Die Gemeinde Dorf im Weinland hat die Minarett-Initiative mit 76,5 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Warum hat die Bevölkerung so abgestimmt? Es ging ums Benehmen, um die Landschaft und um Vertrauen.

Ein Bild von einem Dorf: Eine kleine Kirche, neue und alte Häuser einträchtig beisammen, das Weingut auf dem Hügel.

Postkarte

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Dorf mit dem gleich lautenden Namen ist ein wunderschöner Flecken im Weinland zwischen Henggart und Flaach. Der Kern besteht aus alten Bauernhäusern. Ihn umfasst ein Gürtel von überschaubaren Einfamilienhausquartieren mit grossen, gepflegten Gärten. Die etwas über 40-jährige Anna Meier* wohnt seit mehr als zehn Jahren in Dorf, ist kürzlich Bürgerin geworden und übt eine hochqualifizierte Tätigkeit im technischen Sektor aus. Deutlicher möchte sie nicht werden – aus Angst, dass «gewisse Leute» ihre Äusserungen zur Minarett-Initiative als Provokation auffassen könnten.

Anna Meier hat «mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, dass die Stimmberechtigten von Dorf die Minarett-Initiative so deutlich angenommen haben». Sie habe nichts gegen Moscheen und auch nichts dagegen, dass Muslime hier ihren Glauben ausübten. Ein Problem habe sie hingegen mit dem «respektlosen Verhalten vieler dieser Männer, mit denen ich oft zu tun habe». Sie seien «mehrheitlich aufdringlich, dominierend und mit ihrem Verhalten für Frauen eine Zumutung». Die Bereitschaft fehle, Frauen als gleichberechtigt zu akzeptieren. «In dieser Situation Minarette als weithin sichtbare Machtsymbole zu erlauben, wäre ein falsches Signal gewesen», sagt sie vehement.

Mit ihrem Ja wollte Anna Meier ein doppeltes Zeichen setzen: «Stopp der schleichenden, von intolerantem Verhalten gegenüber Frauen geprägten Islamisierung in der Schweiz. Und Stopp den Schweizer Politikern, welche die Bedenken der Bevölkerung nicht ernst nehmen.» Ihnen mangle es an Glaubwürdigkeit. Ein Beispiel sei die Abstimmung über rauchfreie Gaststätten, wo sie den Willen der Mehrheit nicht respektierten und alles daransetzten, das beschlossene Verbot zu unterlaufen.

Es gibt keine Sozialhilfebezüger

Hoch über dem Dorf, inmitten von Reben und Wiesland, liegt das Weingut Schloss Goldenberg mit dem dazugehörigen Golfklub. Heiner Kindhauser arbeitet hier als Weinbauer auf dem Familienbetrieb, der jedes Jahr 100'000 Liter keltert, teilweise noch in alten Eichenfässern. Als Parteiloser gehörte er einst dem Gemeinderat an; auch er hat für das Minarettverbot gestimmt.

«Ich stehe voll und ganz zur Religions- und Meinungsfreiheit», sagt Kindhauser. Diese Freiheiten zählten zu den grossen Stärken unseres Landes. Er finde einfach, «Minarette als weithin sichtbare Symbole des Islam passen optisch nicht in ländliche Gegenden». Gegen Moscheen habe er nichts, wenn sie sich in die Umgebung einfügten. Mit seinem Ja habe er keine andern politischen Ziele verfolgt. Für Leute, welche zum Beispiel aus Protest gegen die Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte für das Minarettverbot gestimmt hätten, fehle ihm das Verständnis: «So löst man keine Probleme.»

Wer könnte ein Dorf besser beschreiben als der Gemeindepräsident und die Gemeindeschreiberin? Werner Winkler und Ursula Spitzli tun es im Sitzungssaal des Gemeindehauses. Dorf hat seine Finanzen so gut im Griff, dass der Kanton nicht ins 2,3-Millionen-Budget dreinreden kann. Von den 645 Einwohnern sind die Hälfte Alteingesessene. Von den Neuzuzügern arbeiten die meisten in Winterthur und Zürich. Dorf ist eine sehr junge Gemeinde: Ein Viertel der Einwohner sind noch nicht 18. Und es ist eine sehr schweizerische Gemeinde mit nur 40 Ausländern. In Dorf gibt es keine Sozialhilfebezüger.

55 Prozent für SVP, 9 für EDU

Werner Winkler ist parteilos – wie die andern vier Gemeinderäte, darunter eine Frau. Es gibt keine Ortsparteien. Bei den letzten Nationalratswahlen entfielen 55 Prozent der Stimmen auf die SVP und 9 Prozent auf die Eidgenössisch-Demokratische Union (EDU). Das erklärt einen Teil des Abstimmungsergebnisses vom Sonntag, aber nicht die ganzen 75,6 Prozent. Sie hätten mit der Annahme gerechnet, sagen Winkler und Spitzli übereinstimmend, «aber nicht in diesem Ausmass».

Dorf habe kein Ausländerproblem, betonen sie. Vor einigen Jahren habe man eine Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien eingebürgert, die nun aber wieder weggezogen sei; die Kinder seien gut integriert gewesen. Überhaupt: Alteingesessene und Neuzuzüger kämen bestens miteinander aus. Man sei meist per Du, nehme am Vereinsleben teil, treffe sich an Unterhaltungsabenden in der Mehrzweckhalle, am Familien-OL oder am Dorffest, wo im September der Schweizer Rockmusiker M. G. Grace auftrat. An der Abendunterhaltung des Turnvereins vom vergangenen Samstag hätten viele Junge gesagt, sie gingen diesmal stimmen, erzählt Werner Winkler. Er habe bei ihnen «ein Unbehagen gespürt, ohne dass ich genau sagen könnte, was es war». Tatsächlich machten 292 von 442 Einwohnern von ihrem Stimmrecht Gebrauch; das sind 66 Prozent.

«Die Verantwortung tragt ihr»

Auf dem Weg durchs Dorf trifft man auf grasende Ponys in morastigem Geläuf und auf rosa Schweinchen. Vor schmucken Einfamilienhäusern stehen glänzende Offroader. Eine Werkstätte bietet russische Motorräder der Marke Dnepr Ural für 18'000 Franken an. Am Dorfladen (Landi) vorbei kommt man zur reformierten Kirche mit ihren 20 Sitzbänken. Dort hat Pfarrer Michael Baumann (39) am Sonntagabend vor rund 30 Gläubigen eine Predigt zum Thema Nächstenliebe gehalten.

«Mehr als drei Viertel von euch haben die Minarette verboten! Keine einzige Gemeinde im ganzen Kanton Zürich war misstrauischer. Das müsst ihr mit euch selber ausmachen», redete er seinen Schäfchen ins Gewissen. «Seid gewarnt», fuhr er weiter: «Die Kreise, welche die Initiative angezettelt haben, tragen die Verantwortung nicht, die tragt ihr selber.» Als Nächstes komme dann vielleicht das Glockengeläuteverbot, die vollständige Trennung von Kirche und Staat oder die Abschaffung des Religionsunterrichts.

Pfarrer muss sich Predigten anhören

Danach musste sich auch der Pfarrer Predigten anhören: Wie das denn sei mit der Unterdrückung der Frauen im Islam und mit der Verfolgung von Christen in islamischen Ländern? Da herrsche doch auch keine Nächstenliebe. Es entwickelte sich eine Diskussion, die Pfarrer Baumann in seiner Einschätzung bestärkte: «Viele Dorfbewohner sind der SVP-Argumentation gefolgt. Denn mit den ganz wenigen Muslimen in Dorf hat niemand je Probleme gehabt. Die SVP findet in Dorf einen guten Boden von stramm konservativen Bürgern, auch bei den Zugezogenen.»

Ihm komme das deutliche Abstimmungsergebnis vor «wie ein Tsunami», sagt der Pfarrer. 75 Prozent Ja-Stimmen – das sei fast schon ein Gesprächsverbot: «Das Thema Islam wird nun zu einem Tabu.» Wir fragen den Pfarrer, welcher Bevölkerungsteil von Dorf denn den Bau von Minaretten erlauben würde? «Vielleicht die Leute, die schon einmal im Ausland gelebt und gearbeitet haben», sagt er, «Leute aus der Bildungslandschaft, Lehrer.»

Etwas abgelegen wohnt Brigitte Sauvain. Sie züchtet Pferde, und ihre Hunde verstehen sich mit der Hauskatze bestens. Sauvain ist Präsidentin der Schulpflege. Zur Minarett-Initiative möchte sie sich ausdrücklich nur als Privatperson äussern. Auch sie hat für das Bauverbot gestimmt. Sie habe damit «ein Zeichen setzen wollen gegen die inakzeptable Art und Weise, wie die islamische Kultur mit Frauen umgeht».

Es ging um verbreitetes Unbehagen

Bei der Abstimmung sei es ihrer Meinung nach nicht in erster Linie um die Minarette gegangen, sondern um ein verbreitetes Unbehagen in der Bevölkerung angesichts der Ausländerpolitik der Schweizer Regierung. Diese nehme nicht zur Kenntnis, dass viele Menschen angesichts des grossen Zustroms von Arbeitskräften aus dem Ausland um ihre Stellen fürchten. Das habe nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, «sondern mit dem Gefühl, dass der Regierung mehr an der Liberalisierung des Arbeitsmarktes liegt als am Wohlergehen der eigenen Bevölkerung». Viele Menschen hätten das Vertrauen in die Politiker verloren, sagt Sauvain. Diese argumentierten, für Minarette brauche es immer zuerst eine Baubewilligung; die Autonomie der Gemeinden sei also gewährleistet. Doch in Wangen bei Olten habe der Kanton die ablehnende Haltung der Gemeinde umgehend korrigiert. So etwas schaffe Misstrauen.

Mit dem Minarettverbot sei im Übrigen die Glaubensfreiheit nicht tangiert: «Beten in Moscheen ist nach wie vor erlaubt.» Sauvain ruft in Erinnerung, «dass Juden in der Schweiz keine Tiere schächten dürfen, obwohl das zu ihrer Religion gehört – es hat aber niemand etwas gegen das Schächtverbot einzuwenden». Analog dazu sei es Muslimen zuzumuten, auf die starke Symbolik der Minarette zu verzichten.

* Name von der Redaktion geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2009, 04:00 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

32 Kommentare

Kemal Tükel

04.12.2009, 17:01 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ich bin Moslem, nicht wirklich gläubig, besuchte nie eine Moschee, war Offizier in der Schweizer Armee und diene heute noch dem Volk/Bürger dieses Landes. Aber ich bin befremdet, wie in diesem Land politisiert wird, wie die Menschen miteinander umgehen. Wir haben hier grössere Probleme, als dass wir uns unbedingt neue schaffen müssen. Denkt doch einfach bitte an die Zukunft unserer Kinder. Schande Antworten


Heinz Müller

04.12.2009, 10:09 Uhr
Melden

Bravo @Marcel Niedermaier!! Vielleicht will ja die CH-Mehrheit die lästigen Institutionen - und die Bundesverfassung gleich mit - abschaffen und wieder vor 1848 zurückkehren - 1291 ist eh wichtiger ;-). Dann hätten wieder alle die Freiheit sich auf ewig gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Antworten



Zürich

Lokalverzeichnis

Werbung

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.